Daniel Sibbe: „Mein Vorbild Sondermann…“ (1)

Daniel Sibbe ist Sondermann-Stipendiat 2017. Auf sondermannverein.org lässt „der älteste Praktikant aller Zeiten“ (Titanic-Chefredakteur Tim Wolff) sein Leben in letzten autobiografischen Zügen noch einmal regelmäßig an sich vorbeiziehen.

MEIN VORBILD SONDERMANN… und was daraus wurde (Folge 1)

Kindheit und Jugend (I)

Aufgewachsen in einem westfälischen Wallfahrtsstädtchen, wurde mir durch das Bestreben meiner protestantischen Mutter, sich ihren konfessionellen Makel nicht anmerken zu lassen, von klein auf eine Erziehung im streng katholischen Sinne zuteil. Allsonntäglich redete sie spätestens beim Geläut der Glocken vehement auf ihren Ehemann ein, mit mir die heilige Messe zu besuchen, und stellte ihn so jedes Mal vor das Dilemma Kirchgang versus Frühschoppen.
Bis eines Tages mitten in der Eucharistie das Böse in Gestalt einer körperlichen Unpässlichkeit in mich fuhr; mir wurde schwarz vor Augen, ich bekam weiche Knie und rumpelte mit letzter Kraft an den verdatterten Gläubigen vorbei ins Freie, wo ich schließlich auf dem Kopfsteinpflaster des Kirchplatzes lang hinschlug. Ohne Umschweife exorzierte mich mein Vater daraufhin in seiner nahegelegenen Stammkneipe mit einem großen Glas Malzbier und stärkte seinen durch die kräftezehrenden Strapazen der Teufelsaustreibung geschwächten Körper noch mit dem einen und anderen Pils, bevor es wieder nach Hause an den bereits gedeckten Tisch ging.
Fortan kollabierte ich Sonntag für Sonntag zumeist schon auf dem Hinweg zur Kirche, wurde auf bewährte Art und Weise von meinem Vater inmitten von Bierdunst und Zigarettenqualm beschworen und entwickelte mich so ganz zur Freude meiner Mutter zu einem guten Christenmenschen.

Über Mozart weiß man ja mittlerweile allerhand unnützes Zeug. Von wissenschaftlicher Relevanz dürfte dagegen meine Vermutung sein, dass der Bub ohne allzu engen Kontakt zu seinen Großmüttern aufgewachsen ist. Denn hätte er wie ich jedes Weihnachten das abendliche Gezeter einer bereits mit Buttercremetorte und »Eckes Edelkirsch« bei Laune gehaltenen Oma über sich ergehen lassen müssen, der Junge (ich) möge doch gefälligst etwas auf dem Klavier vortragen, wofür beteilige sie sich denn mit einem hübschen Sümmchen ihrer kärglich bemessenen Rente an meiner musikalischen Erziehung, um dann nach wenigen von mir gespielten Takten zu keifen, nun reiche es aber auch mit dem unsäglichen Geklimper, und man könne es wohl kaum noch abwarten, sie unter die Erde zu bringen – wer weiß, ob aus dem Salzburger Wunderknaben nicht doch ein recht bedeutungsloser Luftikus geworden wäre?

(Fortsetzung folgt)

Sondermann stipendiert

In jährlicher Folge ermöglicht der Verein einem jungen Autor oder Zeichner aus dem Bereich der Komischen Kunst einen Arbeitsaufenthalt in Frankfurt.

Der Sondermann-Stipendiat des Jahres 2017 ist der jung(geblieben)e „Nostalgiewichser“ (Titanic 10/16) Daniel Sibbe! Seit Ende September unterstützt der Sondermann e.V. ihn bei einem dreimonatigen Praktikum in der TITANIC-Redaktion.

Sibbe, geboren 1973 in Werl, lebt in Dortmund und ist austherapierter Sonderpädagoge. Er schreibt regelmäßig für TITANIC und titanic-magazin.de, das Wuppertaler Stadtmagazin ITALIEN sowie in seiner Kolumne „Sibbe sabbelt“ für den Soester Anzeiger.

Exklusiv: Fabian Lichter über Frankfurt

Der TITANIC-Redakteur und Journalist Fabian Lichter war 2016 Stipendiat des Sondermann e.V. – heute widmet er uns diesen Text.

Endstation Frankfurt

Ich stehe vor dem Bahnschalter und möchte gerne lösen. „Ui, des isch aber ganz schön weit, junger Mann“, warnt mich die Mitarbeiterin im Bahnhof meiner Geburtsstadt Singen am Hohentwiel, als ich – zum Zeitpunkt zarte 28 Jahre alt – alleine ein Ticket nach Frankfurt am Main erstehen möchte. Wir sorgen uns beide ein wenig. Sie sich um mich und ich mich sowieso um mich.

Hartes Pflaster Frankfurt. Während die Fahrkarte aus dem Drucker gekrochen kommt, blicke ich die Frau an und meine genau zu wissen, was sie in diesem Moment denkt: „Warum fährt der Kerle jetzt ausgrechnet nach Frankfurt? Auch noch zum Hauptbahnhof. Dabei haben mir hier so schöne Städtle zum anfahre bei uns im Landkreis und Umgebung: Orsingen-Nenzingen, Sipplingen, Gailingen, Dettingen, Orwingen, Frickingen, Kreuzlingen, Worblingen, Hilzingen, Steißlingen, Eigeltingen, Bermatingen – und der Seckel will ausgrechnet nach Frankfurt!“

Doch meine Geschichte ist zu kompliziert, um sie ihr jetzt und hier mal eben schnell erzählen zu können, also antworte ich mit einem knappen: „Ja, stimmt!“ Ich muss ja zur Titanic, nach Bockenheim. Nach Wald-und Wiesenschuljahren in den tiefsten Winkeln süddeutscher Provinznester, Jahren in Freiburg im Breisgau und zeitweise auch mal dem nordhessischen Kassel, einem Leben auf dem zweiten, dritten, vierten – jedenfalls einigen Bildungs- und Studienwegen, geht es nun in die verhältnismäßig große Stadt. Frankfurt! Hier haben schon Geistesgiganten wie Theodor W. Adorno, Eckhard Henscheid und Volker Bouffier Unglaubliches vollbracht. Sternchen wie Johann Wolfgang von Goethe und Sonya Kraus haben ihre Wurzeln in der Hessenmetropole. Was bringt mir die Zukunft? Kann ich auch nur ein bißchen so sein wie sie?

Andere sind hier gnadenlos abgeschmiert, zerbrochen. Weil sie zu naiv waren, zu träumerisch vielleicht, den Verlockungen des urbanen Lebens nicht widerstehen konnten, siehe Michel Friedman. Entsprechend aufgeregt stehe ich nun da. Das mögliche Scheitern, die Gefahren der Großstadt, alles im Hinterkopf. Das gefährlichste, das einem im heimischen Baden-Württemberg passieren kann, sind im Grunde nur die bisweilen leicht erhöhten Kalkwerte im Leitungswasser, Regenwetter oder Schnecken im Garten. Auch kein Pappenstiel, keine Frage. Aber in Frankfurt geht es richtig ab, das weiß ich. In Frankfurt, so stelle ich es mir vor, da fliehen die Schnecken freiwillig aufs Land.

Das also waren meine Gedanken, als ich einst nach Frankfurt fuhr, die ersten Tage liegen inzwischen längst wieder weit hinter mir, Ängste und Sorgen haben sich gelegt, man ist angekommen. Zwar habe ich bis dato weder ein philosophisches Hauptwerk hingelegt, noch ein Kokainproblem entwickelt, dennoch habe ich den Ticketkauf am Singener Bahnhof nicht bereut. Und Orsingen-Nenzingen habe ich bis heute nie gesehen!

Exklusiv: Ella Carina Werner über sterbende Alt-Banker

Die TITANIC-Redakteurin und Romanautorin Ella Carina Werner war 2015 Stipendiatin des Sondermann e.V., dem sie den folgenden Text widmete.

Weißes Konfetti.
Grüße aus dem Sterbehaus

„In der Deutschen Bank nennen sie es: das Sterbehaus.“
– DIE ZEIT, Nr. 43, 2015

Der Renzel wieder. Wie schlaff der über seinem Schreibtisch hängt und mit dem Kugelschreiber in der Ohrmuschel pult, der alte Pfeffersack. 89 Jahre alt und schon so arbeitsscheu wie ein bulgarischer Broker.

Er nicht. Achim Morst, 93 Jahre, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank 1979 – 1993. Noch immer kommt er jeden Tag ins Büro. Einmal Verantwortung, immer Verantwortung, da kann man sich nicht drücken, und zu Hause sitzt seine sabbernde Frau und lallt „Hoch auf dem gelbem Wagen“.

Jetzt gerade könnte er zum Beispiel mal wieder was lochen.

Gelocht hat er seit Tagen nicht. Den „Deutsche Bank Geschäftsbericht 2015“ aus der Schublade geholt und den Bürolocher auf Anschlag gebracht. Jetzt wird durchgelocht, bis zur Mittagspause, jetzt gibt’s weißes Konfetti, jetzt werden sie sorgfältig ausgestanzt, die Namen der neuen Vorstandsmitglieder.

Sterbehaus, sagen die 60jährigen Jungspunde aus den Zwillingstürmen zu diesem Nebengebäude. Stand sogar in der ZEIT: „In einem unscheinbaren Gebäude im Frankfurter Westend verbringen die alten Ex-Vorstände der Deutschen Bank ihre Tage“. Sterbehaus, so ein Blödsinn. Sterben will er lieber in den Armen einer schokofarbenen Nutte im Bahnhofsviertel, nur arbeiten will er hier.

Ganz schön anstrengend, das Lochen. Das geht in die Hände. Vielleicht mal wieder was tackern. Früher hat das alles immer Fräulein Tulpe gemacht. Fräulein Tulpe! Wie lasziv sie die 50-Pfennig-Briefmarke an die Lippen führte. Sie hackte auf ihre Schreibmaschine ein, er auf seinen Mitarbeitern, dreieinhalb Jahrzehnte in schönster Harmonie. Jetzt ist Fräulein Tulpes Haar auch schon grau und die Briefmarke kostet 62 Cent.

Jetzt gibt es eine Sekretärin für alle 17 Ex-Vorstände. Stapft in Hosen durch den Flur und erkundigt sich bellend, wer wieder seine tattrigen Finger in den Papierschredder gesteckt hat.

Siebzehn gestandene Männer, zusammengefercht in vier Büros. Drüben sitzt der Bömke, der Bub, der ist erst 79. Der progressive Herr hat sogar schon einen Computer.
Daneben der Rathmann, läuft den ganzen Tag den Flur auf und ab, diktiert schallend Telegramme an die Bank of Scotland und uriniert in den Schirmständer. Wir soll man sich da konzentrieren. Wie soll man da sauber tackern! Zum Beispiel gerade jetzt. Den silbernen Tacker in Stellung gebracht, zehn Blatt Papier übereinander gelegt und vorgestellt, es seien alle zehn Kinnlappen von John Cryan.

Der Fleißigste ist noch der Schmidt. Eine Lichtgestalt im Meer sackfauler Idioten. Blind wie ein Maulwurf, taub wie ein Krachmusik-Schlagzeuger und klapprig wie ein rumänischer Dacia, aber schnippelt Scherenschnitte aus alten Hausmitteilungen wie kein zweiter.

Und dann natürlich der Renzel. Wie teilnahmslos der aus dem Fenster glotzt, der tumbe Tattergreis, der ewige Widersacher, sein Intimfeind seit 65 Jahren. Früher haben sie sich mit Kraftausdrücken beworfen, heute mit mit ihren Gebissen, geändert hat sich sonst nichts.

Das Schlimmste ist nicht das Gemeinschaftsbüro. Das Schlimmste ist die Höhe, ist dieser mickrige Bungalow, flach wie eine Hongkonger Hostess. 1. Stock! Zwei Meter über der Erde, drei über seinem Grab. Da kann man nicht mal aus dem Fenster springen. Wie das aussähe. Die Sicherheitsleute klaubten einen aus der Hagebuttenhecke, die Hose wäre dahin und alle wären genervt. Früher hätte er stilvoll springen können. Im Flug hätte er noch einen doppelten Salto gemacht, auf die Passanten uriniert oder per Funkgerät 1.000 Mitarbeiter gefeuert, kein Problem. Früher saß er im 37. Stock von Turm A. Von dort aus sahen die Menschen aus wie kleine Küchenschaben. Von hier unten sehen sie immer noch aus wie Küchenschaben, nur erschreckend groß.

Im 37. Stock hocken jetzt die Jungen. Die Milchbärte, die Sitzpinkler. Gehen schon um 21 Uhr nach Hause. Zu ihren Ehefrauen! Die haben nicht mal den Kalten Bankenkrieg miterlebt und die Anfangsjahre des mafiösen Niedergangs dieses Hauses. Die wissen nicht mal, wo der Große Brockhaus steht. Der steht nämlich hier! Der Neue. Von 1996. Alle 24 Bände, Ziegenleder, aufgereiht auf dem Flur. Wenn er, Achim Morst, wissen will, wie viele Einwohner Yugoslawien hat, wie Wiedergeburt funktioniert oder was das Internet ist, schlägt er es einfach nach. Oder die Geschichte der Deutschen Bank. Die geht hier nur bis 1995. Ein Segen! Danach gings nur noch bergab.

 

Ella Carina Werner
Für den Sondermann e.V. in Frankfurt

 

Die Jury hat getagt!

Es ist soweit: Die Sondermann-Preisträger des Jahres 2017 stehen fest! Noch müssen wir die Gewinner geheimhalten; dafür verrät Ihnen der Sondermann e.V., welche Kandidaten den Preis garantiert nicht gewonnen  haben – in eigenhändigen Stellungnahmen der Verlierer.

„Ich bin mir ganz sicher, dass ich den Sondermann-Preis erhalten habe. Allerdings muss ich ihn irgendwie verlegt haben. Während des EM-Spiels gegen die Ukraine durchsuchte ich sogar meine Hose, und obwohl meine Finger preisverdächtig gerochen haben, konnte ihn auch dort nicht finden. Wären Sie bitte so freundlich und schicken mir die Auszeichnung noch einmal zu?“
– Jogi Löw, Eiermann

„Nehmen Sie beispielsweise diesen Sondermann. Als Preis schätzt ihn jeder, aber als Nachbarn möchte ihn keiner haben.“
– Alexander Gauland, Rechtspfleger

„Sehr geehrte Damen und Herren, bitte überweisen Sie mir die versprochene Bonuszahlung von 5000,00 Euro. Erst dann kann ich mich dafür einsetzen, dass der VW-Sondermann mit Nashornpaste-Antrieb gebaut wird.“
– Martin Winterkorn, Bonusmitnehmer

Wir müssen über Nashornpaste reden – So war die Sondermann-Spenden-Gala 2016

Sondermann-Hauptpreisträger Thomas Kapielski im Glück (Brotfabrik)
Sondermann-Hauptpreisträger Thomas Kapielski im Glück (Brotfabrik)

Es war eine rauschende Spenden- Gala-Nacht. Vorträge, Reden und Ansprachen wechselten sich ab mit Präsentationen, Laudationen und Moderationen. Dazwischen wurde auch hin und wieder mal kurz geredet. Die ausverkaufte Frankfurter „Brotfabrik“ stand jedenfalls Kopf. Hysterische Begeisterung löste natürlich Hauptpreisträger Thomas Kapielski aus, aber auch der noch wenig bekannte Förderpreisträger Jan Böhmermann verstand es, die Herzen der Zuschauer für sich zu gewinnen. In seiner Dankesrede äußerte er charmant sein Mitleid mit den Versagern von „Titanic“, denen er „alles“ verdanke. Kapielski brachte mit einem pointierten Querschnitt aus vierzig Jahren Schriftstellerei den Saal zum Toben und stellte mühelos unter Beweis, dass die Jury sein Lebenswerk zu Recht mit dem Sondermann-Preis ausgezeichnet hatte. Elegant und leichtfüßig führte Leo Fischer durch den kurzweiligen Abend, dessen rhetorischer Höhepunkt zweifellos der umjubelte Stargast  Dietmar Dath (Suhrkamp) war. Leider ließ es sich nicht verhindern, dass immer wieder Mitglieder des Sondermann-Vereins das Rednerpult besetzten, um von dort Anekdoten und Schnurren aus dem ach so lustigen Vereinsleben zum Besten zu geben. Doch selbst Bernd Eilert, Pit Knorr, Oliver-Maria Schmitt und Hans Zippert konnten den Abend nicht mehr ruinieren. Das lag auch an Carla Andereya und Martina Gerhardt, die als charmante und eloquente Telefonistinnen zu gefallen wussten. Ihre Schuld war es jedenfalls nicht, dass nach 92 Minuten Hochleistungs Premium-Programm gerade mal erbärmliche 23,14 Euro an Spendengeldern  eingesammelt werden konnten.

Pit Knorr als "Herr Suhrbier"
Pit Knorr als „Herr Suhrbier“

Musikalisch wurde der Abend von Rainer Michel und seinem internationalen Ensemble hochvirtuoser Instrumentalisten perfekt eingerahmt und untermalt. Michel verzauberte die Zuhörer immer wieder mit Klängen, die er seinem „Böhmat“ entlockte, einem historischen Elektro-Instrument. Am Ende hieß es dann mal wieder: „Das Publikum, das schrie und raste, trotz Sondermann und Nashornpaste“. Am 11.11. 2017 wird dann der nächste Sondermann-Preisträger gefeiert. Halten Sie sich den Tag (Samstag) schon mal frei!

Kapielski mit Scheck und Böhmermann (hinter dem grünen Telefon)
Kapielski mit Sondermann-Skulptur +Scheck und Böhmermann (hinter dem grünen Telefon)

Die Preisträger 2016 stehen fest!

Die Sondermann-Preisträger 2016: Kapielski, Böhmermann
Die Sondermann-Preisträger 2016: Kapielski, Böhmermann


Sondermann-Preis für Thomas Kapielski und Jan Böhmermann

Thomas Kapielski bekommt den Sondermann 2016, weil er seit über dreißig Jahren in Wort, Bild und Ton Erbauliches, Erstaunliches, Erleuchtetes und vor allem sehr Komisches vorgelegt hat. Sei es als Professor für Performance, als Gottesbeweiser oder Experte für „Neue Sezessionistische Heizkörperverkleidungen“, als Fotograf und Objektkünstler, als Stammtischsoziologe und Vortragsartist. Ein verehrungswürdiger Künstler, dem der Ruhm immer wichtiger war als der Erfolg. An seiner Preiswürdigkeit besteht kein Zweifel. Um es mit einem seiner Ausstellungstitel zu sagen: „De dingsbums non est disputandum.“ Den Sondermann-Förderpreis erhält Jan Böhmermann. Wenn sich jemand auf das obsolete Unternehmen TV-Unterhaltung einlässt, jemand, der noch jung genug ist, aus seinem Leben etwas Besseres, womöglich Sinnvolles, zu machen, so verdient das unseren Respekt. Einen solchen Mann wollen wir fördern.

Der Sondermann-Preis ist der höchstdotierte Preis für komische Kunst in Deutschland. Hauptpreisträger Thomas Kapielski erhält 5000 Euro, der förderungswürdige Jan Böhmermann 2000 Euro. Der Preis wird am 11.11.um 20:00 Uhr in der Frankfurter „Brotfabrik“ im Rahmen einer großen, öffentlichen Gala verliehen. Die Preisträger sind anwesend und tragen aus ihren Werken vor.

Madame la Présidente Le Pen

unbenanntFrancois Durpaire wagt in seinem von Farid Boudjellal gezeichneten Comic „Die Präsidentin“ eine Prognose für die französische Präsidentschaftswahl 2017. Wehe uns und Frankreich, wenn das so käme
von Andreas Platthaus

Ein prophetischer Comic? Gab es das schon einmal? Über „Eternauta“ von Hector Gérman Oesterheld ist das jüngst wieder gesagt worden, als diese argentinische Geschichte aus den späten fünfziger Jahren erstmals auf Deutsch erschien. Zu genau hatte Oesterheld darin die Atmosphäre der Angst und des Terrors vorweggenommen, die fast zwanzig Jahre nach Erscheinen von „Eternauta“ unter der Junta in Argentinien herrschen sollte. Aber dass Oesterheld selbst verschleppt wurde und seitdem verschollen ist, seine vier Töchter erschossen wurden – das hätte sich niemand träumen lassen, auch nicht nach der skeptischsten Lektüre des Dystopie „Eternauta“. Er wollte ja auch gar nichts vorhersagen, sondern nur eine abenteuerliche Geschichte erzählen.

Bei „Die Präsidentin“ verhält sich das anders. Deren Szenarist Francois Durpaire hat den Ehrgeiz, eine Prognose zu erstellen für den Ausgang der kommenden französischen Präsidentenwahl und der daraus resultierenden Ereignisse. Vier Prämissen zählt er im Vorwort auf, die erfüllt werden müssten, um seine Vorhersage eintreten zu lassen: „Erstens, Nicolas Sarkozy gewinnt die Vorwahl bei den Rechten; zweitens, es gibt eine starke Kandidatur der Mitte, das heißt eine zweite Kandidatur im Lager der Republikaner; drittens, Sarkozy wird infolge dieser Spaltung der Rechten chancenlos, die aber, viertens, auch dazu führt, dass keine Stimmen aus dem bürgerlichen Lager an den Kandidaten der Linken, Francois Hollande, gehen.“ Dann werde Marine Le Pen siegreich aus der Präsidentschaftswahl hervorgehen.

Die erste Bedingung scheint sich zu erfüllen, denn Sarkozy hat seine Kandidatur angekündigt; dass er Konkurrenz aus der eigenen bürgerlichen Rechten bekommen wird, dürfte auch so gut wie sicher sein. Unwahrscheinlich scheint derzeit von den vier Bedingungen nur die zu sein, die Durpaire sicher für die am leichtesten vorhersagbare hielt, als er das Vorwort vor fast einem Jahr verfasste: dass Francois Hollande für die Sozialisten antreten wird. Der amtierende Präsident ist so unpopulär, dass er nicht einmal sicher in die Stichwahl von 2017 zu kommen hoffen dürfte. Dadurch könnte sich der Lauf der Dinge ändern, denn Marine Le Pen hätte in der Stichwahl gegen einen Kandidaten der (weniger) Rechten wohl keine Chance.

Aber schon die Tatsache, dass man fast sicher damit rechnen muss, dass die Kandidatin des Front National die Stichwahl erreichen wird, zeigt, wie nahe das Modell von Francois Durpaire der Realität ist. Gemeinsam mit dem Zeichner Farid Boudjellal hat er im vergangenen Herbst für Furore gesorgt, als in Frankreich der Comic „La Présidente“ erschien – auf dem Cover eine breit lächelnde Marine Le Pen in der Pose, die sie für das Porträtbildnis wählen wird, das nach ihrer Wahl in allen französischen Amtstuben zu hängen hat. Dieser Comic wurde ernst genommen bei unseren Nachbarn, weil er ungeachtet seiner spannenden Rahmenhandlung um eine kleine Gruppe, die zivilen Widerstand gegen Le Pens Politik leistet, höchst sachlich Vermutungen zusammenträgt, wie die Dinge laufen könnten, und sie dann in eine Chronik der Ereignisse des Jahres 2017 verwandelt. An dessen Ende ist das Spiel offen: nicht gewonnen für den Front National, aber eben auch nicht verloren.

Dass der Band jetzt auf Deutsch erscheint (beim Verlag Jacoby und Stuart) und zudem der Frankreich-Kenner Ulrich Wickert ein Vorwort beigesteuert hat, zeigt, wie ernst man seine Erzählung auch hierzulande unter Experten nimmt. Durpaire konnte bei Abfassung seines Szenarios das Ergebnis des Brexit-Votums noch nicht kennen; in der deutschen Übersetzung ist es eingearbeitet, und dadurch wird der Lauf der Dinge noch plausibler. Alle Akteure auf dem politischen Feld sind reale Figuren, man wird also deren Verhalten im Licht des Comicgeschehens in der nahen Zukunft überprüfen können. Dass Marine Le Pens Vater als ehemalige Galionsfigur des Front National bald nach dem Wahltriumph seiner Tochter stirbt, ist natürlich gewagte Fiktion, aber mit dem für ihn ausgerichteten Staatsbegräbnis findet Durpaire ein starkes Symbol für die neue herrschende Klasse – und einen deutlichen Bezug zur Anfangszeit des „Dritten Reichs“, das Hindenburgs Tod zum Anlass eines Staatsakts machte, in dem das neue Selbstverständnis von Herrschaft vorgeführt wurde.

Gegen die komplexen und genau recherchierten Darstellungen der politischen Akteure wirken die Widerstandskämpfer wie Klischees. Eine über neunzigjährige Resistance-Veteranin ist der Spiritus rector, unter ihren Verbündeten ist eine bildhübsche Migrantin, die natürlich irgendwann deportiert wird. Aber selbstverständlich kann sich Frankreich nicht zur Gänze unheroisch zeigen, und wenn’s der Aufklärung dient, möge es eben so sein. Boudjellals Schwarzweißzeichnungen mit Graustufe simulieren dokumentarische Berichte und taugen dank ihrer vor allem auf Porträtähnlichkeit ausgerichteten Ästhetik (französische Leseprobe hier). Wer allerdings große Polit-Comics à la Tardi oder Blain erwartet, in denen die Graphik auf einer Höhe mit den Texten steht, der wird hier enttäuscht. „Die Präsidentin“ lebt von ihrem Stoff, nicht von ihrer Form.

Mit diesen 150 dichten Seiten wird man die kommenden siebeneinhalb Monate bis zur französischen Präsidentschaftswahl vergleichen müssen. Hoffentlich die darauf folgenden sieben bis zum Dezember 2017 nicht auch noch.

Comic-Blog

UnbenanntAbstrakter Krieg erschreckt genauso
von Andreas Platthaus

Ein erstaunliches Buch: Sebastian Rether widmet den Erinnerungen seines rumänischen Großvaters an den Zweiten Weltkrieg einen Comic, der bei aller Reduktion so brutal und unerträglich ist wie die klassischen Arbeiten zum Thema.

Vor vielen Jahren, genauer gesagt mehr als einem Vierteljahrhundert, publizierte Lorenz Mattotti sein Comicalbum „Feuer“ über den Ersten Weltkrieg, im Original „Fuochi“. Danach war der italienische Zeichner berühmt, denn was er da mit Farben und Formen anstellte, hatte man noch nicht gesehen. Und es trieb Mattotti dazu, sich in der Folge auch als Schwarzweißkünstler zu beweisen, um nicht ausrechenbar zu sein. So erwuchs aus dem „Feuer“-Ruhm eine der bemerkenswertesten Comic-Karrieren der Welt.

Jetzt erschient ein weiterer Band mit dem Namen „Feuer“, aber er kommt als das genaue Gegenteil von Mattottis Werk daher: Sebastian Rether, geboren 1985, legt seine Geschichte als kleinformatiges Buch (Graphic-Novel-Format schimpft man das im Buchhandel) an, alles ist schwarzweiß, die Geschichte spielt im Zweiten Weltkrieg, und statt graphischem Detailreichtum, der die Seiten schier bersten lässt vor Energie, ist hier alles ganz reduziert. Dabei wird den meisten Bild eine ganze Doppelseite eingeräumt, aber die riesigen Weißräume um die filigranen Tuschezeichnungen, deren Abstraktionsgrad erstaunlich an das französische Zeichnerduo Ruppert & Mulot erinnert, sollen bewusst Lücken deutlich machen. Denn es geht um die lückenhaften Erinnerungen des Großvaters von Rether, der als Siebenbürger auf rumänischer (und damit auch deutscher) Seite im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront kämpfte. Deshalb heißt der Band auch nicht nur „Feuer“, sondern auch „Foc“. Das ist das rumänische Wort für Feuer.

Das in der Edition Büchergilde erschienene Buch ist wunderschön gestaltet, mit einem wie aus Washi-Papier geklebten Umschlag und in sachlicher Grotesk-Typographie gesetzt, übrigens größtenteils auch im Inneren, das wenig Text enthält. Der besteht zu wesentlichen Teilen aus kargen Erinnerungsfetzen des Großvaters, wie Bildbeschriftungen in einem Fotoalbum. Nur selten sprechen die Protagonisten, und dann hat Rether das in Schreibschrift gehalten. Die großväterlichen Textblöcke wiederum scheinen manchmal zu schwanken, als suchten sie nach ihrer Bestätigung. Ortsbeschilderungen wiederum etwa sind in einem nahezu unleserlichen Krikelkrakel gehalten, das auf die Probleme der Invasionstruppen bei der Lektüre kyrillischer Buchstaben verweist. Was man mit Schrift in Comics alles machen kann, ist bemerkenswert.

Ist es überhaupt ein Comic? Seitenarchitektur, könnte man meinen, existiert nicht, wo jede Doppelseite im Regelfall nur aus einem Bild besteht (und der 360 Seiten umfassende Band also auch nicht mehr, sondern eher weniger Bilder umfasst als ein stinknormales 48-Seiten-Album). Aber wie Rether diese feinlinigen Motive auf der weißen Fläche arrangiert, das hat mindestens so viel Überlegung gekostet wie ein aufwendiges Layout. Dass die geradezu blendende Leere die Weite des russischen Winters evoziert, ist natürlich gewollt.

Gesichter gibt es kaum in „Foc – Feuer“, die Flächen unter den Stahlhelmen bleiben meist blank. Nur gelegentlich sind einzelne Protagonisten als Hunde (der Großvater selbst etwa) oder schildkrötenähnliche Wesen gestaltet, einmal laufen Soldaten wie Strichmännchen durchs Bild. Dagegen sind Pferde oder Kühe nahezu naturalistisch gehalten – als könnte sich der Erzähler Tiere viel besser merken als Menschen.
Es ist die Geschichte eines Davongekommenen, und sie erzählt mit jenen schlichten Mitteln, die große Erlebnisse besser vertragen als hohes Pathos. In 26 Kapiteln werden oft belanglos erscheinende Begebenheiten geschildert, die aber für den naiven Soldaten, der da berichtet, Bedeutung durch ihre Fremdartigkeit besitzen. Kriegsvoyeurismus dagegen gibt es nicht, die Schrecken spielen sich in unserer Phantasie ab, wir können sie uns in die Weißräume hineindenken, deren klinische Sauberkeit wie ein Hohn auf Blut und Schmutz der Kriegsführung erscheint.

Und damit fügt Rether der bereits eindrucksvollen Reihe von Comic-Klassikern zum Thema Krieg (Tardis „Grabenkrieg“, Spiegelmans „Maus“, Guiberts „Alans Krieg“, um nur die Allerbesten neben Mattottis „Feuer“ zu nennen) eine weitere, nein: nicht schillernde, sondern eben bewusst bescheiden auftretende Facette hinzu, die aber mit Mitteln arbeitet, die auch von Grosz oder Dix entlehnt sein könnten, von jenen Künstlern also, die so wichtig für die genannten Comic-Legenden waren, ohne dass die sich des graphischen Geschicks dieser Vorläufer so subtil bedient hätten, wie „Foc – Feuer“ es tut.