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Ich bin doch keine Kinderzeichnerin!
von Andreas Platthaus

Der dritte Tag von Angoulême: Die Sicherheitskontrollen beim Comicfestival führen zu grotesken Situationen. D0ch manchmal ist das falsche Publikum genau das richtige.

Das musste ja so kommen. Am Samstag sorgten die nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ anberaumten Sicherheitskontrollen auf dem Comicfestival von Angoulême für endlose Schlangen vor den Verlagszelten und Ausstellungsorten. Zumal die Öffnungszeiten von jeweils zehn Uhr morgens sklavisch eingehalten wurden, genauso wie die Anfangszeiten der Diskussions- und Vortragsveranstaltungen, von denen einige gleichfalls um zehn Uhr morgens angesetzt waren. Der Zeitplan stammte noch aus den Tagen vor dem 7. Januar, aber warum sie denn den geänderten Bedingungen anpassen? Und so kam es, daß sich zu einer dieser vormittäglichen Veranstaltungen nur zwei einsame deutsche Gäste einigermaßen pünktlich einfanden (die allerdings auch durch ihre Presseausweise profitiert hatten, weil sie sich nicht in die hundert Meter lange Schlange mit normalen Besuchern vor den Kontrollposten einreihen mußten).

Also begegneten sich im Konferenzsaal der Musée de la Bande dessinée um 10.05 Uhr vier Menschen: die beiden deutschen Gäste, eine betretene Organisatorin und die Referentin, die fünfunddreißigjährige französische Comiczeichnerin Nancy Pena (von der unbegreiflicherweise noch kein einziges Buch auf Deutsch erschienen ist). Letztere zeigte sich erfreut über diese ersten Besucher, einmal, weil überhaupt jemand kam, und dann, weil es sich dabei um Erwachsene handelte. Die Veranstaltungsreihe, in der Frau Pena auftrat, lief nämlich unter dem Titel „Rencontres jeunesse“, also Begegnungen für die Jugend, aber Nancy Pena versteht sich gar nicht als Zeichnerin für Kinder oder Jugendliche. Wie sie in diese Schiene geraten sei, wisse sie nicht, aber sie habe anfangs auch mal Illustrationen für Jugendbücher gemacht, also werde das schon irgendwie angehen.

Wann aber sollte es irgendwie losgehen? Die Organisatorin eilte ins Foyer, um die ersten durch die Sicherheitsschleusen gelangten Besucher zum Vortragsraum zu lotsen. Eine Frau mit zwei Kindern trifft ein. Der Junge fragt: „Worum geht es in Ihren Comics?“ Nancy Pena antwortet: Im neuesten Band um Medea, eine Zauberin aus dem antiken Griechenland.“ „War sie böse?“ „Das ist nicht so eindeutig zu sagen.“ Ehrlichkeit zahlt sich aus, die dreiköpfige Familie bleibt.

Um 10.20 Uhr kommt die Organisatorin aus dem Foyer zurück und verkündet einen ersten Anwerbeerfolg: Eine Gruppe von rund vierzig Kinder werde gleich eintreffen, eine Betreuerin ist schon mitgekommen. „Aber ich mache keine Kindercomics“ – die Beteuerung der Zeichnerin schreckt erfreulicherweise nicht ab, im Nu ist der Saal voll, in der ersten Reihe nehmen mit Gabriel und Etienne zwei hyperaktive Knaben Platz, deren Namen dank der Ermahnungen der Aufsichtsperson im Publikum bald besser bekannt sind als der der Künstlerin.

Nancy Pena hat wunderbare Comics gezeichnet: „La Gilde de la mer“ etwa, der aber nach zwei Bänden nicht mehr fortgesetzt wurde, weil sich der mutige Kleinverlag den finanziellen Aufwand dafür nicht mehr leisten konnte. Oder „Tea Party“, eine Geschichte aus dem England des neunzehnten Jahrhunderts, wo Penas literarische Vorbilder zu suchen sind. Und eben „Medée“, dessen zweiter Teil gerade zum Comicfestival erschienen ist. Um den soll es in der Präsentation gehen, aber die Geschichte von Medea ist eben kein Schlummerlied. Das jedoch hat die Programmplaner nicht gestört, also wurde Nancy Pena ins Kinderprogramm geschoben, wo noch Platz war. Aus Rücksicht aufs junge Publikum wird sie kein einziges Bild aus „Medée“ zeigen. Aber der Vormittag wird dennoch grandios.

Denn die Kinder stellen großartige Fragen: „Was ist deine Lieblingsgeschichte?“ „Der gestiefelte Kater. Kennt ihr den?“ Betretenes Schweigen auf beiden Seiten: Die Kinder kennen das Märchen nicht, Nancy Pena versteht die Welt nicht mehr. „Was machen Sie, wenn Sie mal keine Comics mehr zeichnen werden?“ „Vielleicht Schafe hüten.“ „Und was wollten Sie vorher werden?“ „Schatzsucherin oder Entdeckerin.“ Wann wird man als Comiczeichnerin schon mal nach so etwas gefragt?

Man merkt Nancy Pena an, daß sie ausgebildete Lehrerin ist, die ihren Beruf aber mit 25 Jahren an den Nagel hängte, als sie ihren ersten Comic veröffentlichen konnte. Zehn Alben hat sie seitdem fertiggestellt und etliche Bücher illustriert, doch besonderes Vergnügen bereiten ihr Zeichnungen für T-Shirts oder Teedosen, „denn da muss ich als Illustratorin dreidimensional denken“. Am Schluss gehen Publikum und Zeichnerin zufrieden auseinander, auch wenn von der angekündigten Stunde Vortragszeit durch die einlaßkontrollenbedingte Verspätung nur die Hälfte geblieben ist. Bei den Kindern war Nancy Pena genau richtig.

Solche Zuhörer hätte man auch Riad Sattouf gewünscht, dem Verfasser des erfolgreichsten französischen Comics im vergangenen Jahr, „L’Arabe du futur“. Durch einen Zufall kam mir die Aufgabe zu, ihn ins Deutsche zu übersetzen (er erscheint in zwei Wochen), aber das mußte sehr schnell passieren, und ich hatte Sattouf bisher noch nie getroffen, also wollte ich ihn nun zumindest einmal hören. Da sein Buch für den Hauptpreis des Festivals nominiert ist, wollten ihn aber auch Hunderte anderer Leute hören, und sie hatten dieselben Probleme, in die Salle Bunuel im Espace Franquin zu kommen, wie morgens etwaige Interessenten von Nancy Pena.

So herrschte noch weit nach Beginn des Gesprächs ein eifriges Kommen im Saal, und diese erwachsene Unruhe hätte man gern gegen die hyperaktiven Gabriel und Etienne vom Vormittag eingetauscht. Zumal der Moderator sich in ironischen Mätzchen gefiel, die dem Gespräch nicht zuträglich waren, wenn Sattouf sie auch souverän konterte. Keine Rede kam übrigens darauf, daß er zehn Jahre lang für „Charlie Hebdo“ gezeichnet hat. Erstaunlich, daß das größte Thema des Festivals dort keine Rolle spielte, wo man wirklich einen kenntnisreichen Gesprächspartner gehabt hätte.

Mittlerweile sind übrigens die anfangs schier unendlich scheinenden Bestände an der nach dem Attentat erschienenen Nummer von „Charlie Hebdo“ auch in Angoulême ausverkauft. Nur an den beiden Ständen des Satiremagazins selbst gibt es noch Reste, aber die werden nur an Interessenten abgegeben, die ein Abonnement abschließen. An einem der Stände beschied man einen deutschen Festivalgast, er möge doch zum anderen gehen; dort sagte man ihm dann, er möge die Ausgabe in Deutschland kaufen. Selten so gelacht! Aber dann bekam er doch noch zwei Exemplare. Gut, daß ich meines schon am Donnerstag erworben hatte.

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Unser Bürgermeister soll ein Schwachkopf sein?
von Andreas Platthaus

Der zweite Tag in Angoulême: Das Comicfestival zeigt sich enttäuscht über die Undankbarkeit seiner Gewinner und ruiniert zugleich einen eigenen Mythos.

Man kann nicht sagen, dass das Glück in Angoulême vollkommen gewesen wäre, als gestern gleich zwei Große Preise verliehen wurden. Nur merkte man davon nichts, denn die eigentliche Preisübergabe fand wetterbedingt nicht wie üblich auf dem Rathausbalkon, sondern in den repräsentativen Innenräumen statt, wodurch nur geladene Gäste etwas von dem mitbekamen, was geschah. Und das, was da geschah, erregte heute die Gemüter in der südwestfranzösischen Stadt, die sich viel auf zwei Dinge zugute hält: auf ihre illustre Vergangenheit als Sitz eines bedeutenden Grafengeschlechts und auf ihre Rolle als Comichauptstadt Europas. Deshalb wurden die beiden Preisträger nur sehr eingeschränkt gutgeheißen.

Bei „Charlie Hebdo“, der Satirezeitschrift, die drei Wochen nach dem Attentat auf ihre Redaktion, als erste in den Genuß eines Spezial-Grand-Prix kam, war an der Entscheidung nicht zu rütteln – alle in Angoulême stehen hinter dem Blatt. Aber das Blatt steht nicht hinter Angoulême. Deshalb entsandte die Redaktion keinen eigenen Mitarbeiter zur Preisverleihung, sondern ließ die Auszeichnung durch Jean Christophe Menu stellvertretend entgegennehmen. Menu ist als Zeichner und Verleger einer der streitbarsten Geister des französischen Comics und hatte als Aufgabe laut eigener Aussage nur eine Aufgabe: er selbst zu sein. Dann würde sich „Charlie Hebdo“ durch ihn blendend repräsentiert fühlen.

Bei seinen Dankesworten nahm Menu entsprechend kein Blatt vor den Mund. Keineswegs fühle sich „Charlie Hebdo“ von allen geschätzt, die sich nach den Morden als solidarisch erklärt haben. Man nehme nur den Bürgermeister von Angoulême. Das sei ein Schwachkopf, der die öffentlichen Bänke in seiner Stadt mit Heizstrahlern versehen habe. Der auf diese Weise wenig schmeichelhaft bezeichnete Würdenträger, der den Preis immerhin gerade erst an Menu übergeben hatte, machte offenbar gute Miene zum sarkastischen Spiel, doch die Lokalpresse schäumte am Freitag über diesen dreisten Dank. Wobei Menu abermals nur die Anregungen seiner Freunde von „Charlie Hebdo“ befolgt haben wollte, die sich über die Beheizung von Straßenbänken im Winter beklagt und ihn beauftragt hätten, diese anzuprangern. Daß es sich dabei um Satire der Redaktion eines Satiremagazins handeln könnte, kam in Angoulême wohl niemand in den Sinn.

Gravierender ist da die bereits einsetzende Kritik am eigentlichen Großen-Preis-Gewinner dem Japaner Katsuhiro Otomo. Die wichtigste europäische Comicauszeichnung gilt einem Lebenswerk, und der Sieger wird gleichzeitig zum Präsidenten des nächstjährigen Comicfestivals. In diesem Jahr war in Angoulême allerdings vom Präsidenten nichts zu sehen, denn Bill Watterson, Schöpfer der Comic-Strip-Serie „Calvin & Hobbes“, dachte gar nicht daran, sein selbstgewähltes und seit einem Vierteljahrhundert konsequent gewahrtes Inkognito zu lüften. Und 2016 droht wohl etwas Ähnliches. Niemand erwartet, dass Otomo, der sich nach dem Erfolg seines Manga „Akira“ in den achtziger Jahren ähnlich wie Watterson von den Comics weitgehend zurückgezogen hat, nach Frankreich kommen wird, um dem Festival vorzustehen. Dieses Desinteresse der Ausgezeichneten verletzt den Stolz der Menschen in Angoulême.

Deshalb werden wieder einheimische Preisträger verlangt (wobei man daran erinnern könnte, wie aktiv die beiden Amerikaner Robert Crumb und Art Spiegelman ihre jeweiligen Präsidentschaften betrieben haben). Aber unter den drei Finalisten um den Großen Preis gab es diesmal keinen einzigen Franzosen, und der Brite Alan Moore wäre im Falle seines Sieges gewiß auch nicht gekommen (der Belgier Hermann dafür umso sicherer, aber er gilt als politisch heikler Fall). Kurt gesagt: Früher war beim Festival alles besser. Und so sollte es nach dem Willen der Öffentlichkeit bitte wieder werden.

Doch was passieren kann, wenn man sich zu sehr an die Vergangenheit klammert, das war am heutigen Freitag im Theater der Stadt zu erleben. Dort war die neueste Ausgabe einer Besonderheit des Comicfestivals von Angoulême zu erleben: Um 14 Uhr stand ein Concert de dessins auf dem Programm. Diese Bezeichnung hatte Angoulême sich schützen lassen, als es das Prinzip vor zehn Jahren erfand: Comickünstler zeichnen auf der Bühne zu live gespielter Musik, und die Entstehung ihrer Bilder wird durch Kameras auf eine große Leinwand übertragen, so daß das Publikum im Saal ein synästhetisches Vergnügen hat. So weit, so gut.

Ich erinnere mich an meine ersten Besuche von Concerts de dessins, damals bestritten von Blutch als alleinigem Zeichner beziehungsweise Dupuy & Berberian, einem Künstlerduo, das damals noch als untrennbar galt – und als ununterscheidbar in der jeweiligen Arbeit. Das Konzert bewies, daß die beiden durchaus unterschiedlich zeichneten, aber da stand eben ein eingeschworenes Team auf der Bühne; beide wußten, was der jeweils andere wollte, und so ergänzten sich ihre Bilder perfekt. Und Blutch duldete erst gar nicht jemanden anderen als Zeichner auf der Bühne. Zudem waren es damals Abendveranstaltungen. Auch das hat seine Bedeutung.

Diesmal standen nicht eine oder maximal zwei, sondern gleich acht Zeichner auf der Bühne, die in zwei Gruppen zu jeweils vier Personen kollektiv an ihren Bilder arbeiteten. Wirkte früher alles spontan aus dem Erlebnis der Musik geschaffen, so war diesmal alles bis ins Kleinste abgesprochen, was man sofort daran merkte, daß es einen vorproduzierten und zu Beginn des Konzerts eingespielten Film gab, der den Diebstahl eines Huts durch einen maskierten Herrn zeigte. Bestohlen wurde der Musiker Aleski Belkacem, und zwar in der Garderobe des Theaters von Angoulême.

Das war die Ausgangsbasis für das Konzert. Vier weitere Musiker (für Keyboard, Bass, Schlagzeug und Gitarre) kamen nacheinander auf die Bühne, doch noch bevor man sie überhaupt sah, wurden sie schon gezeichnet, und zwar täuschend echt, also vorher eingeübt. Aleski trat dann als Letzter auf, aber nur um sich zu weigern, seine Aufgabe als Sänger zu erfüllen, ehe sein Hut wieder da sei. Und so spielte seine Band dann eben allein, während Aleski mit dem Rücken zum Publikum schmollte und die beiden Zeichnergruppen auf ihren Bildern zur flotten Instrumentalmusik eine Verfolgungsjagd auf den Dieb inszenierten, die natürlich am Ende erfolgreich sein mußte, damit das letzte Stück doch noch gesungen werden konnte. Ein in seiner Schlichtheit geradezu kindisches Konzept.

Das liegt daran, daß um 14 Uhr natürlich ein Großteil des Publikums aus Kindern besteht. Früher waren die Concerts de dessins ästhetische Erlebnisse, jetzt sind es reine Spektakel, auch wenn mit den Franzosen Jean-Louis Tripp und Alfred, dem Amerikaner Derf Backderf und dem Engländer Luke Pearson gleich vier international berühmte Zeichner agierten. Und Nie Jun aus China stahl allen die Schau, weil er binnen Sekunden Figuren auf dem Papier zum Leben erwecken konnte. Doch was hilft das, wenn die Handlung der zu erzählenden Geschichte so banal ist? Es war zwar bemerkenswert zu beobachten, wie einige Zeichner selbst für sie auf dem Kopf stehende Elemente eines Bildes ergänzen konnten, ohne daß es einen Bruch in den Linien gegeben hätte, doch das war mehr Artistik als Beseeltheit. Das Festival von Angoulême hat einen Mythos zugunsten größerer Popularität geopfert. Darüber aber beklagt sich niemand.

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Platthaus_AndreasVordergründig fröhlicher Rassismus
von Andreas Platthaus

Anton Kannemeyer aus Kapstadt leiht sich bei Hergé die Klare Linie aus und gestaltet bitterböse Comics und Gemälde über die Nachwirkung der Apartheid in Südafrika. Zu bestaunen ist das jetzt in „Papa in Afrika“

Nein, die Rechteinhaberin von Hergé, eine nach dem belgischen Zeichner benannte Stiftung, die als wenig zimperlich gilt, wenn es um Verbotsanträge geht, hat sich noch nicht bei Anton Kannemeyer gemeldet (oder wenn doch, hält er es geheim). Immerhin warf eine Mitarbeiterin der Fondation auf der Frankfurter Buchmesse einen fragenden Blick auf das gerade vom Avant Verlag ins Deutsche übersetzte Kannemeyer-Album „Papa in Afrika“. Dessen Umschlag zitiert „Tim im Kongo“, doch sobald man genauer hinschaut, ist alles ganz anders

Die harmonistische Welt des Hergé-Bandes von 1931, der von einem tapferen Belgier erzählt, der dem dunklen Afrika Sitte und Anstand beibringt, ist hier einem Schlachthaus gewichen, in dem Leichen vor einem klapprigen Oldtimer liegen, den im Original natürlich Tim steuert. Bei Kannemeyer tut das ein dicklippiger Schwarzer, und der Zeichner selbst sitzt neben ihm – auf dem Platz also, den bei Hergé Tims schwarzes Faktotum innehat. Die Rollen sind vertauscht. Doch Kannemeyer – dem Namen merkt man seine Burenherkunft schon an – macht daraus keine Lehre, sondern eine Satire. Denn viel geändert hat sich in seinem Heimatland Südafrika nicht am Machtverhältnis und gegenseitigen Verständnis von Weißen und Schwarzen.

Daß Kannemeyer zur Illustration dieses Sachverhalt ausgerechnet die von Hergé begründete Klare Linie nutzt, ist kein Raub der Unschuld, wie es Jonas Engelmann in seinem Nachwort behauptet. Welche Unschuld hätte denn da geraubt worden sollen, nachdem gerade „Tim im Kongo“ immer wieder zum Gegenstand heftigster Rassismus-Vorwürfe gemacht wurde, bis hin zu – abgewiesenen – Klagen vor belgischen Gerichten? Vielmehr raubt Kannemeyer Hergés Ästhetik die Schuld, denn seine Schilderungen aus dem Südafrika der jüngeren Vergangenheit zeigen, daß man eben immer Kind seiner Zeit ist und sich Veränderung günstigenfalls in Jahrzehnten bemißt. Daß Hergé Zerrbilder von Schwarzen gezeichnet hat, ist aus heutiger Sicht eindeutig. Damals aber fand man seine Darstellungen urkomisch, und gewiß nicht nur aus rassistischer Voreingenommenheit. Das Bild von Schwarzen wurde ja eher von den geschminkten Akteuren des Minstrel-Shows bestimmt als von eigener Anschauung.

Just diese Anschauung ist seit der Aufhebung der strengen, durch die Apartheid vorgeschriebenen Rassensegregation in Südafrika vor bald einem Vierteljahrhundert dort nun möglich. Doch Kannemeyer zeigt, wie die Vorurteile munter fortwuchern. Er packt dabei auch solch unschöne Themen an wie den Vergewaltigungsversuch eines Schwarzen an einer weißen Joggerin, die aber das Phantombild dann nur im Stil einer Farbigen-Karikatur hinbekommt. Die Episode ist ausgewiesen als nach einer wahren Geschichte erzählt. Man hätte das tatsächliche Phantombild gern gesehen.

Die Geschichten, die Kannegießer in „Papa in Afrika“ versammelt hat, sind nicht alle im Stil der Klaren Linie gezeichnet, aber wenn, dann sind seine Parodien besonders grandios. Ganze Seitenarrangements adaptiert er aus „Tim im Kongo“ und steigert deren Geschehen ins Abstruse. Die längeren Erzählungen greifen dann eher amerikanische Einflüsse aus (Leseprobe). Immer wieder zwischengeschaltet sind großformatige Acrylbilder im Cartoonstil, die als gigantische Witzzeichnungen einen Sarkasmus vorführen, der keine Tabus kennt – weder sexuelle noch soziale oder religiöse. Kannemeyer würde gut ins Umfeld des deutschen Satiremagazin „Titanic“ passen, das mit dem Belgier Kamagurka einen seelen- und stilverwandten Kollegen publiziert.

Besonders perfide ist jedoch die Sorgfalt, die Kannemeyer der Nachempfindung des „Tim und Struppi“-Looks seines Albums hat angedeihen lassen. Gerade weil alles so grandios nahe am Original, aber doch immer konsequent pervertiert ist, wandelt der Zeichner aus Kapstadt traumwandlerisch auf dem heikelsten Feld der Comic-Rechtstreitigkeiten, ohne belangt zu werden. Das allein ist schon eine großartige Leistung und eine größere Empfehlung, als wir sie hier überhaupt aussprechen könnten. Für sensible Leser ist das aber nichts.

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Platthaus_AndreasPlanwirtschaftsversagen beim Fall der Mauer
von Andreas Platthaus

Eine gezeichnete Dokumentation, die durch einen geschickten Kniff zur Fiktion wird – und dann doch wieder nicht: Kitty Kahanes Comic „Treibsand“ übers Ende der DDR, geschrieben von Max Mönch und Alexander Lahl.

Am 10. November 1989 fuhr ich mit einem Freund von Köln nach Frankfurt am Main. Natürlich war die Öffnung der Berliner Mauer am Vorabend Hauptgesprächsthema (obwohl mich die Nachricht bei einem Geburtstagsfest in einer dunklen Aachener Souterrainwohnung erreicht hatte, in der wir dann zwar im Fernsehen die Bilder verfolgten, aber die Festivität nicht einfach zugunsten der Weltgeschichte umwidmen lassen wollten). Wir beide hatten gemeinsam eine Banklehre hinter uns gebracht, also erörterten wir die Möglichkeiten, aus der Sache Kapital zu schlagen: Die Mauer auf- und dann in kleinen Portionen als Andenken verkaufen, das war unser Plan. Aber die Idee hatten zweifellos viele, und wir haben sie nicht weiterverfolgt.

Diese Überlegung zeigt jedoch, dass wir schon einen Tag nach dem völlig überraschenden Öffnungsbeschluss von dessen Unumkehrbarkeit ausgingen und nicht damit rechneten, dass es für die DDR noch irgendetwas zu verteidigen gäbe. Wie man mittlerweile weiß, war das falsch. Egon Krenz hatte an jenem Freitag, dem 10. November, die NVA in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Dazu gehörte auch ein standardisierter Angriffsplan auf West-Berlin, für den spezielle Durchbrüche in der Mauer vorgesehen waren, um die Panzer einzusetzen. Die Öffnung hätte sich also auch als Beginn eines militärischen Abenteuers erweisen können, an dessen Ende ein Weltkrieg wahrscheinlich gewesen wäre. Warum es nicht so kam, weiß man in diesem Falle heute noch ebenso wenig wie in dem des geheimen Internierungsplans des Stasi-Chefs Erich Mielke, der kurz vorher noch 85000 unliebsame DDR-Bürger festnehmen und in Lager bringen lassen wollte.

Es waren wohl einfach zu viele geworden, um solche Maßnahmen erfolgreich durchzuführen. Als Mielke seine Idee ausheckte, marschierten auf den Montagsdemonstrationen in Leipzig schon mehr als 85000. Diese Zahl an Inhaftierten aber sollte nach Mielkes Überzeugung für die ganze DDR ausreichen – wieder einmal Planwirtschaft mit wenig Realitätsbezug. Und am 10. November strömten dann zu viele Menschen in Berlin an die Grenzübergänge, als dass man ohne Blutbad hätte Panzer rollen lassen können. Zivilisten als Hindernis waren im militärischen Standardplan zur Besetzung West-Berlins nicht vorgesehen.
Von diesen und anderen Ungereimtheiten im Berliner Herbst 1989 erzählt ein genau zum Jubiläum erschienener Comic namens „Treibsand“. Gezeichnet hat ihn Kitty Kahane, geschrieben wurde er von Max Mönch und Alexander Lahl, alle drei Berliner, die beiden Szenaristen aber wohl zu jung, als dass sie das Geschehen vor 25 Jahren schon aufmerksam hätten verfolgen können.

Wem die drei Namen schon etwas sagen, der erinnert sich wohl an den im vergangenen Jahr erschienenen Comic „17. Juni“, der das Trio erstmals vereinte (damals noch erweitert um einen dritten Szenaristen, Tim Köhler, der diesmal immerhin noch in der Danksagung auftaucht). Gefördert wurde dieses Debüt um einen einzelnen Protagonisten des Volksaufstands von 1953 von der Brandenburger Landeszentrale für Politische Bildung. Bei dem neuen Comic ist nun keine Institution mehr finanziell beteiligt. Das ist ein gutes Zeichen: Offenbar traut der Metrolit Verlag, der auch „17 Juni“ herausbrachte, der zweiten Arbeit des Trios zu, aus eigener Kraft die Kosten einzuspielen.

Und in der Tat sollte man ihn kaufen und lesen, denn er ist sehr informativ und dabei auch noch klug erzählt. Protagonist ist der amerikanische Journalist Tom Sandman, der für eine Zeitung arbeitet, die von einem Kommunistenfresser geleitet wird. Im Frühjahr 1989 sollte Sandman auf dessen Geheiß schon in Peking den ersten fallenden Dominostein zum Kollaps des Ostblocks beobachten, doch die Erwartungen des Chefredakteurs erfüllten sich nicht. Im Herbst wird Sandman deshalb nach West-Berlin geschickt, wo ihn die vor Jahren aus ostdeutscher Haft freigekaufte verurteilte Republikflüchtige Ingrid Bärwolf als Informantin erwartet. Beide verlieben sich ineinander, und Sandman lernt auf zahlreichen Einzelbesuchen in Ost-Berlin die DDR kennen.

Der dank des journalistisch erfahrenen Protagonisten nicht naive, aber doch ungläubige Blick von außen verschafft „Treibsand“ eine reizvolle Erzählprämisse. Zumal immer wieder erklärende Informationen oder Zusammenfassungen auf Notizzetteln in die Handlung eingebaut sind – bis hin zu einem neunseitigen Anhang, der als Notizbuch gezeichnet ist, in dem dann noch einmal die wichtigsten Phänomene des zuvor erzählten Stoffs erläutert werden. So erweist sich die Wahl eines Reporters als ideale, weil zwanglose Voraussetzung für einen durchaus auch didaktisch gedachten Comic. Mönch und Lahl haben da ein grandioses Konzept ersonnen.

Seltsam nur, daß sie eines einzelnen (gewiß reizvollen, aber keinesfalls entscheidenden) Gags wegen just diese Prämisse zum Finale am 9. und 10. November opfern. Sandman, dessen Namen sich der Titel des Comics wohl eher verdankt als der recht bemühten Erwähnung von Treibsand als Metapher für die Entwicklung in der DDR in einem seiner Artikel, hegt den Aberglauben, dass immer dann weltumstürzende Ereignisse anstehen, wenn er Zahnschmerzen hat. Die erleidet er tatsächlich dauernd während des Berlin-Aufenthalts, und da er keine Zeit zum Arztbesuch hat, wird es immer schlimmer, bis er ausgerechnet während der berühmten Pressekonferenz, auf der Günter Schabowski mehr oder minder aus Versehen die Öffnung der Mauer bekanntgab, kollabiert. Fortan erlebt Sandman nichts mehr direkt mit, weil er im Krankenhaus liegt, aber wieder erweist sich sein Name als Omen: In regelmäßig eingestreuten Träumen, die er akribisch notiert, wird die Entwicklung der Lage kommentiert. Allerdings sind die Fakten, die den Hauptteil des Comicgeschehens ausmachen, fortan nicht mehr durch seine Beobachtung erzählerisch beglaubigt.

So gibt es einen Bruch in der Fiktion, und „Treibsand“ wandelt sich dadurch mehr als nötig zum Sachcomic. Kitty Kahanes bewusst krude gehaltene Art brut als Zeichnerin gleicht das jedoch mehr als nur aus. Ihre schwungvoll-assoziativen Bilder (leider bietet die Verlagsseite keine Leseprobe), die nicht selten auch Schemazeichnungen oder Ortspläne bieten, sind extrem passend, weil sie ein bißchen wie Kinderblicke auf die Situation wirken. Damit kommt der eigene Erfahrungshorizont des jungen Szenaristenduos doch noch unangestrengt zu seinem Recht.

Und man lernt so viel aus dieser subjektiven Schilderung. Vor allem, mit was für einem Glücksfall man es am 10. November zu tun hatte. Oder auch, dass die erfolgreichste Grupp von Flüchtlingen sich aus den Grenztruppen selbst rekrutierte, denn die wußten ja, wo die Schwächen im System lagen. Andererseits gibt es auch die unglaubliche Geschichte von zwei Grenzsoldaten, die nur zum Spaß mal in den Westen gingen und auf dem Rückweg ins Minenfeld gerieten. Wie das ausging, muß man selbst nachlesen, und ich habe bewußt nicht nachgeprüft, ob die Sache wahr ist. Aber fürchten muß man es angesichts des Wahnsinns, der 28 Jahre lang an der deutsch-deutschen Grenze herrschte, schon. Dagegen sind die letzten Tage der Mauer geradezu hochvernünftig abgelaufen, weil sich die Verteidiger irgendwann ins scheinbar Unvermeidliche geschickt haben. Von diesem Witz des Weltgeistes erzählt „Treibsand“.

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Platthaus_AndreasZwanzig Seiten Einblick in ein Flüchtlingslager
von Andreas Platthaus

Ende 2013 reiste der Berliner Comiczeichner Reinhard Kleist in den Nord-Irak. Was er dort sah und hörte, hat er für Arte aufgezeichnet, die diese Reportage jetzt ins Netz gestellt hat.

Reinhard Kleist ist einer der wenigen deutschen Comiczeichner, die mit Biographien, aber auch mit Reportagen neue Felder für ihr Fach erschließen. Eine Reise nach Kuba, die er vor Jahren zur Vorbereitung seiner Fidel-Castro-Comicbiographie unternahm, ergab ein prachtvolles Buch namens „Havanna“, einen Zwitter zwischen Comic und Bildband. Und eben eine Reportage. Seitdem hat Kleist diese Gattung intensiviert.

Vor einem Jahr, Ende November/Anfang Dezember 2013 fuhr Kleist auf Einladung des Fernsehsenders Arte nach Kawergorsk. Was wie der Name einer ostukrainischen Separatistenhochburg klingt, ist in Wirklichkeit ein Zeltlager im Nord-Irak für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge. Dort verbrachte Kleist mehrere Tage, schlief mit in den Zelten, sprach mittels eines übersetzenden Lagerinsassen mit den Menschen, zeichnete auf, was er sah und hörte – und ließ zeichnen.

Denn Kleist führte in Kawergorsk auch kleine Workshops mit den dort lebenden Kindern durch, und er bat sie, ihre Sicht aufs Lager zu zeichnen. Etliche dieser Kinderbilder sind mit in die zwanzig Comicseiten, die Kleists Reportage „Kawergorsk – 5 Sterne“ nun umfaßt, eingegangen, und es ist verblüffend, wie leicht verständlich diese Zeichnungen sind. Kinder finden überall auf der Welt dieselben Ausdrucksmittel für ihre Ängste und Faszinationen.

Das ist einer der beiden besonders interessanten Aspekte von Kleists Netzcomic. Der andere ist die Montage seiner eigenen Lagerskizzen. Immer wieder sind diese ursprünglichen Zeichnungen integriert, erkennbar am bloßen Schwarzweiß und der Simulation kleiner Papierstücke als Bildträger, während die später ausgefertigten Panels farbig angelegt sind, in warmen Aquarelltönen, die ein Wüstenlicht über die Seiten werfen, das in einem Touristenort höchst reizvoll wäre. Doch hier scheint die Sonne über einem elenden Camp.

Man merkt „Kawergorsk – 5 Sterne“ die Kenntnis der Comicreportagen von Joe Sacco an. Wie könnte Kleist daran auch vorbeigehen? Die Einbeziehung des Zeichners selbst in die Geschichte und der Beginn mit frontal erzählten Erlebnissen durch seine Gesprächspartner sind Methoden, die Sacco zu Markenzeichen einer Comicreportage gemacht hat. Kleist nutzt sie konsequent, auch wenn das, was Farhan und seine syrische Familie zum Auftakt berichten, erst einmal nichts über die Reportagekonstellation verrät. Sie kommt später ins Spiel, wenn Kleist sich selbst im Auto auf dem Weg nach Kawergorsk zeichnet und auf Seite 4 ein großes Splash-Panel den Blick auf das Lager zeigt.

Formal ist sehr interessant, daß Kleist ungeachtet des Publikationsforums im Netz die klassische Seitenstruktur beibehält – sogar derart streng, daß es eine erste Aufschlagseite und danach jeweils Doppelseiten gibt, ehe wieder eine einzelne die Reportage beschließt. Das ist ästhetisch bedauerlich, aber von Kleists Standpunkt eines traditionellen Zeichners aus verständlich. Zumal bei etwaiger späterer Buchpublikation keine gravierende Ummontierung erforderlich wäre.

Was jedoch einmal mehr die Grenzen von Comicreportagen deutlich macht, ist der seit dem Besuch verstrichene Zeitraum. In dem Jahr seit Kleists Besuch hat sich die Lage im Irak und in Syrien gewandelt; von der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ war seinerzeit noch gar keine Rede. In Kawergorsk dürfte ihr Vormarsch als Bedrohung wahrgenommen worden sein, doch all das kann keine Rolle spielen in einer Geschichte, die vor einem Jahr erlebt und danach mit einem Aufwand gezeichnet wurde, der eben monatelange Arbeit erforderte. Da haben es Schriftsteller, Kameraleute oder Fotografen einfacher.

Das ist Comiczeichnern bewußt, und dadurch gibt es für sie andere Herausforderungen als den schnellen Scoop. Eine Comicreportage muß das auf Dauer Wahrhaftige und Exemplarische in den Mittelpunkt stellen, wollte sie nicht bereits im Moment ihres Erscheinens überholt wirken. Bei Kleist ist es diese zeitlose Wahrheit: die Reaktion der Menschen auf die bedrückenden Umstände ihres Lagerdaseins. Und egal, wohin sie sich mittlerweile – hoffentlich – gerettet haben, diese Konstellation werden sie leider überall im Nahen Osten der gegenwärtigen Völkerfluchtwanderungen wiederfinden.

Es ist soweit!

plakat-sondermannHeute abend im Mousonturm: die große Sondermann-Gala mit Musik, Film und Open-Mouth-Performances von Jan Weiler, Hans Zippert, Tim Wolff, Michael Ziegelwagner, Andreas Platthaus und Leo Fischer! Mit riesigen Schecks für Ernst Kahl und Sebastian Lörscher! Mit einem leckeren Seitan-Büffet in der Pause! Und einem echten Zirkusclown, der heute abend woanders auftritt. Es wird turbulent!

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Platthaus_AndreasHitler und Hynkel
von Andreas Platthaus

Alan Moore macht sich im jüngsten Spin-off seiner „League of Extraordinary Gentlemen“ einen Riesenspaß mit den Deutschen. Der dann ins äußerst Bittere umschlägt.

Die erste Seite eines amerikanischen Comics auf Deutsch? Natürlich, gern sogar, wenn der Autor Alan Moore ist, der Tausendsassa der Szenaristenzunft, gewaschen mit allen Wassern der Sprache und Erzähltheorie. Daß es dabei mit der Kommasetzung hapert, kann man vernachlässigen, denn die ganze Konzentration richtet sich eh aufs letzte Bild der Seite, das einen Mann zeigt, der in Comics nur dann aufzutauchen pflegt, wenn es nicht mehr komisch wird: Hitler.

Allerdings wurde er im zweiten Panel von „Roses of Berlin“, dem neuesten Moore-Opus, bereits mit „Heil Hynkel“ begrüßt. Und zwei Bilder später ist von „Deutschland und Tomanien“ die Rede. Kinokenner wissen, was hier gemeint ist: In Charlie Chaplins 1940 gedrehtem Film „Der große Diktator“ trat der berühmteste Komiker der Welt in einer Doppelrolle auf: als namenloser jüdischer Friseur und als Adenoid Hynkel, Diktator von Tomanien. Daß das nach Germanien klang und Chaplin genau wie Hitler aussah (dem der Filmstar ohnehin vorwarf, das markante Bärtchen nach seinem, Chaplins, Vorbild gewählt zu haben), machte die Satire überdeutlich. Alan Moore nimmt sie nun ernst: Tomanien und Germanien machen gemeinsame Sache, und in Berlin weht nicht das Hakenkreuz, sondern das tomanische Wappen: zwei schräggestellte Eiserne Kreuze. Ach ja: Und Hynkel sieht bei seinem zweiten Auftritt mit einer lockeren Haarsträhne im ondulierten Haar genau aus wie Chaplin im richtigen Leben.

Wenn es eine Comicserie gibt, die sich einen derart frisch-frivolen Umgang mit Politik und Kulturgeschichte leisten kann, dann ist es die „League of Extraordinary Gentlemen“, die Moore 1999 erfand und von Kevin O’Neill kongenial zeichnen läßt. Kongenial deshalb, weil O’Neill in seine detailüberreichen Bilder zahllose visuelle Anspielungen einfließen lässt, die den Kosmos von Moores Szenarien noch erweitern. Der neueste Band – zweiter Teil des Spin-offs „Nemo“, das sich den Nachfolgerinnen von Kapitän Nemo widmet, der noch zu den Ur-Gentlemen gehörte, aber wie etliche von diesen im Laufe der Erzählung getötet wurde – spielt 1941, also mitten im Krieg. Die „Nautilus“ kämpft natürlich auf englischer Seite gegen die Deutschen/Tomanier, doch Hira, die junge Tochter der Kapitänin Nemo (vulgo Janni, ihrerseits Tochter des echten Nemo), ist gemeinsam mit ihrem französischen Gatten in einem Luftschiff abgeschossen worden und wird vermisst. Die Kapitänin macht sich mit ihrem Geliebten, dem Bootsmann Arrow Jack, der auch Hiras Vater ist, auf die Suche. In deren Mittelpunkt steht Berlin, das erstaunlicherweise via Elbe mit der Nautilus zu erreichen sein soll.

Aber in „Roses of Berlin“ ist eben alles Mythos und Mimikry. Das Zentrum der deutschen Machtpolitik wird von O’Neill wie eine Filmkulisse gezeichnet: in riesigen Totalen wie aus Fritz Langs „Metropolis“, und mit verwinkelten Ecken wie im expressionistischen Kino. Die Doktoren Caligari und. Mabuse stehen im Dienst von Hynkels Regime, und seine Garde einer Zombie-Wehrmacht (Schlafsoldaten) wird angeführt von der Roboterfrau aus „Metropolis“, die sich als dämonisch-mechanische Gegnerin erweist. Da zudem noch eine weibliche Nemesis von Kapitänin Nemo aus Teil 1 des Spin-offs an der Seite Hynkels auftaucht, hat man eine fulminante Opponentinnenschar beisammen. Moore hatte schon immer ein Faible für starke Frauen.

Es macht einen Heidenspaß, alles zu entschlüsseln, was er und O’Neill da kombinieren und collagieren, und natürlich doppelt, weil es sich meistenteils um deutsches Kulturerbe, wenn auch mehr oder weniger erfreulicher Provenienz handelt. Doch dann macht Moore wieder einmal das, was er noch nie gescheut hat: Er läßt eine seiner Figuren sterben, natürlich eine der dem Publikum liebsten, und der Comic kippt vom Schwarzen Humor ins Nachtschwarze. Dass darüber das Spektakel nicht zu kurz kommt, ist klar: Moore war auch schon immer ein Vertreter der Ansicht, dass Rache ein Gericht ist, das am besten möglichst feurig genossen wird.

Zum Abschluss bietet der Band den üblichen umfangreichen Textteil, der diesmal im Bericht einer Gesellschaftsreporterin besteht, die Jannis siebzigsten Geburtstag besucht hat. Das greift zeitlich weit über die zuvor erzählte Kriegsgeschichte hinaus und bietet wie immer etliche Versatzstücke, die in späteren „League“-Bänden wichtig werden könnten (es aber nicht müssen). Dieses Rezept kennt man, und auch sonst bietet „Roses of Berlin“ nichts Neues. Aber ein Lesevergnügen. Und das ist mehr, als mir die meisten Bücher garantieren.

Comic-Blog

Platthaus_AndreasGeister, die wir nicht mehr loswerden wollen
von Andreas Platthaus

Deutsche Weltliteratur, adaptiert und illustriert von Italienern: Andrea Grosso Ciponte will für den neuen Verlag Edition Faust zehn Klassiker-Comics zeichnen.

Ist das ein deutscher Comic? Stellt sich die Frage überhaupt? Ja, die Stoffe sind deutsch: E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“ etwa oder Friedrich Schillers „Geisterseher“. Aber sie sind eben auch Weltliteratur, und deshalb hat Andrea Grosso Ciponte sie ausgesucht, um Comics daraus zu machen. Wobei der 1977 geborene Professor für Computergrafik an der italienischen Universität von Capanzaro und seine ein Jahr jüngere Szenaristin Dacia Palmerino mit ihrer Arbeit dem Wunsch eines jungen deutschen Verlags nachgekommen sind, der wiederum von einem italienischstämmigen Mann gegründet worden ist: Michele Sciurbas „Edition Faust“. Produziert wird für den deutschen Markt, weshalb die Texte von Myriam Alfano wieder aus dem Italienischen zurückübersetzt werden, in enger Anlehnung an die Originale.

Eine irre internationale Geschichte also, so irre wie der „Sandmann“ oder der „Geisterseher“ selbst. „Dust Novel“ heißt die Reihe, mit der die Edition Faust auf den gegenwärtigen Trend zu Literatur-Comicadaptionen setzt, und dieser Name verheißt etwas von der Dunkelheit der dafür ausgesuchten romantischen Erzählvorlagen. Das Besondere aber ist, dass die ganze Reihe von Ciponte gezeichnet werden soll, insgesamt sind zehn Bände im Gespräch. Der dritte, nach Kleists „Marquise von O…“, ist schon fertig, obwohl das Projekt erst vor einem Jahr beschlossen wurde.

Wie macht Ciponte das, zumal die anfängliche Idee, alles in Schwarzweiß zu illustrieren, zugunsten von Farbe aufgegeben wurde? Sicherlich kommt Cipontes Beruf ihm zugute, doch nach Computergrafik sieht hier gar nichts aus. Vielmehr wechselt der Zeichner auch noch von Band zu Band seinen Stil (einen Eindruck bekommt man hier). Und die Kolorierungsprinzipien ebenfalls: Ist der „Sandmann“ in vielen Farben mit einem Schwerpunkt auf Braun und Grün gehalten, wählte Ciponte für den „Geisterseher“ vor allem ein kaltes Blau. Die Stimmungen beider Erzählungen trifft das jeweils sehr gut.

Gedruckt ist alles auf schwarzem Papier, und die Verarbeitung der Bände ist aufwendig: Hardcover, individueller Umfang (einmal 56, dann 64 Seiten). Hier stellt sich ein Verlag in den Dienst seines Autors. Es entsteht eine kleine Bibliothek der Romantik, die als Comicvorhaben weltweit einzig dastehen würde, wenn Ciponte wirklich durchhält. Ob sich ein Publikum für die in Bilder verwandelten Meistererzählungen findet, ist jedoch fraglicher, denn leicht zugänglich wirken die Bücher nicht.

Das ist aber Programm, denn man will die komplexen Stoffe nicht banalisieren. Wie es Ciponte und seiner Szenaristin gelingt, die Ursprungstexte auszudünnen und Fehlendes durch die Zeichnungen zu ersetzen, das lohnt einen näheren Blick, denn hier wird sehr klug gearbeitet. „Klassisch“ muß man dagegen die graphische Herangehensweise nennen, so unterschiedlich sie von Band zu Band auch ausfällt. Ciponte hat erkennbar viel von seinem Landsmann Sergio Toppi gelernt – eine gute Schule, aber auch eine, die nicht dem entspricht, was derzeit auf dem Graphic-Novel-Markt reüssiert. Aber danach schielt die Edition Faust auch gar nicht, sonst hätte sie aufs Albenformat verzichtet. Hier sind Comic-Überzeugungstäter am Werk, deren Mut man gern belohnt sähe.

Comic-Blog

Ein Klassenzimmer voller Mörder
von Andreas Platthaus

Ein Manga macht mobil: Yusei Matsuis grotesker „Assassination Classroom“ zeigt eine Schülerschar im Kampf gegen einen außerirdischen Lehrer, der die Welt zerstören will.

Mag sein, dass sich hinter der Geschichte von Yusei Matsui ein spätes Kompensationsbedürfnis des Zeichners betreffs seiner eigenen Lehrkräfte verbirgt. Wahrscheinlicher aber ist, dass der 1981 geborene Mangaka einfach dem scheinbar unstillbaren Bedürfnis des Publikums nach mordenden Teenagern entsprechen wollte, wie wir es seit „Battle Royal“ nicht nur aus Japan kennen. Nur dass Matsui auf die grandiose Idee kam, die Mordgelüste seiner Helden moralisch dadurch zu legitimieren, dass ihr Lehrer ein außerirdisches Monster ist, das am Ende des Schuljahrs die Welt zerstören wird. Den Mond hat es schon zerstückelt, deshalb nimmt die Menschheit die Sache ernst. Und hofft darauf, dass zwei Dutzend Neuntklässlern gelingt, was die gesammelte Militärkapazität des Erdballs nicht vermag.

Denn Korosensei, wie die Schüler ihren mit zahllosen Tentakeln und einer immer grinsenden Miene à la Smiley ausgestatteten Lehrer nennen (ein Wortspiel, das den japanischen Begriff für „nicht töten können“ mit dem für „Lehrer“ koppelt), verfügt nicht nur über immense destruktive Energie, sondern auch über die Fähigkeit, sich mit zwanzigfacher Schallgeschwindigkeit zu bewegen, weshalb er jedem Angriff ausweichen und seine Gegner ausschalten kann. Dass er die Klasse eines Gymnasiums unterrichtet, in der nur dessen schlechteste Schüler unterkommen, verdankt sich dem Vorschlag des außerirdischen Wesens selbst. Und deshalb beantwortet er die verzweifelten Anschläge auf sein Leben auch nur mit Spott, nicht mit Gegengewalt. In einem Jahr werde ja ohnehin alle Menschen von ihm ausgelöscht.

Die Konstellation ist also aberwitzig, aber das tat dem Erfolg von „Ansatsu Kyoshitsu“, wie der japanischen Originaltitel lautet, keinen Abbruch: Im Juli 2012 erschien der erste, genau zwei Jahre später der zehnte und letzte Band, die japanische Gesamtauflage geht in die Millionen, eine animierte Fernsehserie läuft seit einem Jahr, im Januar kommt ein Realfilm nach Matsuis Vorlage in Japan auf den Bildschirm. Und nun hat der Carlsen Verlag mit der deutschen Publikation des Manga begonnen.

Bis auf die Grundkonstellation bietet er allerdings keine Überraschungen, weder erzählerisch noch ästhetisch. Matsui ist ein eleganter Zeichner, der sich bei Effekten und Seitenarchitektur am Mainstream orientiert. Mit fortschreitender Handlung allerdings werden die Schauplätze sich ausweiten, wodurch die Graphik mehr gefordert wird. Und lustig ist der Kampf gegen das so freundlich wirkende diabolische Wesen allemal, gerade weil es so skurrile Sanktionen gegen die mordgierigen Schüler verhängt. Nur der Übersetzung merkt man wieder einmal an, dass etliche Wendungen nicht adäquat ins Deutsche zu bringen sind – aber das ist kein Spezifikum von „Assassination Classroom“, sondern ein generelles Manga-Problem, das seinen Grund auch in den für westlich geschriebene Dialoge zu kleinen Sprechblasen hat.