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Platthaus_AndreasHitler und Hynkel
von Andreas Platthaus

Alan Moore macht sich im jüngsten Spin-off seiner „League of Extraordinary Gentlemen“ einen Riesenspaß mit den Deutschen. Der dann ins äußerst Bittere umschlägt.

Die erste Seite eines amerikanischen Comics auf Deutsch? Natürlich, gern sogar, wenn der Autor Alan Moore ist, der Tausendsassa der Szenaristenzunft, gewaschen mit allen Wassern der Sprache und Erzähltheorie. Daß es dabei mit der Kommasetzung hapert, kann man vernachlässigen, denn die ganze Konzentration richtet sich eh aufs letzte Bild der Seite, das einen Mann zeigt, der in Comics nur dann aufzutauchen pflegt, wenn es nicht mehr komisch wird: Hitler.

Allerdings wurde er im zweiten Panel von „Roses of Berlin“, dem neuesten Moore-Opus, bereits mit „Heil Hynkel“ begrüßt. Und zwei Bilder später ist von „Deutschland und Tomanien“ die Rede. Kinokenner wissen, was hier gemeint ist: In Charlie Chaplins 1940 gedrehtem Film „Der große Diktator“ trat der berühmteste Komiker der Welt in einer Doppelrolle auf: als namenloser jüdischer Friseur und als Adenoid Hynkel, Diktator von Tomanien. Daß das nach Germanien klang und Chaplin genau wie Hitler aussah (dem der Filmstar ohnehin vorwarf, das markante Bärtchen nach seinem, Chaplins, Vorbild gewählt zu haben), machte die Satire überdeutlich. Alan Moore nimmt sie nun ernst: Tomanien und Germanien machen gemeinsame Sache, und in Berlin weht nicht das Hakenkreuz, sondern das tomanische Wappen: zwei schräggestellte Eiserne Kreuze. Ach ja: Und Hynkel sieht bei seinem zweiten Auftritt mit einer lockeren Haarsträhne im ondulierten Haar genau aus wie Chaplin im richtigen Leben.

Wenn es eine Comicserie gibt, die sich einen derart frisch-frivolen Umgang mit Politik und Kulturgeschichte leisten kann, dann ist es die „League of Extraordinary Gentlemen“, die Moore 1999 erfand und von Kevin O’Neill kongenial zeichnen läßt. Kongenial deshalb, weil O’Neill in seine detailüberreichen Bilder zahllose visuelle Anspielungen einfließen lässt, die den Kosmos von Moores Szenarien noch erweitern. Der neueste Band – zweiter Teil des Spin-offs „Nemo“, das sich den Nachfolgerinnen von Kapitän Nemo widmet, der noch zu den Ur-Gentlemen gehörte, aber wie etliche von diesen im Laufe der Erzählung getötet wurde – spielt 1941, also mitten im Krieg. Die „Nautilus“ kämpft natürlich auf englischer Seite gegen die Deutschen/Tomanier, doch Hira, die junge Tochter der Kapitänin Nemo (vulgo Janni, ihrerseits Tochter des echten Nemo), ist gemeinsam mit ihrem französischen Gatten in einem Luftschiff abgeschossen worden und wird vermisst. Die Kapitänin macht sich mit ihrem Geliebten, dem Bootsmann Arrow Jack, der auch Hiras Vater ist, auf die Suche. In deren Mittelpunkt steht Berlin, das erstaunlicherweise via Elbe mit der Nautilus zu erreichen sein soll.

Aber in „Roses of Berlin“ ist eben alles Mythos und Mimikry. Das Zentrum der deutschen Machtpolitik wird von O’Neill wie eine Filmkulisse gezeichnet: in riesigen Totalen wie aus Fritz Langs „Metropolis“, und mit verwinkelten Ecken wie im expressionistischen Kino. Die Doktoren Caligari und. Mabuse stehen im Dienst von Hynkels Regime, und seine Garde einer Zombie-Wehrmacht (Schlafsoldaten) wird angeführt von der Roboterfrau aus „Metropolis“, die sich als dämonisch-mechanische Gegnerin erweist. Da zudem noch eine weibliche Nemesis von Kapitänin Nemo aus Teil 1 des Spin-offs an der Seite Hynkels auftaucht, hat man eine fulminante Opponentinnenschar beisammen. Moore hatte schon immer ein Faible für starke Frauen.

Es macht einen Heidenspaß, alles zu entschlüsseln, was er und O’Neill da kombinieren und collagieren, und natürlich doppelt, weil es sich meistenteils um deutsches Kulturerbe, wenn auch mehr oder weniger erfreulicher Provenienz handelt. Doch dann macht Moore wieder einmal das, was er noch nie gescheut hat: Er läßt eine seiner Figuren sterben, natürlich eine der dem Publikum liebsten, und der Comic kippt vom Schwarzen Humor ins Nachtschwarze. Dass darüber das Spektakel nicht zu kurz kommt, ist klar: Moore war auch schon immer ein Vertreter der Ansicht, dass Rache ein Gericht ist, das am besten möglichst feurig genossen wird.

Zum Abschluss bietet der Band den üblichen umfangreichen Textteil, der diesmal im Bericht einer Gesellschaftsreporterin besteht, die Jannis siebzigsten Geburtstag besucht hat. Das greift zeitlich weit über die zuvor erzählte Kriegsgeschichte hinaus und bietet wie immer etliche Versatzstücke, die in späteren „League“-Bänden wichtig werden könnten (es aber nicht müssen). Dieses Rezept kennt man, und auch sonst bietet „Roses of Berlin“ nichts Neues. Aber ein Lesevergnügen. Und das ist mehr, als mir die meisten Bücher garantieren.

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Platthaus_AndreasGeister, die wir nicht mehr loswerden wollen
von Andreas Platthaus

Deutsche Weltliteratur, adaptiert und illustriert von Italienern: Andrea Grosso Ciponte will für den neuen Verlag Edition Faust zehn Klassiker-Comics zeichnen.

Ist das ein deutscher Comic? Stellt sich die Frage überhaupt? Ja, die Stoffe sind deutsch: E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“ etwa oder Friedrich Schillers „Geisterseher“. Aber sie sind eben auch Weltliteratur, und deshalb hat Andrea Grosso Ciponte sie ausgesucht, um Comics daraus zu machen. Wobei der 1977 geborene Professor für Computergrafik an der italienischen Universität von Capanzaro und seine ein Jahr jüngere Szenaristin Dacia Palmerino mit ihrer Arbeit dem Wunsch eines jungen deutschen Verlags nachgekommen sind, der wiederum von einem italienischstämmigen Mann gegründet worden ist: Michele Sciurbas „Edition Faust“. Produziert wird für den deutschen Markt, weshalb die Texte von Myriam Alfano wieder aus dem Italienischen zurückübersetzt werden, in enger Anlehnung an die Originale.

Eine irre internationale Geschichte also, so irre wie der „Sandmann“ oder der „Geisterseher“ selbst. „Dust Novel“ heißt die Reihe, mit der die Edition Faust auf den gegenwärtigen Trend zu Literatur-Comicadaptionen setzt, und dieser Name verheißt etwas von der Dunkelheit der dafür ausgesuchten romantischen Erzählvorlagen. Das Besondere aber ist, dass die ganze Reihe von Ciponte gezeichnet werden soll, insgesamt sind zehn Bände im Gespräch. Der dritte, nach Kleists „Marquise von O…“, ist schon fertig, obwohl das Projekt erst vor einem Jahr beschlossen wurde.

Wie macht Ciponte das, zumal die anfängliche Idee, alles in Schwarzweiß zu illustrieren, zugunsten von Farbe aufgegeben wurde? Sicherlich kommt Cipontes Beruf ihm zugute, doch nach Computergrafik sieht hier gar nichts aus. Vielmehr wechselt der Zeichner auch noch von Band zu Band seinen Stil (einen Eindruck bekommt man hier). Und die Kolorierungsprinzipien ebenfalls: Ist der „Sandmann“ in vielen Farben mit einem Schwerpunkt auf Braun und Grün gehalten, wählte Ciponte für den „Geisterseher“ vor allem ein kaltes Blau. Die Stimmungen beider Erzählungen trifft das jeweils sehr gut.

Gedruckt ist alles auf schwarzem Papier, und die Verarbeitung der Bände ist aufwendig: Hardcover, individueller Umfang (einmal 56, dann 64 Seiten). Hier stellt sich ein Verlag in den Dienst seines Autors. Es entsteht eine kleine Bibliothek der Romantik, die als Comicvorhaben weltweit einzig dastehen würde, wenn Ciponte wirklich durchhält. Ob sich ein Publikum für die in Bilder verwandelten Meistererzählungen findet, ist jedoch fraglicher, denn leicht zugänglich wirken die Bücher nicht.

Das ist aber Programm, denn man will die komplexen Stoffe nicht banalisieren. Wie es Ciponte und seiner Szenaristin gelingt, die Ursprungstexte auszudünnen und Fehlendes durch die Zeichnungen zu ersetzen, das lohnt einen näheren Blick, denn hier wird sehr klug gearbeitet. „Klassisch“ muß man dagegen die graphische Herangehensweise nennen, so unterschiedlich sie von Band zu Band auch ausfällt. Ciponte hat erkennbar viel von seinem Landsmann Sergio Toppi gelernt – eine gute Schule, aber auch eine, die nicht dem entspricht, was derzeit auf dem Graphic-Novel-Markt reüssiert. Aber danach schielt die Edition Faust auch gar nicht, sonst hätte sie aufs Albenformat verzichtet. Hier sind Comic-Überzeugungstäter am Werk, deren Mut man gern belohnt sähe.

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Ein Klassenzimmer voller Mörder
von Andreas Platthaus

Ein Manga macht mobil: Yusei Matsuis grotesker „Assassination Classroom“ zeigt eine Schülerschar im Kampf gegen einen außerirdischen Lehrer, der die Welt zerstören will.

Mag sein, dass sich hinter der Geschichte von Yusei Matsui ein spätes Kompensationsbedürfnis des Zeichners betreffs seiner eigenen Lehrkräfte verbirgt. Wahrscheinlicher aber ist, dass der 1981 geborene Mangaka einfach dem scheinbar unstillbaren Bedürfnis des Publikums nach mordenden Teenagern entsprechen wollte, wie wir es seit „Battle Royal“ nicht nur aus Japan kennen. Nur dass Matsui auf die grandiose Idee kam, die Mordgelüste seiner Helden moralisch dadurch zu legitimieren, dass ihr Lehrer ein außerirdisches Monster ist, das am Ende des Schuljahrs die Welt zerstören wird. Den Mond hat es schon zerstückelt, deshalb nimmt die Menschheit die Sache ernst. Und hofft darauf, dass zwei Dutzend Neuntklässlern gelingt, was die gesammelte Militärkapazität des Erdballs nicht vermag.

Denn Korosensei, wie die Schüler ihren mit zahllosen Tentakeln und einer immer grinsenden Miene à la Smiley ausgestatteten Lehrer nennen (ein Wortspiel, das den japanischen Begriff für „nicht töten können“ mit dem für „Lehrer“ koppelt), verfügt nicht nur über immense destruktive Energie, sondern auch über die Fähigkeit, sich mit zwanzigfacher Schallgeschwindigkeit zu bewegen, weshalb er jedem Angriff ausweichen und seine Gegner ausschalten kann. Dass er die Klasse eines Gymnasiums unterrichtet, in der nur dessen schlechteste Schüler unterkommen, verdankt sich dem Vorschlag des außerirdischen Wesens selbst. Und deshalb beantwortet er die verzweifelten Anschläge auf sein Leben auch nur mit Spott, nicht mit Gegengewalt. In einem Jahr werde ja ohnehin alle Menschen von ihm ausgelöscht.

Die Konstellation ist also aberwitzig, aber das tat dem Erfolg von „Ansatsu Kyoshitsu“, wie der japanischen Originaltitel lautet, keinen Abbruch: Im Juli 2012 erschien der erste, genau zwei Jahre später der zehnte und letzte Band, die japanische Gesamtauflage geht in die Millionen, eine animierte Fernsehserie läuft seit einem Jahr, im Januar kommt ein Realfilm nach Matsuis Vorlage in Japan auf den Bildschirm. Und nun hat der Carlsen Verlag mit der deutschen Publikation des Manga begonnen.

Bis auf die Grundkonstellation bietet er allerdings keine Überraschungen, weder erzählerisch noch ästhetisch. Matsui ist ein eleganter Zeichner, der sich bei Effekten und Seitenarchitektur am Mainstream orientiert. Mit fortschreitender Handlung allerdings werden die Schauplätze sich ausweiten, wodurch die Graphik mehr gefordert wird. Und lustig ist der Kampf gegen das so freundlich wirkende diabolische Wesen allemal, gerade weil es so skurrile Sanktionen gegen die mordgierigen Schüler verhängt. Nur der Übersetzung merkt man wieder einmal an, dass etliche Wendungen nicht adäquat ins Deutsche zu bringen sind – aber das ist kein Spezifikum von „Assassination Classroom“, sondern ein generelles Manga-Problem, das seinen Grund auch in den für westlich geschriebene Dialoge zu kleinen Sprechblasen hat.

Der erste Stipendiat

Der Sondermann e.V. ist stolz, 2014 das erste offizielle Sondermann-Stipendium vergeben zu haben! In jährlicher Folge will der Verein einem jungen Autor oder Zeichner aus dem Bereich der Komischen Kunst einen dreimonatigen Arbeitsaufenthalt in Frankfurt finanzieren und zugleich Praktika in verschiedenen Medienhäusern (TITANIC, Caricatura, FAZ) ermöglichen – unabhängig von den Regularien des Sondermann-Preises.

Der erste Stipendiat ist der Cartoonist Leonard Riegel. 1983 geboren in Göttingen, lebt und arbeitet Riegel in Kassel, wo er bei Hendrik Dorgathen Illustration und Comic studiert hat. Er veröffentlicht regelmäßig in der TITANIC und spielt in zwei Rockbands, „Iron Dan“ und „Holz“.

Der Sondermann e.V. unterstützt Riegel bisher finanziell bei seinem dreimonatigen TITANIC-Praktikum und vermittelte ihm zudem ein Schnupperpraktikum bei der FAZ.

 

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So ein Mauerfall erschüttert doch Herrn Lehmann nicht
von Andreas Platthaus

Tim Dinter hat einen der erfolgreichsten deutschen Romane in einen Comic verwandelt: Und der gezeichnete „Herr Lehmann“ hat die Stärken des Buchs von Sven Regener geschickt bewahrt.

Einer der größten deutschsprachigen Romanerfolge der letzten Jahrzehnte war „Herr Lehmann“, verfasst von Sven Regener, dem Sänger der Gruppe Element of Crime. Das Buch erschien 2001 und ist bislang der einzige Wenderoman eines Autors aus dem Westen, nachdem zuvor die selbst in Ostdeutschland aufgewachsenen Thomas Brussig mit „Helden wie wir“ und danach Uwe Tellkamp mit „Der Turm“ und Eugen Ruge mit „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ riesige Erfolge feierten. Gerade schickt sich ja Lutz Seiler mit dem Roman „Kruso“ an, diese Reihe fortzusetzen.

Warum Regener mit „Herr Lehmann“ in diese ostdeutsche Phalanx einbrechen konnte, dürfte sich dadurch erklären, dass die Wende bei ihm kaum vorkommt. Zwar läuft die Handlung auf den 9. November 1989, den Tag des Mauerfalls, hinaus, doch das ist zugleich auch der dreißigste Geburtstag der Titelfigur Frank Lehmann, eines in Berlin gestrandeten Mannes, der sich als Tresenbedienung in der Kreuzberger Kneipe „Einfall“ durchschlägt und ansonsten nicht recht weiß, was er mit seinem Leben machen soll. All die kleinen Dramen im Freundes- und Berufskreis sind viel wichtiger für das Buch als die politischen Ereignisse des Sommers und Herbstes 1989, und das souveräne Phlegma von Frank Lehmann dürfte etliche westdeutsche Leser beeindruckt haben. „Herr Lehmann“ ist der Wenderoman für Menschen, denen die DDR ziemlich egal war. Deren gibt es anscheinend viele.

Es ist aber auch eine Momentaufnahme Westberlins kurz vor dessen Untergang als eigenständige politische wie kulturelle Einheit. Und deshalb erfordert die Umsetzung dieses Romans als Comic einen genauen Kenner der Westberliner Stadttopographie (die entsprechende Sorgfalt fehlte der Verfilmung von Leander Haußmann aus dem Jahr 2003 bisweilen). Mit Tim Dinter hat sich der Sache ein Zeichner angenommen, der sich – obwohl Jahrgang 1971, also spät, und auch nicht in Berlin geboren oder aufgewachsen – in der Stadt auskennt wie kaum ein Zweiter. Für die „Berliner Seiten“ der F.A.Z. hat er 2002 gemeinsam mit Kai Pfeiffer die Comicserie „Der Flaneur“ gestaltet, und das, was er darin mit der Stadt anstellte, das kommt jetzt auch seiner „Herr Lehmann“-Adaption zugute: Berlin gibt eine unaufdringliche, aber ständig präsente und vor allem überprüfbar genau recherchierte Kulisse für das Geschehen ab (Leseprobe). Der Eichborn-Verlag, auch schon Heimat des Romans, hat mit Dinter eine blendende Wahl getroffen.

Tim Dinter besorgte auch die Textauswahl für seinen Comic, und er nahm Rücksicht darauf, dass Regeners Roman besonders mit seinen Dialogen glänzt. Etliche sind in den Comic übernommen worden, und die Stimmen der Protagonisten prägen deren Bild mindestens so sehr wie ihr gezeichnetes Aussehen. Große gestische oder mimische Aktionen verleiht Dinter ihnen eh nicht; das hätte auch nicht zur ruhigen Ironie des Romans gepasst. Gleichwohl charakterisiert er die Figuren aber durch individuelle Züge, die das kleine Ensemble leicht durchschau- und wiedererkennbar machen.

Die schwarzweiße, allerdings grau lavierte Gestaltung passt ebenfalls hervorragend zur Stimmung von Regeners Buch, das die Sonnenseiten Berlins konsequent ausspart. Und Dinter belässt auch den von Haußmanns Verfilmung arg ins Positive gewendeten Schluss so offen, wie er im Roman ist. Der Comic ist, kurz gesagt, ein Wunder an Aneignung, denn er beschwört die alten Leseeindrücke wieder herauf und gibt ihnen doch ein Mehr an Konkretion. So müssen Literaturadaptionen im Comic sein.

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Die Luft brennt – und alles andere auch
von Andreas Platthaus

Genrecomics? Warum nicht, wenn sie gut gemacht sind? Der Noir-Krimi „Burn Out“ von Antoine Ozanam und Mikkel Sommer leiht sich zwar viel aus, hat dann aber auch etwas zu erzählen.

 

Warum kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass Antoine Ozanam viele Comics von Baru gelesen hat? Weil sein Szenario zu „Burn Out“, einem Comic, den er gerade gemeinsam mit dem deutschen Zeichner Mikkel Sommer beim Avant Verlag publiziert hat, gleich anfangs die Atmosphäre von Barus „Bleierne Hitze“ heraufbeschwört: Unerträglich drückend ist das Wetter in Reno, Nevada, wo der Polizist Ethan Karoshi tätig ist. Oder eher untätig, denn alles beginnt mit einem Schäferstündchen. Pech nur, dass Karoshis Ehefrau die Tochter seines Vorgesetzten ist. Sonst könnte man mit dem Seitensprung offensiver umgehen.

Karoshi ist ein Loser, der sich aber bislang einigermaßen durchgeschlagen hat. Auch sein Quadratschädel ist wie aus einem Baru-Comic übernommen, die ausgebleichten Farben sind es sowieso. Neues ist in „Burn Out“ Fehlanzeige. Was man nicht von Baru her kennt, das findet sich erzählerisch in Tardis Comic-Adaptionen des französischen Krimi-Meisters Manchette. Aber warum nicht bei den Besten klauen? Genau dieses Geschick ist es ja, das Karoshi fehlt. Seine Autoren beherrschen es.

Bald pflastern Leichen den Weg des Polizisten, und alle Spuren weisen auf ihn hin. Die eigenen Kollegen sind hinter ihm her, seine Ehe zerbricht, Schwiegervater und Schwäger machen Karoshi die Hölle heiß, und das Ganze entpuppt sich als abgefeimter Plan, über den man hier nicht viel mehr sagen sollte, wenn man die Spannung erhalten will.
Denn die gibt es durchaus, und auch wenn manche Wendung ein wenig zu melodramatisch erfolgt, ist „Burn Out“ doch durchaus unterhaltsam, wenn man Genreliebhaber ist. Mehr allerdings darf man auch wieder nicht erwarten.

Bleibt nur die Bewunderung für einen Zeichner wie den gerade mal siebenundzwanzigjährigen Mikkel Sommer, der, ohne zuvor großes Aufsehen erregt zu haben, gleich einen handwerklich sauberen Comicband erstellt hat (Leseprobe), der in jedem Verlagsprogramm bestehen könnte (und im französischen Sprachraum auch schon bei Casterman, also einem ganz Großen, untergekommen ist). Die Professionalisierung deutscher Zeichner ist bemerkenswert. Jetzt können sie sogar Genre – etwas, das es seit Schultheiß hierzulande kaum mehr überzeugend gegeben hat.

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Wiedergeburt oder Diebstahl?
von Andreas Platthaus

Der Schweizer Zeichner Frederik Peeters beginnt seine neue Science-Fiction-Serie „Aâma“. Alles sieht aus wie bei Moebius. Das ist wunderschön und bedauerlich zugleich.

Am Anfang steht ein Mann auf dem Tiefpunkt. Verloc Nim hat alles verloren: Frau, Tochter, väterliches Geschäft, vor allem aber seine Selbstachtung. In der Weltraummetropole Radiant vegetiert er im Drogenrausch vor sich hin. Bis sein Bruder Conrad mit dem Kampfroboter Churchill auftaucht und ihn auf eine Mission ans andere Ende des Universums mitnimmt – angeblich, um ihn aus der Gosse zu holen, doch dahinter steckt wohl noch etwas anderes.

Klassische Science-Fiction. Es geht um Experimente auf fernen Planeten, die von dubiosen Firmen durchgeführt werden, ohne dass die dortigen Kolonisten etwas davon wüssten. Die geheimnisvolle Substanz, um die sich alles dreht, heißt Aâma. Was sie kann, wird im ersten Band der nach ihr benannten Serie von Frederic Peeters noch nicht verraten, obwohl er mit mehr als achtzig Seiten einen stattlichen Umfang erreicht. Es wird jedoch hier schon klar, dass man für Aâma über Leichen geht.

Man kann diesen ersten Teil mit dem völlig sinnlosen maktschreierischen Titel „Der Geruch von heißem Staub“ nicht lesen, ohne an die „John Difool“-Serie von Alejandro Jodorowsky und Moebius zu denken. Das ist von Peeters auch so gewollt. Nicht nur der graphische Stil orientiert sich klar an der unverwechselbaren Moebius-Ästhetik (wie sollte man das auch vermieden können, wo doch alles, was Science-Fiction heißt, seit vierzig Jahren im Bann dieser Phantasiewelten steht?), auch die Figuren- und Handlungskonstellationen nehmen jenes Muster auf, das Jodorowsky mit seiner mythisch angehauchten Erzählung vom geheimnisvollen Inkal, der im Zentrum der sechs klassischen „John Difool“-Bände steht, vorgegeben hat.

Churchill etwa, der gorillaähnliche Roboter, hat Statur und Eigenschaften des Metabarons, des coolen Kämpfers aus „John Difool“. Natürlich fügt Peeters einiges hinzu, auch etlichen Humor. Wenn Churchill permanent Zigarren schmaucht, dann ist das ein augenzwinkernder Verweis auf das historische Namensvorbild. Und auch Verloc ist nicht einfach John, obwohl die jeweilige Loser-Attitüde sich extrem ähnelt. Dem berühmten Sturz John Difools, der das Abenteuer um den Inkal einleitet, entspricht nun das Erwachen von Verloc auf einem ihm fremden Planeten, nachdem er seine Erinnerungen verloren hat. Im Laufe von „Aâma“ werden wir dann darüber aufgeklärt, was dieser Situation vorausging. Die chronologischen Sprünge immerhin sind bei Peeters originell.

Es ist schon so: Die Freude über das spezifische Moebius-Gefühl bei der Lektüre überwiegt. Zumal die Versuche von Jodorowsky, den legendären Stoff von „John Difool“ durch Pre- und Sequels weiterzuspinnen, grässliche Resultat gezeitigt hat. Er hielt sich nicht mehr an die eigene Idee, die ja im Namen „Difool“, in dem der Narr steckt, ihr Programm hatte. Alles wurde immer metaphysischer und vor allem immer weniger komisch. Mit dem Tod von Moebius im März 2012 glaubte man allen Charme verloren, denn seine Zeichnernachfolger lieferten für die Serie nurmehr Dutzendware.

Da ist Peeters von ganz anderem Kaliber. Obwohl auch hier eine traumatisierte Seele im Zentrum steht, ist ihm mit seiner Figurenmenagerie ein Meisterstück geglückt, vor allem mit den skurrilen, in ihrer Komplexität mutmaßlich noch gar nicht richtig einzuschätzenden, Kolonisten auf dem isolierten Planeten Ona(ji), wo man die Aâma-Experimente in Gang brachte. Da tritt ein Ensemble auf, das in seiner physiognomischen wie kulturgeschichtlichen Vielgestalt nur in Alan Moores und Kevin O’Neills „League of Extraordinary Gentlemen“ eine Comic-Parallele hat. Allein deshalb schon kann ich die Publikation des zweiten Bandes (und hoffentlich noch etlicher weiterer) kaum erwarten.

Und doch bleibt auch das schale Gefühl, einem anerkanntermaßen talentierten Comicerzähler dabei zuzusehen, wie er lieber den Bestand plündert, als neue Ideen zu entwickeln. Seit der 1974 geborene Peeters mit „Blaue Pillen“ vor zehn Jahren seinen Durchbruch schaffte, hat er diverse Comics geschrieben, einige davon auch selbst gezeichnet (wie jetzt eben „Aâma“), andere für sich schreiben lassen, aber nie mehr hat er an die Tiefe jenes Debüts anknüpfen können, das eine psychologisch dichte Krankheitsgeschichte erzählte. Wenn er nun beim Besten stiehlt, was die Comicgeschichte im Science-Fiction-Genre zu bieten hat, ist das zwar verständlich, aber auch enttäuschend. Denn Peeters kann mehr.

Sicher kann er nicht so viel wie Moebius. Wobei es schon bemerkenswert ist, wie geschickt er als Zeichner auf jenem schmalen Grat zwischen europäischer und amerikanischer Ästhetik zu wandeln versteht, den Moebius überhaupt erst entdeckt hat. Ihn dabei zu beobachten, ist faszinierend. Und dass Peeters noch einmal eine derart komplexe Geschichte gelingen würde, war auch nicht unbedingt zu erwarten. Wenn er sich in den Folgebänden erzählerisch freischwämme, könnte man ihm die graphischen Anleihen verzeihen. Denn über Moebius kann man eh nicht mehr hinaus, über Jodorowsky dagegen allemal.

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Gespenstisch stiller Totentanz
von Andreas Platthaus

Einer stirbt, und viele sind todunglücklich: Judith Vanistendael erzählt in „Als David seine Stimme verlor“ eindrucksvoll vom Leiden eines Kehlkopfkrebskranken.

David ist Mitte fünfzig, kein Alter zum Sterben. Doch gleich zu Anfang der Geschichte bekommt er einen schrecklichen Befund: Kehlkopfkrebs. Ein befreundeter Arzt will seine Kampfkraft wecken, doch die Bilder, mit denen Judith Vanistendael Davids Empfindungen bei der Nachricht illustriert, sprechen eine andere Sprache. Und recht bald wird klar, dass am Ende dieses Comics der Tod stehen wird.

Bis dahin dauert es aber 275 Seiten, und bis dahin lernen wir Davids Familie kennen. Die ist kompliziert, denn aus einer ersten Beziehung hat er eine erwachsene Tochter, Miriam, die genau in den Tagen, als David seine Diagnose empfängt, ein uneheliches Mädchen zur Welt bringt. Liiert ist David mit der siebzehn Jahre jüngeren Paula, gemeinsam haben sie wiederum eine achtjährige Tochter, Tamara. Vier Frauen unterschiedlichen Alters also umgeben den Sterbenden, von allen wird er geliebt, von allen allerdings auf ganz andere Weise. Und gewisse Rivalitäten gibt es auch.

Judith Vanistendael ist Belgierin, erzählt ihre Geschichten auf Flämisch und hat ihren neuen Band in Berlin angesiedelt. Warum, ist schwer zu begreifen, aus dem Schauplatz wird jedenfalls mit Ausnahme einiger Stimmungsbilder kein Gewinn gezogen. Und um einen Berliner Verlag zu finden (Reprodukt) bedarf es solcher Anbiederung gewiss auch nicht. Es ist eine private Geschichte, die universelle Gültigkeit besitzt, auch wenn solche Patchwork-Familien sicher nicht überall auf der Welt glaubwürdig angesiedelt sein könnten. Aber Berlin lenkt bei seinen wenigen „Auftritten“ im Comic eher ab von dem, um was es geht.

Das war bei Vanistendaels Debüt „Kafka für Afrikaner“ ganz anders. Auch das war eine höchst persönlich erzählte Geschichte, aber sie brauchte ihren klar definierten sozialen Rahmen, um von den Problemen zu berichten, die eine Freundschaft zwischen einer weißen Frau und einem schwarzen Mann auch heute noch für deren Umgebung bedeuten kann. In „Als David seine Stimme verlor“ bietet der behandelnde Arzt die einzige Außenperspektive, und selbst er ist ja mit dem Patienten gut bekannt. Dass schließlich dieses einzige Nicht-Familienmitglied das Dilemma zwischen David und den Seinen zu entscheiden hat, ist allerdings konsequent.

Denn Davids Töchter und seine Frau gedenken nicht, ihn gehen zu lassen. Jeweils ein Kapitel des Buchs ist aus ihren Einzelperspektiven erzählt, und erst danach versteht man ihre Handlungsweisen, die viel weniger egoistisch sind, als man zunächst meinen möchte. Hier ist Judith Vanistendael ganz in ihrem Element: Sie versetzt sich tief in ihre Protagonistinnen hinein und findet extrem starke Bilder für deren Wahrnehmungen der Situation – so etwa einen Totentanz, in den sich Miriam einbezogen sieht. Hier und in vielen anderen Sequenzen leistet Vanistendael etwas besonders Bemerkenswertes: Obwohl David seine Stimme noch hat, erzählt sie ihren Comic doch bereits weitgehend ohne Worte. Und man vermisst dabei nichts.

Allerdings bleibt das ohne Relevanz fürs Geschehen und seine Rezeption, denn mit dem produktiven Verzicht auf Dialoge könnte ja auch eine Aussage auf der Metaebene über Davids Krankheit getroffen werden – dass er den drohenden Verlust seines Kehlkopfs doch kompensieren könnte, und zeitweise scheint es auch genauso zu sein. Doch dankenswerterweise steckt kein falscher Trost in diesem Comic. Man bekommt den Verlauf einer schweren Krebserkrankung so geschildert, wie es ist. Und es ist nicht tröstlich.

Daneben verfügt Vanistendael über ein beeindruckendes Repertoire an seitenarchitektonischen Effekten. So unterlegt sie etwa Seiten schwarz, lässt Bilder direkt aneinander grenzen, plötzlich nur noch eine Bildreihe oder gar nur ein einzelnes Bild auf eine Seite stehen, öffnet die Panels oder präsentiert zum Höhepunkt der Erzählung eine bloße Schwarzweiß-Skizze, während sonst alles in sorgsam den emotionalen Schwankungen der Protagonisten angepassten Farben gezeichnet wird.

Es ist also graphisch ein sehr anspruchsvoller Comic (Leseprobe), während inhaltlich nichts Außergewöhnliches passiert. Aber wozu auch, wenn es um ein Thema wie den Tod und damit das Außergewöhnliche per se geht? Judith Vanistendael bleibt als Erzählerin im Gegensatz zu ihren Protagonistinnen unaufgeregt, sie berichtet mit einem beinahe kalten Blick, der aber umso mehr ergreift und jene gelegentlichen Züge ins Surreale wie den Totentanz desto stärker wirken lässt. Insofern hat sie sich gegenüber „Kafka für Afrikaner“ deutlich gesteigert. Und wenn sie sich jetzt noch auf diese Stärken besinnt und so etwas wie die effekthascherische Ansiedelung in Berlin in Zukunft bleiben lässt, dann werden wir eine fulminante Comicautorin auf ihrem Weg begleiten dürfen.

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Wenn der Freund zum Extremisten wird
von Andreas Platthaus

Zwei Comics, ein Thema: Kann man dem besten Freund die Treue halten, wenn der immer gewalttätiger wird? „Lauter Leben!“ kann man als Album lesen, „Fahrradmod“ bislang nur im Netz.

Seit einigen Jahren vervollständigt der deutsche Zeichner Tobias Dahmen im Netz seinen auf mehr als vierhundert Seiten angelegten Comic „Fahrradmod“ (http://www.fahrradmod.de/), aus dem einmal ein große Graphic Novel werden soll. Bereits erkennbar ist die wachsende Entfremdung zwischen dem stark autobiographisch geprägten Protagonisten des Comics und seinem besten Freund, der sich vom vielbewunderten Mod-Vorbild zum rechtslastigen Skinhead wandelt – ein starkes Thema, weil es die beiden moralischen Werte Freundschaft und Toleranz gegeneinander ausspielt.

Weil es so stark ist, steht es auch im Mittelpunkt des gerade beim Avant-Verlag erschienenen Albums „Lauter Leben!“. Das stammt aber nicht von Dahmen; er ist in gewisser Weise überholt worden. Geschrieben hat das Album der Belgier Nicolas Wouters, gezeichnet der Deutsche Mikael Ross, und erschienen ist die Geschichte ursprünglich beim französischen Verlag Editions Sarbacane. Auch hier geht es um eine Freundschaft, die böse endet: zwischen Thomas und Martin, die sich Anfang der achtziger Jahre als kleine Jungen in Brüssel kennenlernen und deren Wege sich bis zur Gegenwart immer wieder kreuzen, unter anderem auch entscheidend während der neunziger Jahre in Berlin (da ist Ross in seinem heimischen Element). Auch hier bewundert der eine den anderen, nur dass Martin in die Punkszene abdriftet.

Beiden Erzählungen ist gemeinsam, dass die jeweils bewunderten Jungs mehr und mehr in Extreme verfallen, die ihre beiden Freunde nicht mehr akzeptieren können. Beide Geschichten werden übrigens auch als Rückblick aus der Jetztzeit erzählt – es ist verblüffend, wie weit die strukturellen Ähnlichkeiten gehen. Wouters und Ross allerdings führen Thomas, den eigentlichen Protagonisten, erst als Kind ein, ehe sie ihm dreißig Jahre später eine Ehekrise bescheren, die den Anlass bietet, sich noch einmal auf die Suche nach Martin zu begeben. Dahmens Alter Ego dagegen ist mit seiner eigenen Vergangenheit und Gegenwart durchaus im Reinen; es ist der Verlust des Freundes, der ihn beschäftigt. Und seine Geschichte spielt in der Provinz (Wesel), während „Lauter Leben!“ sich Metropolen als Handlungsorte aussucht.

Graphisch sind beide Erzählprojekte diametral entgegengesetzt ausgerichtet. Dahmen wählt in Anknüpfung an Frank Margerin eine Spielart des in den achtziger Jahren prägenden Stils des französischen New-Wave-Comics, wie ihn später dann Dupuy & Berberian gezähmt und zur Vollendung gebracht haben. Das wirkt leider etwas antiquiert. Ross dagegen hat bei Gipi gelernt, wie man die Energie von Teenager-Jahren und Musik auf Comicseiten bringt (Beispielseiten hier). Seine Farbgebung nimmt die Stimmungen der Figuren und Jahreszeiten auf. Es ist für deutsche Verhältnisse ein herausragendes Albendebüt des Zeichners. Inhaltlich dagegen ist die Geschichte absehbar; da hat Dahmen mehr zu bieten (bei zugegebenermaßen auch viermal mehr Umfang). Man darf hoffen, dass er irgendwann mal einen Verlag für seine „Fahrradmod“ findet.