Comic-Blog

Platthaus_AndreasGeister, die wir nicht mehr loswerden wollen
von Andreas Platthaus

Deutsche Weltliteratur, adaptiert und illustriert von Italienern: Andrea Grosso Ciponte will für den neuen Verlag Edition Faust zehn Klassiker-Comics zeichnen.

Ist das ein deutscher Comic? Stellt sich die Frage überhaupt? Ja, die Stoffe sind deutsch: E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“ etwa oder Friedrich Schillers „Geisterseher“. Aber sie sind eben auch Weltliteratur, und deshalb hat Andrea Grosso Ciponte sie ausgesucht, um Comics daraus zu machen. Wobei der 1977 geborene Professor für Computergrafik an der italienischen Universität von Capanzaro und seine ein Jahr jüngere Szenaristin Dacia Palmerino mit ihrer Arbeit dem Wunsch eines jungen deutschen Verlags nachgekommen sind, der wiederum von einem italienischstämmigen Mann gegründet worden ist: Michele Sciurbas „Edition Faust“. Produziert wird für den deutschen Markt, weshalb die Texte von Myriam Alfano wieder aus dem Italienischen zurückübersetzt werden, in enger Anlehnung an die Originale.

Eine irre internationale Geschichte also, so irre wie der „Sandmann“ oder der „Geisterseher“ selbst. „Dust Novel“ heißt die Reihe, mit der die Edition Faust auf den gegenwärtigen Trend zu Literatur-Comicadaptionen setzt, und dieser Name verheißt etwas von der Dunkelheit der dafür ausgesuchten romantischen Erzählvorlagen. Das Besondere aber ist, dass die ganze Reihe von Ciponte gezeichnet werden soll, insgesamt sind zehn Bände im Gespräch. Der dritte, nach Kleists „Marquise von O…“, ist schon fertig, obwohl das Projekt erst vor einem Jahr beschlossen wurde.

Wie macht Ciponte das, zumal die anfängliche Idee, alles in Schwarzweiß zu illustrieren, zugunsten von Farbe aufgegeben wurde? Sicherlich kommt Cipontes Beruf ihm zugute, doch nach Computergrafik sieht hier gar nichts aus. Vielmehr wechselt der Zeichner auch noch von Band zu Band seinen Stil (einen Eindruck bekommt man hier). Und die Kolorierungsprinzipien ebenfalls: Ist der „Sandmann“ in vielen Farben mit einem Schwerpunkt auf Braun und Grün gehalten, wählte Ciponte für den „Geisterseher“ vor allem ein kaltes Blau. Die Stimmungen beider Erzählungen trifft das jeweils sehr gut.

Gedruckt ist alles auf schwarzem Papier, und die Verarbeitung der Bände ist aufwendig: Hardcover, individueller Umfang (einmal 56, dann 64 Seiten). Hier stellt sich ein Verlag in den Dienst seines Autors. Es entsteht eine kleine Bibliothek der Romantik, die als Comicvorhaben weltweit einzig dastehen würde, wenn Ciponte wirklich durchhält. Ob sich ein Publikum für die in Bilder verwandelten Meistererzählungen findet, ist jedoch fraglicher, denn leicht zugänglich wirken die Bücher nicht.

Das ist aber Programm, denn man will die komplexen Stoffe nicht banalisieren. Wie es Ciponte und seiner Szenaristin gelingt, die Ursprungstexte auszudünnen und Fehlendes durch die Zeichnungen zu ersetzen, das lohnt einen näheren Blick, denn hier wird sehr klug gearbeitet. „Klassisch“ muß man dagegen die graphische Herangehensweise nennen, so unterschiedlich sie von Band zu Band auch ausfällt. Ciponte hat erkennbar viel von seinem Landsmann Sergio Toppi gelernt – eine gute Schule, aber auch eine, die nicht dem entspricht, was derzeit auf dem Graphic-Novel-Markt reüssiert. Aber danach schielt die Edition Faust auch gar nicht, sonst hätte sie aufs Albenformat verzichtet. Hier sind Comic-Überzeugungstäter am Werk, deren Mut man gern belohnt sähe.