Neues

Der Sondermann e.V. berichtet, lädt ein und weist hin

»Sondermann war so unwahrscheinlich geizig, daß er selbst schon lachen mußte.«Werte Freunde, Förderer, Wohltäter und Gönner, liebe Sonderfrauen und -manner,

o je, das Geld ist knapp! Erinnern Sie sich an das Jahr 2017? Champagner floß bei der Sondermanngala in und aus den Mündern der Förderpreisträgerin Kathrin »Coldmirror« Fricke und des Hauptpreisgewinners Hans Traxler. Am späteren Abend wühlte sich der gesamte Vorstand durch Häppchen, Kaviar und Avocadoschiffchen. Und danach kam erst der Hauptgang

2018 ist alles anders. Die Kassen des Sondermann e.V. sind nicht nur leer, sondern überhaupt nicht mehr auffindbar. Keine Angst: Ihre Mitgliedsbeiträge, liebe Freundinnen und Freunde, können trotzdem verbucht werden. Zögern Sie nicht! Und zögern Sie bitte gleich doppelt nicht, denn wir laden Sie hiermit herzlich und wieder einmal zur großen Sondermann-Spendengala in die Brotfabrik. Erscheinen Sie am 11.11.2018 nach Sonnenuntergang in feinstem Zwirn und mit den dicksten Klunkern um den Hals, damit der Schein, bzw. der Geldschein gewahrt wird. Die Preisträger dieses Jahres sind nämlich hochkarätige, und ahnen nicht, dass ihre Fördermittel im Moment noch zusammengekratzt werden müssen. Teils mit fragwürdigen Methoden. Fragen Sie jedoch bitte nicht! Prämiert werden jedenfalls die Leipzigerin Anna Haifisch und der Emdener Otto Waalkes – ja: Hai und Waal; nein: kein Scherz.

Während die Illustratorin Anna Haifisch Kennerinnen und Kennern bereits ein Begriff sein dürfte, wird der Name Otto Waalkes bei vielen von Ihnen ein Fragezeichen über dem Kopf aufploppen lassen. Für Aufklärung sorgen wird am 11.11. deshalb kein geringerer als der Laudator Fredi Bobic, ehem. ein Eckpunkt des magischen Dreiecks beim VfB Stuttgart.

Kommen Sie also zahlreich und füllen Sie die Ränge!

Aus Kostengründen liegt diesem Schreiben keine goldene Eintrittskarte bei, sondern Sie müssen diese im Internet bestellen. Gerne unter: www.brotfabrikfrankfurtticketshop.reservix.de/ (Mitglieder des Sondermann e.V. haben selbstverständlich freien Eintritt! Bitte unbedingt Karte bis zum 07.11. schriftlich reservieren lassen unter info@sondermannverein.org).

Für ein paar wenige Zeilen über das Vereinsleben reicht die teure Druckertinte noch. Denn auch sonst stand das vergangene Jahr ganz im Zeichen knapper Kassen. Fand man zum Sondermannstammtisch zusammen, trank der Vorstand bis in die frühen Morgenstunden – auf daß es sich eben auch richtig lohne. Unsere Vereinswebsite wurde von Stipendiat Daniel Sibbe sparsam, aber mit viel Liebe betreut. Eine schöne Leistung, an die ab November unsere neue Stipendiatin Paula Irmschler anknüpfen wird.

Alle sonstigen Projekte und Vorhaben mussten aus Geldnot gestrichen … – Unsinn, nun ist es genug mit Sparwitzen! Dem Verein geht es gut und das verdankt er in erster Linie Ihnen, den Mitgliedern und Gönnerinnen, den Freundinnen und Freunden. Merken Sie sich am Ende bitte nur die folgenden, herzlichen Grüße:

Herzliche Grüße! Wir freuen uns mit Ihnen auf die Sondermanngala und zitieren zum Abschied das Motto des Sondermann e.V.:

»Weiche von mir, schwuler Fußball!« (Fredi Bobic)

Der Vorstand:

Bernd Eilert, Kristin Eilert, Christoph Hofmann, Gabriele Roth-Pfarr & Oliver Maria Schmitt

Sondermann e.V.

eingetragener Verein zur Förderung, Erforschung und Verbreitung der Komischen Kunst und Literatur

Veranstaltungshinweise

Montag, 5. November 2018, 19:30 Uhr

Heissa!! Und jetzt geht es in’s Marienwäldchen! Ein Abend zu Ehren Bernd Pfarrs im Literaturhaus Frankfurt, Schöne Aussicht 2, 60311 Frankfurt a. M.


24.11.2018 bis 17.02.2019

Ausstellung: Bernd Pfarr „Die wilde Schönheit der Auslegeware“ im Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst, Georgengarten 1, 30167 Hannover

Andreas Platthaus: Vom Umfallen und einem blauen Pulli mit Falafelfladenbrot

Geniestreich durch Geniestrich

Mikael Ross ist mit „Der Umfall“ eine großartige Erzählung über ein höchst heikles Thema gelungen: das Zusammenleben von behinderten und nichtbehinderten Menschen. Mit dieser Geschichte, die das erste Berliner Comic-Stipendium gewann, hat er nicht nur seine Auftraggeber, die Evangelische Stiftung Neuerkerode, beglückt, sondern jeden Comicleser.

Warum soll man sich nicht einen Comic zum Geburtstag schenken? Die Frage mag paradox klingen, aber genau das hat die Evangelische Stiftung Neuerkerode getan. Zu ihrem hundertfünfzigsten Geburtstag, den sie vor knapp vier Wochen feiern konnte, beauftragte sie den Berliner Zeichner Mikael Ross mit einem Comic über das Leben in dieser Einrichtung, die in einem dörflichen Kontext das Zusammenleben von behinderten und nichtbehinderten Menschen ermöglicht. Und damit hat die Stiftung nicht nur sich ein wunderschönes Geschenk gemacht, sondern auch uns – und zwar gerade, wenn wir zuvor noch nie etwas über Neuerkerode gehört haben sollten. Denn es handelt sich um einen der bemerkenswertesten deutschen Comics.

Das hat auch die Kulturverwaltung des Berliner Senats so gesehen, als sie ihr erstes Comic-Stipendium an Mikael Ross für seine Arbeit an „Der Umfall“ zusprach. Es handelt sich bei dem Preis in Höhe von immerhin 16.000 Euro um das erste öffentliche Comic-Stipendium in Deutschland (während etwa die Schweiz so etwas schon seit Jahren bietet) und zugleich um eine der höchstdotierten Auszeichnungen dieser Art. Bewerbungsberechtigt sind nur Berliner Autoren, aber davon gibt es ja genug. Auch Ross stammt ursprünglich aus München und hat bei einem Auslandsstudienaufenthalt in Brüssel die Entscheidung getroffen, sich ganz aufs Comiczeichnen zu verlegen. Wieder einmal verdankt der europäische Comic also Belgien einen großen Künstler.

In Brüssel tat sich Ross mit Nicolas Wouters zusammen, der ihm die Szenarios von gleich zwei Alben schrieb, die in Frankreich bei Sarbacane erschienen sind und jeweils für den Avant-Verlag ins Deutsche übersetzt wurden: „Lauter leben!“ (2014) und „Totem“ (2016), beides Geschichten, die Furore machten. Womit sich wieder einmal die Frage stellte, warum deutsche Comicbegabungen bisweilen oft erst den Umweg übers Ausland machen müssen (man denke etwa auch an Barbara Yelin). „Der Umfall“, wieder bei Avant erschienen, ist nun die erste für den deutschen Markt gezeichnete Geschichte von Mikael Ross, aber wer weiß, ob es ohne das Engagement der Stiftung Neuerkerode und von dessen comicbegeistertem Direktor Rüdiger Becker überhaupt dazu gekommen wäre.

Was mag sich Becker versprochen haben, als er Ross engagierte? Eine Reportage, eine Geschichte der Institution oder das, was es jetzt geworden ist: eine fiktive Erzählung vor dem höchst realen Hintergrund von Neuerkerode? Diese Entscheidung war nicht naheliegend, aber in Anbetracht des Resultats ist sie ein Glück. Denn so interessant ein sachlicher Blick auf die Arbeit der im Kreis Braunschweig angesiedelten Einrichtung auch wäre, erst die Freiheit, mit der Ross die Ergebnisse seiner zweijährigen Recherchen in Neuerkerode (die zu großen Teilen in Gesprächen mit den dort lebenden Menschen bestand) zu einer stringenten Erzählung umformte, macht die Qualität von „Der Umfall“ aus. Und wird dem gerecht, was Ross in Neuerkerode beobachtet und besprochen hat.

Gezeichnet ist das in einem für Deutschland ganz seltenen Stil, der die Begeisterung von Ross für französische Vorbilder erkennen lässt, vor allem für Nicolas de Crécy und Christophe Blain. Deren Meisterschaft für karikatureske Elemente in geradezu malerisch angelegten Dekors (Leseprobe) hat Ross nachgeeifert, und es ist ihm gelungen, diese bisweilen märchenhafte Stimmung auch in seiner Geschichte zu erschaffen – ein Kunststück und zugleich erzählerische Notwendigkeit.

Hauptfigur ist Noel Stock, ein junger Mann unbestimmten Alters und unbekannter Behinderung. Unbestimmt und unbekannt jeweils deshalb, weil „Der Umfall“ aus seiner Sicht erzählt ist, und die hält naturgemäß das für normal, was er ist und empfindet. Schon diese Perspektive wird dem Neuerkeroder Konzept, jeden Menschen als das zu akzeptieren, was er sein möchte, gerecht. Zudem vermittelt der Comic dadurch ein schwebendes Gefühl: zwischen Wirklichkeit und Phantasie. Die Träume von Noel, einem tatsächlichen Weihnachtskind, wie sein Name es sagt, sind elementarer Bestandteil der Handlung.

Es gibt kein Eins-zu-eins-Vorbild, das Ross dabei als Modell gedient hätte; Noel als Figur ist die Kombination mehrerer Bewohner von und Geschichten aus Neuerkerode. Im Comic aber ist er – wie alle Figuren – ein Individualist reinsten Wassers: Nach einem Schlaganfall der Mutter (dem titelgebenden „Umfall“), bei der er in Berlin lebt, kommt Noel zur Betreuung in die Evangelische Stiftung. Der Comic begleitet seine Eingewöhnungsphase: ein erstes Jahr voller Unsicherheiten und Entdeckungen, neuen Bekannt-, vielen Freund- und auch ein paar Feindschaften. Wir lernen den Alltag in dem Dorf Neuerkerode kennen, Betreute und Betreuer, verlieben uns mit Noel und werden mit ihm enttäuscht, und ganz nebenbei werden die Wege gezeigt, auf denen man in der Stiftung zum Ziel eines inklusiven Lebens von Behinderten und Nichtbehinderten kommen will. Dass es hier in einer geradezu idealen Umgebung versucht wird, sagt nichts darüber aus, ob es nicht auch anderswo zumindest viel besser ginge als bislang üblich. Wobei auch gesagt sein muss. Dass in der Stiftung das Verhältnis von Betreuten zu Betreuern zahlenmäßig etwa ausgeglichen ist. Wo gibt es das sonst?

Aber auch in Neuerkerode ist nicht alles ideal, auch daran lässt Ross‘ Comic keinen Zweifel. Ein Kapitel, erzählerisch grandios vorbereitet und dann eingepasst in die übrige Handlung, beschäftigt sich mit der Vergangenheit der Einrichtung in der NS-Zeit, als auch hier Patienten im Rahmen der Euthanasie-Verbrechen ermordet wurden. Man spürt der Passage das besondere Interesse von Ross an.

Wie man ihm den Spaß anmerkt, die Wahrnehmung von Noel in Bilder zu übertragen. Da werden Ärzte mal eben zu einer Schar quakender Enten, und die Physiognomien von Menschen erscheinen extremer, als man es sich vorstellen kann. Dafür ist der Comic das richtige Medium: Gezeichnet werden kann alles, und Glaubwürdigkeit ist eine Sache der der konsequenten Präsentation, nicht eines Realismus konventioneller Ausprägung. Dass Ross auf diese Weise  glaubwürdig zu zeichnen versteht, hatten schon „Lauter leben!“ und „Totem“ beweisen, auch das Geschichten übers Erwachsenwerden unter schwierigen Bedingungen. So gesehen setzt „Der Umfall“ eine Zeichnerkarriere schlüssig fort. Doch wie Ross nun selbst als Erzähler auftritt, wie er seine Buntstiftzeichnungen perfektioniert hat, wie er sehr selten einzelne Splash Pages als Stimmungsverstärker einsetzt, Geniestreich durch Geniestrich – all das zeigt, dass hier ein ganz Großer auf dem Weg ist. „Der Umfall“ ist zweifellos ein Höhepunkt, aber sicher auch noch nicht der Gipfel dessen, was Mikael Ross erreichen kann.


Dönerdeutschschweizerisch

Selina Ursprung hat zwei Dutzend türkische Imbissbuden in der Schweiz und Deutschland aufgesucht und ihre Beobachtungen zu einer gezeichneten Impression arrangiert. Aber ist das Comic? Oder Journalismus? Oder aber was?

Seit Jahrzehnten stand die Edition Moderne unter der Ägide ihres Verlegers David Basler für die erzählerische Comicavantgarde. Nun steht ein Stabwechsel im Haus bevor, doch Basler selbst hat in jüngster Zeit noch einige Neuerungen angestoßen, darunter auch intensivere Kontakte zu den Hochschulen, aus denen immer mehr Comictalente kommen. Und eine Neugier des Verlags für Projekte, die nicht im klassischen Sinne Comics sind. Das jüngste Produkt des Zürcher Hauses ist ein Band, der diese beiden Öffnungen kombiniert: Selina Ursprungs „Mit blauem Pulli und Falafelfladenbrot“.

Ursprung, 1993 geboren, hat in Bern Visuelle Kommunikation studiert, und ein Resultat ihrer Negier auf graphische Erzählformen ist diese Comicreportage. Oder nennen wir sie lieber mit Joa Sacco „graphic journalism“, denn als Comic kann man den Band nur unter extremer Ausweitung der Kriterien bezeichnen. Ursprung wandelt auf den Spuren von Sebastian Lörscher oder Olivier Kugler, die auch auf Spezifika wie Sprechblasen oder Sequenzen verzichten und eher Skizzenbuchästhetik anstrebt. So ist es auch in diesem Band der jungen Schweizerin, der sich dem Thema türkischer Imbissbuden widmet.

In drei Städten hat Selina Ursprung entsprechende Etablissements besucht, alle drei beginnen mit dem Buchstaben B: Biel, Bern und Berlin. Wäre nicht eine der von ihr aufgesuchten Berliner Imbissadressen weltberühmt („Mustafa’s Gemüse Kebab“ in Kreuzberg), würde man kaum Unterschiede erkennen zwischen den schweizerischen und deutschen Beispielen. Das ist denn auch die Stärke dieser gezeichneten Reportage: Im Blick auf Details der Ladeneinrichtungen oder im Notat von Kundengesprächen wird vom lokalen Kontext abstrahiert, und dadurch kommt eine Typisierung zustande, die unabhängig vom Ort der jeweiligen Imbissbude ist.

Soweit das Interessante an dem Band mit dem umständlichen Titel. Wunderbar, wie Ursprung Mülleimer skizziert oder die Hände des Verkaufspersonal beim Zubereiten von Döner. Bedauerlich ist dagegen die durch die Entindividualisierung des konkreten Gegenstands erzwungene Allgemeingültigkeit. Sie könnte Erkenntniskraft besitzen, doch nirgendwo im Buch wird diese Frage thematisiert. Selbst das Nachwort der deutschen Kulturwissenschaftlerin Miriam Stock  gefällt sich eher im discours de la méthode, denn in einer Interpretation dessen, was Usprung tut.

Sie kombiniert jeweils auf einer Doppelseite mehrere skizzierte Eindrücke aus den aufgesuchten Imbissbuden und leitet sie meist durch notierte Gesprächsfetzen oder Inhalte von Beschilderungen ein. Ein unmittelbarer Bezug zwischen Wort und Bild besteht selten, beide Elemente ergänzen sich zum Eindruck der Reporterin, befruchten sich jedoch nicht gegenseitig. Zudem werden einzelne Lokalitäten mehrfach aufgesucht (die Uhrzeit des Besuchs ist ebenso wie der Name der Imbissbude stets vermerkt), doch die Impressionen werden nicht gebündelt. Auch das trägt zum abstrakten Gesamteindruck bei.

Zeichnen kann Selina Ursprung (eine Leseprobe ist hier zu finden), erzählen kann sie (noch) nicht. Das impressionistische Model ihrer Reportage ist der Kunst verpflichtet, nicht dem Journalismus oder dem Comic. Es ist zwar eine Dokumentation, doch die soll assoziativ wirken. Schön sind dabei die Stilwechsel: mal Bleistiftlinien, mal Tuschezeichnungen, oft schwarzweiß, aber auch bisweilen farbig, du gerade, weil sie eher rar sind, kommen die authentischen Farbakzente besonders stark zur Geltung. Selina Ursprung ist zweifellos ein graphisches Talent und eine sehr gute Beobachterin, aber ob sie daraus Geschichten generieren können wird, das bleibt noch abzuwarten. Da die Edition Moderne das ihren Autoren treu zu bleiben pflegt, werden wir die Probe darauf wohl machen können.

Große SONDERMANN-Geburtstags-Gala 2018 am 11.11.2018

Endlich ist es wieder soweit! Am 11. November 2018 steigt mit Pausen und Trompeten die große SONDERMANN-Geburtstags-Gala 2018. Auf der Gästeliste stehen u.a. Otto Waalkes, Fredi Bobic, Anna Haifisch sowie Rainer Michel & Cosmic Conjunction.

Der „Sondermann 2018“ wird verliehen, der Oscar der Komischen Kunst! Aber an wen? Zuletzt freuten sich Jan Böhmermann, Hans Traxler oder Kathrin „Coldmirror“ Fricke über Ruhm, Ehre und Kohle, die der Sondermannverein zur Förderung und Verbreitung der Komischen Kunst jedes Jahr vergibt. Die Preisverleihung mit Scheck und Statue ist Teil einer gigantischen Geburtstagsgala, denn Otto wird in diesem Jahr 70 und Sondermann-Erfinder Bernd Pfarr wäre an diesem Abend 60 geworden. Das bedeutet: Torte für alle, sogar für die Preisträger Anna Haifisch und Otto Waalkes, für Eintracht-Vorstand Fredi Bobic, für Bandleader Rainer Michel mit seiner groovigen Cosmic Conjunction, für den Moderator Oliver Maria Schmitt, für Bernd Eilert, Hans Zippert u. v. a. m.

Die Veranstaltung ist lactosefrei, kann aber Spuren von Erdnüssen enthalten! Essen Kommen Sie reichlich!

Und zwar in die BROTFABRIK FRANKFURT, Bachmannstr. 2 – 4, 60488 Frankfurt am Main, Einlass: 19.00 Uhr

Tickets gibt es hier!

 

Andreas Platthaus: Dreimal „Berlin“ und zweimal „Krieg der Welten“

Das schwarzweiße Wunder

Jason Lutes beendet nach zwanzig Jahren seinen gewaltigen Geschichtscomic „Berlin“. Drei Bände sind es geworden, um die sechshundert Seiten, und doch sogar ein bisschen kürzer als geplant.

Zum ersten Mal über „Berlin“ geschrieben habe ich vor neunzehn Jahren, im September 1999, in der ersten Ausgabe der „Berliner Seiten“, und damals waren gerade mal zwei Hefte von Jason Lutes Riesenerzählung über das Leben in der Hauptstadt der Weimarer Republik erschienen. Wenn mich eines damals am meisten verblüffte, dann war es eine mir kurz danach überbrachte Äußerung von Marcel Reich-Ranicki, der gesagt haben soll, wenn Comics so etwas erzählten, dann wolle er auch welche lesen. „So etwas“, das war das Berlin der späten Weimarer Republik, also aus einer Zeit, die Reich-Ranicki selbst als Kinde noch erlebt hat. Comics gelesen hat er dann aber doch nicht, soweit ich weiß, obwohl „Berlin“ seitdem von Jason Lutes kontinuierlich fortgesetzt wurde. „Kontinuierlich“ hieß jedoch auch: in kontinuierlich großen Abständen und zunächst auch nur auf Englisch; es dauerte also schon noch ein paar Jahre, ehe der Carlsen Verlag die ersten acht Hefte (jeweils 24 Seiten dünn) zu einem Band zusammenfasste und in deutscher Übersetzung veröffentlichte.

Die war damals, 2003, vom Start weg ein großer Erfolg. Und als der zweite Band herauskam, wieder acht Hefte und fünf Jahre später, konnte man immerhin sicher sein, dass der insgesamt von Lutes auf 24 Hefte veranschlagte Zyklus tatsächlich zu Ende geführt würde. Das ist nun, noch einmal satte zehn Jahre späte,r tatsächlich geschehen, allerdings hat es nur für 22 Hefte gereicht, und so ist der gerade auf Deutsch erschienene Abschlussband „Berlin – Flirrende Stadt“ schmaler als die beiden Vorgänger geworden. 172 Seiten sind es aber dennoch, und so summiert sich die Trilogie auf fast sechshundert Seiten.

Andererseits, was sind sechshundert Seiten für die fünf letzten Jahre der Weimarer Republik, von denen Lutes erzählt? Übrigens, ohne dass er vor der Jahrtausendwende jemals in Berlin gewesen wäre, also nur aufgrund von Sekundärliteratur und Abbildungen. Umso faszinierender war von Beginn an sein Geschick, sich in die damalige Zeit zu versetzen, und natürlich ist dabei seine Graphik am wichtigsten: schwarzweiß, klar wie bei Frans Masereel (also dem wichtigsten europäischen Bild-Erzähler dieser Jahre), ganz im Geist des deutschen Films der damaligen Zeit, gerade was die Schatteneffekte und Perspektiven angeht; Walter Ruttmann war dabei sicherlich der wichtigste Einfluss auf Jason Lutes. Und so sieht das in der Leseprobe aus.

Schon das Cover ist ein Geniestreich, weil es das Hakenkreuz zitiert, aber nicht als Ganzes zeigt: Der schwarze Winkel ist das wiederkehrende graphische Element auf allen 22 Heft- und auch den drei drei Sammelbandumschlägen. Das erleichterte auch die deutsche Publikation, für die Lutes bisweilen allerdings Bilder um Swastikas bereinigen musste. So haben die SA-Männer in seinem Berliner Straßenbild nur weiße Kreisflächen auf den Armbinden; andererseits aber werden Hakenkreuzfahnen im Hintergrund gezeigt. Die deutschen Presserichtlinien sind seltsam.

Im Comic „Berlin“ treten prominente damalige Zeitgenossen wie Carl von Ossietzky oder Joachim Ringelnatz auf. Hitler und Goebbels auch. Aber die zentralen Figuren sind der Journalist Kurt Severing und die frisch nach Berlin gelangte Malerin Marthe Müller sowie deren spätere Geliebte Anna Lencke, eine Transvestitin. Mit diesem Trio (in wechselnden Konstellationen) zieht man als Leser durch den beruflichen und privaten Alltag im Berlin von 1928 bis 1933.

Ganz am Schluss geht es auch noch darüber hinaus, aber mehr will ich dazu nicht sagen, denn Jason Lutes hat sich für das Finale etwas ebenso graphisch Spektakuläres wie inhaltlich Bewegendes einfallen lassen, das den Verzicht auf die Hefte 23 und 24 versüßt. Was er darin hätte erzählen wollen? Es ist nicht zu sagen, denn die Geschichte wirkt zwar in ihren letzten beiden Kapiteln etwas gehetzt, aber sie ist rund geraten. Irgendwann werden wir vielleicht vom Autor hören, auf was wir verzichten mussten.

Was aber betont werden muss: Die deutsche Ausgabe ist eigentlich ein Kollektivwerk, denn nicht nur haben Lutz Göllner und Heinrich Anders als Orts- und Geschichtskundige recht bald nach Publikation der amerikanischen ersten Hefte angefangen, kleine Fehler aufzulisten, die Lutes dann für die deutschen Ausgaben korrigiert hat; sie haben auch dafür gesorgt, dass etliche Figuren im Berliner Dialekt sprechen, denn eine hochdeutsche Dialogführung hätte im teilweise behandelten Arbeitermilieu recht seltsam gewirkt. So betrachtet, ist die deutsche Ausgabe von „Berlin“ so etwas wie die letzter Hand. Wenn es auch durchaus interessant ist, die amerikanischen Hefte oder Sammelsaugaben z lesen, um zu sehen, was sich dann später für die deutsche Fassung geändert haben wird.

„Berlin“ von Jason Lutes war so etwas wie der Startschuss für die Graphic-Novel-Kampagne der deutschen Comicverlage. Dass sein Publikum die Geduld aufgebracht hat, zwei Jahrzehnte auf den Abschluss der Geschichte zu warten, zeigt, wie mitreißend hier erzählt wird. Und überdies waren die ersten Hefte noch Experimentierfelder, in denen Lutes die Comic-Theorie von Scott McCloud beispielhaft durchdeklinierte. Solche Experimente sind seltener geworden; zum Abschluss setzt Lutes vor allem auf Pathos. Aber auch das beherrscht er perfekt. Ein großes Comic-Werk ist vollbracht. Und nun darf man gespannt sein, was Jason Lutes als nächstes beginnt.


Ein, zwei, Dreibein, alle woll’n dabeisein

Die Übersetzungsfrage stellt sich hier in mehrfacher Weise: Gleich zwei Comic-Adaptionen von H.G. Wells‘ berühmtem Roman „Der Krieg der Welten“, eine aus Deutschland, eines aus Frankreich.

Segensreiche Copyrightverfallsfrist. Kaum ist H.G. Wells siebzig Jahre tot – er starb 1946, hat also den Zweiten Weltkrieg knapp überlebt –, da erscheint zweimal „Der Krieg der Welten“ als Comic. Das ist Wells‘ bekanntester Roman, erschienen 1898 als „The War of the Worlds“ und nicht prophetisch, denn dieser Weltenkrieg wird zwischen Planeten ausgetragen, wobei die angreifenden Marsianer es nur mit einer einzelnen irdischen Nation zu tun haben: natürlich den Briten, denn für die war der Roman ja auch geschrieben. Dass Wells die Angriffswelle auf Surrey niedergehen ließ, das ihm selbst aus seiner Jugend vertraut war, kam der Handlung zugute, denn „Der Krieg der Welten“ ist auch eine Reisegeschichte. Mit seinem Protagonisten Robert, einem jungen Philosophen, geht es quer durch die südwestlich von London gelegene Grafschaft.

Deshalb hat Thilo Krapp seiner 120 Seiten umfassenden Comic-Adaption des Buchs Vorsatzpapiere mit einer Landkarte von Surrey verpasst, auf der man Roberts Route nachvollziehen kann (schön zu sehen auf der eigenen Leseprobe des Zeichners. Gut so, obwohl man sich sämtliche prominente Schauplätze des Romans dann auch eingetragen gewünscht hätte – einige aber fehlen. Ansonsten jedoch hat der dreiundvierzigjährige Berliner Zeichner, der zuvor eher mit Kindercomics unterwegs war, alles richtig gemacht: In enger stilistischer Anlehnung an Will Eisner werden hier grau lavierte Zeichnungen auf bräunliches Papier gesetzt: eine nostalgische Anmutung par excellence, die das späte neunzehnte Jahrhundert heraufbeschwört, den Wells siedelte seinen Roman in der unmittelbaren Gegenwart an. Dass hier viel Recherche erfolgt ist, belegt allein schon der schöne Anhang, in dem Krapp Einblicke in den Entstehungsprozess des Bandes gestattet.

Dieser Band erscheint bei Egmont, und da steht er derzeit auf verlorenem Posten, denn das ambitionierte Comic-Programm der letzten Jahre dieses Verlags ist derzeit ausgelaufen; Krapps Adaption ist so etwas wie ein Schwanengesang. Und es gibt Konkurrenz: bei Splitter, einem Verlag, der viel für Genre-Comics in Deutschland getan und immer wieder auch überraschende Bände zu bieten hat. Seine „Krieg der Welten“-Adaption ist wie der Großteil des Verlagsprogramms eine Lizenzausgabe, in diesem Fall vom französischen Haus Glénat, und Teil einer ganzen Comicreihe nach Vorlagen von Wells. Erschienen sind außerdem „Die Zeitmaschine“, „Die Insel des Doktor Moreau“ und „Der Unsichtbare“.

Alle wurden sie von Dobbs adaptiert, bürgerlich Olivier Dobremel, einem extrem produktiven französischen Szenaristen. Für die vier Wells-Comics arbeitete er jeweils mit unterschiedlichen Zeichnern zusammen, beim „Krieg der Welten“ ist es Vincente Cifuentes, der zuvor für die beiden großen amerikanischen Superhelden-Verlage DC und Marvel gezeichnet hat. Und natürlich sieht man das der Adaption an. Gleich die erste Seite kehrt die wellssche Perspektive um und präsentiert uns die Sicht der Marsianer: als Aggressoren, die auf dem Weg zur Erde sind. Dann aber wird genauso konsequent aus der Sicht von Robert (und zeitweise dessen jüngeren Bruders Henry) erzählt, wie es auch im Roman der Fall ist.

Bunt ist Cifuentes Surrey, und die berüchtigten „Tripods“, mit den Mars angreift, sind bei ihm ungleich moderner und beweglicher als die Kampfmaschinen von Krapp, die eher einer nostalgischen Steampunk-Ästhetik entsprechen. Die deutsche Adaption ist ungleich ruhiger erzählt, auch in den actionreichsten Momenten, während Cifuentes auch schon einmal menschliche Opfer im Feuerstrahl zu Skeletten verglühen lässt und ganz allgemein vor kaum einer Drastik zurückschreckt.  Trotzdem ist auch hier die Handlung nicht aktualisiert, also in die Gegenwart versetzt worden, wie es bei Wells-Adaptionen in anderen Medien wie dem berühmten Hörspiel von Orson Welles oder den Verfilmungen (zuletzt mit Tom Cruise) der Fall war. Da aber punktet Krapp mit seiner auch in der Buchgestaltung dem späten neunzehnten Jahrhundert verpflichteten Optik weitaus mehr.

Dobbs hat die Geschichte in zwei Bände aufgeteilt, was erst einmal wenig überrascht, weil ja auch der Roman in zwei Bücher unterteilt ist. Allerdings entspricht die Unterteilung des Splitter-Comics nicht Wells‘ Vorgabe, die dem ersten Teil mehr Platz einräumt. Also nimmt Dobbs einige Handlungselemente von dort in seinen zweiten Band hinein. Krapp hält sich dagegen genau an die Vorlage und auch an die Gewichtung: Sein „Buch 1“ hat siebzig, „Buch 2“ nur etwas mehr als fünfzig Seiten. Er will dem Roman gerecht werden, Dobbs und Cifuentes dem normierten Mainstream-Comicmarkt, der gleich umfangreiche Alben verlangt. Zusammen kommt ihre Version knapp über hundert Seiten, fällt also gegenüber Krapp etwas zurück. Man könnte auch sagen: Der Berliner Zeichner hat eine Autorenadaption des „Kriegs der Welten“ geschaffen, das Konkurrenten-Duo dagegen eine eher freie Bearbeitung.

Das muss nicht schlecht sein; hier aber ist es zumindest schlechter. Zumal man es bei der jeweiligen deutschen Textfassung einmal um eine Direktübersetzung aus dem Englischen zu tun hat (Krapp) und das andere Mal um eine Übersetzung aus dem Französischen, das aber auch schon eine Übersetzung war. Natürlich erfolgte ein Abgleich mit der gängigen deutschen Übersetzung, aber man merkt, dass die Sprache des Splitter-Comics ungelenker ist als die des Egmont-Bandes. Hier lag ebne alles in einer Hand, der von Krapp, während der andere „Krieg der Welten“ ein Kollektivprodukt ist. Professioneller mag es aussehen, harmonischer in Tonfall und Graphik ist die deutsche Adaption.

Schön aber, dass man überhaupt solche Vergleiche ziehen kann – ein Hoch dem Copyright-Verfall. Zumal Thilo Krapp auf den Geschmack gekommen zu sein scheint und sein nächstes Vorhaben wieder einem legendären Roman der frühen Science-Fiction widmen wird. Mehr sei hier noch nicht verraten, außer dass es diesmal farbig werden soll, obwohl die Sache noch etwas früher spielt. Da könnte jemand ein Feld für ein Lebenswerk gefunden haben.

Daniel Sibbe: „Mein Vorbild Sondermann…“ (7 und Schluss)

Daniel Sibbe hat endlich sein Ziel erreicht. Er ist Sondermann-Stipendiat 2017. Doch zu welchem Preis? Nach Abschluss seiner 3-monatigen Praktikantenzeit in der Redaktion der TITANIC erreicht den Verein der erschütternde Brief eines anscheinend gebrochenen Esels, Entschuldigung! Menschen.

MEIN VORBILD SONDERMANN… und was daraus wurde (7 und Schluss)

Dortmund, am Ende aller Tage

Sehr geehrte Frau Roth-Pfarr, sehr geehrter Herr Schmitt,

in den zurückliegenden drei Monaten war ich als Praktikant den Gelüsten und Launen eines Chefredakteurs in der Götterdämmerung seiner letzten Amtsmonate ausgesetzt. Ich musste niedere Arbeiten verrichten (Kaffee konsumieren, Drogen kochen, Abo-Werbeanzeigen schreiben etc.) und wurde von ihm und seiner Entourage schief angeguckt, wenn ich um 13 Uhr wie immer der erste im Büro war. Für meine „Kollegen“ „durfte“ ich den täglichen Berg an Tages- und Wochenpresse nach Titel und Datum sortieren. Hämisches Lachen und fröhliches Zuprosten drang bereits aus den Büros, während ich mich insbesondere nach den Wochenenden noch bis in den späten Abend hinein durch Berge von Altpapier weinte. Einmal steckte ich sogar heulend vor Wut heimlich einen „Focus“ in den archivierten „Stern“-Stapel und konnte daraufhin die ganze Nacht nicht schlafen. Erleichtert stellte ich am nächsten Tag fest, dass noch niemand meine gedankenlose Kühnheit bemerkt hatte – es war glücklicherweise ja auch erst kurz nach Mittag. Trotz der unermüdlichen Plackerei kann mancher Uralt-Redakteur bis heute mein Gesicht nicht meinem korrekten Namen zuordnen, wie dieser Paul Knorr.

Die freudlosen Nächte verbrachte ich einsam in einer kargen Hinterhofwohnung ohne fließend Internet. Diese wurde mir von einem Jungredakteur gegen Vorkasse (Frankfurter Mietspiegel!) überlassen, der mit seiner Freundin daraufhin ins mondäne Offenbach zog. Schnell wurde mir klar, dass die angeblich so verkehrsgünstige Bleibe zudem nur umständlich mit dem Zug zu erreichen war (Fußweg zur Bushaltestelle, Bus: Dortmund Kuithanstraße – Dortmund Hbf, Zug: Dortmund Hbf – Frankfurt Hbf, U-Bahn: Frankfurt Hbf – Bornheim Mitte, Fußweg zur Wohnung → Dauer: Minimum 3 Stunden).

Im Bockenheimer Redaktionsgebäude ging die mir täglich zugedachte Praktikantenpein weiter: Bis 13 Uhr war ich allein im Büro dem Telefonterror mutmaßlicher Terroristen ausgesetzt, die am anderen Ende der Leitung entweder schwiegen, ein unheimliches Glöckchen klingeln ließen oder leise kicherten („Hihi, der macht sich vor Angst jetzt in die Hose, oder Moritz?“ – „Bestimmt, Torsten!“). Nachmittags musste ich immer dem Paketboten öffnen, während alle anderen in ihren kugelsicheren Westen unter den Schreibtischen kauernd auf die Art meines Ablebens wetteten.

Man titulierte mich in einem heruntergekommenen Club vor fremden Leuten mikrophonverstärkt mehrmals als „ältesten Praktikanten der Welt“. Mit solch beschädigtem Ruf wurde ich beim Vortragen meiner Texte vom Publikum ein ums andere Mal offen verlacht.

Das schlimmste jedoch war immer dieser eine Freitag im Monat. Ich wurde bis spät in die Nacht gezwungen, die grauenhaften Heftbeiträge der anderen zu lesen und auf Fehler hin zu korrigieren. Doch statt wie angemessen mit einem dicken, roten Edding diesen Machwerken zu Leibe zu rücken, wurde mir ein billiger Plastikkugelschreiber in die Hand gedrückt. So konnte ich lediglich hier und da mit dünner Mine auf einen unpassenden Ausdruck oder eklatanten Zeichensetzungsfehler hinweisen oder falsch geschriebene Wörter (Siebbe, Sibe, Sebbi etc.) bemängeln, Meist schleppte ich mich von diesen Akkordschichten erst gegen Morgen wieder (natürlich als letzter) wie betrunken zurück in mein Bernemer Pritschenlager.

Und als sei das nicht genug an Repressalien, wurde ich auch noch per fernmündlichem Knebelvertrag für ein Jahr an die Internetpräsenz eines Kunst- und Kulturvereins gebunden. Dabei wähnte ich mein früheres Leben als Förderschullehrer mit seinen ganz realen Sondermännern, -frauen und -lingen doch bereits hinter mir.

Nun sitze ich drei Monate später apathisch ins Leere starrend wieder zu Hause. Meine Frau hat mich verlassen („Ich bin arbeiten!“), der eigene Sohn ebenso („Ich bin im Kindergarten!“) und die Kasse lehnt einen Aufenthalt im Sanatorium mit der Begründung, ich solle mich nicht so anstellen, schließlich sei ich kein „Zeit“- oder „SZ“-Voluntär gewesen, ab.

Ich bitte den Verein daher um eine milde vier- bis fünfstellige Gabe, damit ich als Sondermannstipendiot, der nicht vergessen kann, zumindest zu vergeben vermag.

Mit letzten Grüßen

Daniel Sibe Sebbi Sibbe

German Calender No December

Schulmädchenreport der anspruchsvolleren Art

Die in Nigeria geborene Sylvia Ofili und die in mehreren afrikanischen Staaten aufgewachsene Birgit Weyhe haben sich für einen Comic zusammengetan, der auf der Grundlage von Ofilis Erlebnissen von deren Schulzeit in Lagos und dem Studium in Hamburg erzählt. Aber das Ganze bleibt banal.

Birgit Weyhe ist ein deutschen Comicwunder, aber darüber muss man sich nach zehn Jahren nicht mehr wundern. Beginnend mit den autobiographischen Erzählungen in „Ich weiß“ und dann über „Reigen“ und „Im Himmel ist Jahrmarkt“ bis zu ihrem bislang meistgefeierten Band, der Doku-Fiktion „Mad Germanes“, hat die Hamburger Autorin und Zeichnerin einen ganz persönlichen Stil etabliert, der von einem graphischen Detail- und Assoziationsreichtum geprägt wird, in dem Weyhes lange Jugendjahre in Afrika und ihre Kenntnisse von Mythologie und Alltag dort zum Ausdruck kommen. Die mündliche Erzähltradition des afrikanischen Kontinents ist dabei immer wichtiger geworden für das Werk der Deutschen, und in „Mad Germanes“ traten schließlich drei Protagonisten wie Zeugen vor die Leser, um ihre miteinander verwobenen Lebensgeschichten als Vertragsarbeiter aus Mosambik in der DDR und nach deren Untergang in der Bundesrepublik zu schildern.

So ist Birgit Weyhe nolens volens auch zur Chronistin der Beziehungen von Afrika und Deutschland geworden – durchs eigene Leben und die Geschichten, die sie publiziert hat. „Mad Germanes“ war dabei ein ungeplantes Zwischenspiel, denn eigentlich hätte dieser Band erst später fertig werden sollen. Die Zuerkennung des Leibinger-Comicbuchpreises für den entstehenden Band forcierte aber dessen Fertigstellung. Zum Glück. Denn zuvor hätte ein schon früher begonnenes Comicprojekt entstehen sollen, bei dem Weyhe nur als Zeichnerin agierte. Grundlage dafür war ein Szenario der aus Nigeria stammenden und heute in Schweden lebenden Autorin Sylvia Ofili über deren Jugend in einem nigerianischen Internat und ihre darauf folgende Übersiedelung nach Europa. Da es Olivia, Ofilis Alter Ego im Buch, zum Studium nach Hamburg verschlägt, schien die dort lebende Birgit Weyhe die ideale Partnerin bei dem Comic-Vorhaben, zumal angesichts ihrer eigenen afrikanischen Vergangenheit. Und das ist daraus geworden.

Aber die Zusammenarbeit zog sich länger hin, als geplant; schließlich waren die Arbeitsrhythmen zweier Autorinnen zu koordinieren, „Mad Germanes“ kam noch dazwischen, und so ist der Band erst jetzt herausgekommen, zwei Jahre später als beabsichtigt. Er trägt den Titel „German Calendar No December“ – ein Zitat aus einer nigerianischen Comedy-Fernsehserie, die zu stehenden Redewendung zwischen der jungen Olivia und ihrem Vater geworden war. Nur versteht vor der Lektüre des Comics kein Leser diese Anspielung, und das ist der erste Fehler des Bandes. Der zweite ist, dass der Avant Verlag nicht darauf bestand, dass man nach Weyhes Erfolg mit „Mad Germanes“ einen anderen Titel für ihren Folgeband wählte, einen, der weniger ähnlich geklungen hätte. Jetzt sieht das Ganze nach Masche aus.

© avant-verlag

Und das ist das dritte und wichtigste Problem dieses Comics: Wieder wird eine afrikanisch-deutsche Migrationsgeschichte geboten. Sie ist nur leider ungleich weniger brisant als die von „Mad Germanes“. Zudem fragt man sich, was die ersten mehr als hundert Seiten (und damit mehr als die Hälfte des Buches) mit Olivias Internatsgeschichte sollen. Selbstverständlich ist es interessant, etwas über die bösartigen Machtspielchen unter Schülerinnen in einem nigerianischen Mädcheninternat zu lesen, aber bis Olivia dort ankommt, wird eine Spannung aufgebaut, die in einer Sequenz über das sorgsame Packen ihres Koffers mit der Schulausrüstung kulminiert, zu dem die Ich-Erzählerin sagt: „Da wussten wir noch nicht, dass am Ende des ersten Jahres alles gestohlen, zerstört oder verloren sein würde.“

Wer sich auch nur ein bisschen mit jüngerer nigerianischer Geschichte auskennt, befürchtet hier das Schlimmste. Schön für Olivia, dass es nicht eintritt, aber der dramatisch formulierte Satz ist ein Etikettenschwindel, denn außer fieser Schikane erleidet das junge Mädchen im Internat nichts. Dass dort überhaupt etwas gestohlen, zerstört oder verloren wird, wird später nie mehr angesprochen, die ganze Internatshandlung spult sich ab wie eine Seifenoper: vom Mauerblümchen zur Schülersprecherin. Das ist keine Erzählkunst, das ist belanglos, ein veritabler „Schulmädchenreport“, der zwar keinen Sex bietet, aber die schlichte Erzählweise des so betitelten Machwerks.

Mit dem Wechsel nach Deutschland wird die Geschichte immerhin insofern größer, als dass Olivia sich Geld als Verkäuferin am Hamburger Hauptbahnhof verdient und dabei in einen Freundeskreis von anderen Migranten aufgenommen wird, der in den Toiletten des Bahnhofs illegalen Asylbewerbern Unterschlupf gewährt. Was einen interessanten Zwiespalt zwischen individueller Moral und objektivem Gesetz hätte bilden können, wird aber zur bloßen Anekdotenabfolge, die ihren Tiefpunkt in einem peniblen deutschen Vorgesetzten findet, der die ganze Sache auffliegen lassen will, sich dann aber durch einen unglückliche Zufall ein Bein bricht und somit kein Problem mehr darstellt – als könnte ein solcher Mensch nicht auch noch vom Krankenbett aus Schwierigkeiten bereiten. Die Charakterzeichnung der Figuren ist – man muss es selbst in diesem afrikanisch-deutschen Kontext sagen (Olivia hat eine deutsche Mutter und einen nigerianischen Vater) – schwarzweiß.

Birgit Weyhes Comiczeichnungen bringen wenigstens Farbe hinein, aber mehr als ein Nebenwerk ihres Schaffens kann man in „German Calendar No December“ beim besten Willen nicht sehen. Schöne Bildmetaphern, ja, auch kluge Erzählsequenzen, die bewusst mit Statik arbeiten, auch dann, wenn es dramatisch wird – aber das alles kennen wir schon aus Weyhes eigenen Geschichten der Vergangenheit, die einfach besser geschrieben sind. Man fragt sich, wer oder was die beiden Autorinnen zusammengebracht hat. Ablesen kann man es dem Ergebnis leider nicht.

Nur in Andreas Platthaus‘ Comic-Blog: Die USA und der Iran endlich vereint!

Gottes Freund und alles Weltlichen Feind

Der Exil-Iraner Mana Neyestani erzählt in seinem Comic „Die Spinne von Maschhad“ die wahre Geschichte eines iranischen Serienmörders, der 2002 hingerichtet wurde, aber bei strenggläubigen Landleuten bis heute als Held betrachtet wird.

In diesem Comic spinnt eine Spinne ihr Netz. Auf schwarzen Seiten, die die verschiedenen Kapitel voneinander trennen, spinnt sie weiße dünne Fäden, und immer mehr Insekten verfangen sich darin und werden eingesponnen. Auf dem letzten dieser Bilder fehlt die Spinne, aber die toten Beutetiere hängen immer noch im Netz. Das ist die allegorische Darstellung des Maurers und Mörders, den man die „Spinne von Maschhad“ nennt.

© Edition Moderne

So heißt der neue, gerade auf Deutsch bei der Edition Moderne herausgekommene Comic des Exil-Iraners Mana Neyestani, dessen Debütband, „Ein iranischer Albtraum“, mir entgangen ist, weshalb ich „Die Spinne von Maschhad“ etwas zögerlich öffnete – was ist seit Marjane Satrapis „Persepolis“ nicht alles an Comics über Iran verlegt worden –, dann aber nicht mehr aufhören konnte zu lesen. Zunächst muss man sagen, was Maschhad ist: die zweitgrößte persische Stadt, zugleich ein religiöses Heiligtum der Schiiten und deshalb besonders wichtig für die Beharrungskräfte des Mullah-Regimes, dessen Führer, Ali Chamenei, auch noch dorther stammt. Und dann muss man sagen, wer die Spinne von Maschhad war: der Familienvater Said Hanai, ein tiefgläubiger Maurer, der in den Jahren 2000 und 2001 insgesamt sechzehn Prostituierte erwürgt hat, weil sie in seinen Augen kein gottgefälliges Leben führten. Er selbst wurde 2002 wegen dieser Morde hingerichtet – durchaus zum Unverständnis jenes strenggläubigen Teils der Bevölkerung, die in Said ein Werkzeug von Gottes Unmut über Prostitution sahen.

Neyestanis Geschichte beruht vor allem auf einem Dokumentarfilm, den Maziar Bahari 2002 gedreht hat, mit der Hilfe der Journalistin Roya Karimi Majd. Bahari, der 2009 festgenommen und gefoltert wurde und mittlerweile in London lebt, galt damals schon als Regimekritiker, deshalb schickte er bei den Dreharbeiten zu der Dokumentation seine Kollegin vor. Für den Film „And Along Came a Spider“ konnten er und Roya noch mit Said Hanai selbst sprechen, in der Untersuchungshaft, dazu mit seinen Angehörigen. Neyestani war beim Ansehen der Dokumentation erschüttert von der Überzeugung des Mörders, recht gehandelt zu haben, die in diesen Gesprächen deutlich wurde. Da der Zeichner den Regisseur persönlich kennt – beide arbeiten für dieselbe Exil-Website –, bat er Bahari, dessen Film als Grundlage für einen Comic verwenden zu dürfen. Es handelt sich also um eine Art Adaption. Und zugleich erzählt Neyestani das, was der Film nicht zeigen konnte: den Ablauf der Morde (dargestellt an nur einem der sechzehn Fälle) und das gesellschaftliche Umfeld während der Taten. Dazu kommt die Produktion des Dokumentarfilms selbst: Auch deren Umstände sind Thema des Comics.

„Die Spinne von Maschhad“ ist also eher ein Making-of zu „And Along Came a Spider“. Aber was für eines! Das fängt schon mit der Graphik an. Neyestani zeichnet meist in einem amerikanisch-realistischen Schwarzweiß, bei Schraffuren und Perspektiven an Robert Crumb geschult, aber jedes Kapitel wird von einem Einzelbild eingeleitet, dass in pseudokindlichem Strich gehalten ist – als Verweis auf die Tochter einer der ermordeten Frauen, der das vorletzte Kapitel dann ganz gewidmet ist: „Samiras Zeichnungen“. In diesen erzählt sie ihre Sicht auf das unerklärliche Verschwinden der Mutter in Form einer bunten Bildergeschichte. Das ist ein verblüffender Bruch in der Erzählung, die sich damit auch von den Umständen des zugrundeliegenden Films löst und ganz zur Eigenständigkeit findet. Schade nur, dass Christoph Schuler als Übersetzer aus der französischen Originalpublikation hier die Begriffe „Papi“ und „Mami“ stehenlässt, die für einen deutschen Leser, der nicht weiß, dass so im Französischen die kindlichen Kosenamen für Großvater und Großmutter lauten, erst einmal eine falsche Spur legen. Zumal die simulierten kindlichen Kritzeleien von Samira es nicht leicht machen, die einzelnen Figuren zu unterscheiden.

Aber das ist der einzige Kritikpunkt an einem Comic über Iran, der etwas anderes bietet als die sonstigen zu diesem Thema: einen Blick auf die religiöse Verblendung normaler Menschen, die dadurch zu Monstern werden können. Nie wird Said Hanai von Neyestani unsympathisch gezeichnet, es gibt keine Schwarzweißcharakterzeichnung in diesen schwarzweißen Bildern, aber die Worte dieses familiensinnigen leisen Maurers lassen beim Lesen das Blut gefrieren. Und sein Gegenpart auf Seiten des Staates, der Untersuchungsrichter Mansouri, der Said enttarnt hat, ist bei allem scheinbaren Phlegma eines älteren fülligen Mannes ein nicht minder fanatischer Mann, der nur deshalb die Taten des Mörders missbilligt, weil der sich anmaßt, das Recht in die eigene Hand zu nehmen, während es doch nur dem Staat zustehe, Gottes Willen zu vollstrecken.

Das alles wird im Comic nur gezeigt, nicht kommentiert; einzig ein paar Reaktionen der Journalistin Roya Karimi Majd (die mittlerweile wie Bahari und Neyestani im Ausland lebt) lassen ahnen, wie liberale Iraner unter dem Meinungsterror der Mullahs leiden. „Die Spinne von Maschhad“ ist ein faszinierender Einblick ins Innere der Herrschaft in ihrem Land. Gerade, weil scheinbar alles an der Oberfläche bleibt, was in diesem Comic erzählt wird.


Hilfe, da kommt die große Stadt!

Dieser Liebesbrief ist in Wahrheit eine Gebrauchsanleitung, aber das rettet ihn auch nicht wirklich: Roz Chast führt ihre Tochter und uns ins Leben von New York ein.

Roz Chast ist eine Ikone des Comics und des Cartoons. Als sie vor einigen Jahren Gast der American Academy in Berlin war, huldigten ihr die deutschen Kollegen durch eine veritable Pilgerfahrt zu ihrem Auftritt. Auf kaum jemanden kann sich die internationale Zeichnergemeinschaft so leicht einigen wie auf die 1954 geborene New Yorkerin, die seit vierzig Jahren im „New Yorker“ publiziert. Ihr Wackelstrich hat Epoche gemacht, ihr Wunderwitz sowieso.

© Rowohlt

Wie gut diese Elemente auf auch langer Strecke funktionieren, zeigte sich in ihrem ersten umfangreichen Comic, dem 2014 erschienenen „Can’t We Talk About Something More Pleasant?“, in dem sie von den Schwierigkeiten erzählte, mit ihren betagten Eltern zurechtzukommen. Als „Können wir nicht über etwas Anderes reden?“ (mit bezeichnender semantischer Akzentverschiebung) ist das Buch 2015 auch auf Deutsch erschienen, immerhin bei Rowohlt, jenem Literaturverlag in Deutschland, der schon früh ein bemerkenswertes Engagement für Comics gezeigt hat: Dort erschienen in den achtziger Jahren Art Spiegelmans „Maus“ oder Ralf Königs „Der bewegte Mann“. Und auch das zweite größere Buch von Roz Chast ist dort nun wieder herausgekommen, abermals mit erstaunlicher Titelverschiebung beim Übersetzen: Aus „Going Into Town“ wurde „Ein Liebesbrief an New York“.

Richtig ist irgendwie beides, aber der Originaltitel lässt anklingen, wie das Buch entstanden ist: als gezeichnete Handreichung für die Tochter von Roz Chast, als die sich entschloss, ein College in Manhattan zu besuchen. Die Familie Chast lebt vor den Toren der Stadt, in eher kleinstädtischer Umgebung, und Roz Chast kombinierte für ihr Abschiedsgeschenk die eigenen früheren Erlebnisse in der Metropole mit aktuellen Informationen, die nicht selten nahe am Klischee sind. An der Liebe der Zeichnerin zu ihrer Heimatstadt lässt das Buch zwar keinen Zweifel, aber ein Liebesbrief im wörtlichen Sinne ist es denn doch nicht geworden, vor allem nicht „an New York“. Denn die Empfängerin des Buchs ist ja die Tochter. „Liebeserklärung an New York“, das hätte gepasst. Da hat der Übersetzer Marcus Gärtner gepatzt. Oder das Lektorat. Oder die Marketing-Abteilung.

Ist dieser trotz seinem Ratgebercharakter natürlich auch stark autobiographisch geprägte Comic genauso gut wie der Erlebnisbericht über die Eltern? Ganz klar nein. „Ein Liebesbrief an New York“ ist vielmehr eine Enttäuschung. Nicht graphisch, da ist Roz Chast wieder einmal ganz bei sich und über jeden Zweifel erhaben. Aber der Inhalt des Buchs bewegt sich auf dem Niveau von Einführungstexten, und das über eine Stadt, von der jeder schon eine Vorstellung hat, entweder dank eigenen Besuchs oder vermittelt durch Bücher und Filme. Roz Chast selbst trägt dazu nichts Interessantes bei. Etliche Abschnitte ihres Comics könnten sich vielmehr in jeder einigermaßen großen Stadt der Welt abspielen. Von Geniestreichen/-strichen wie der Skizze zweier Hydranten, die Chast als Figuren im Gespräch agieren lässt, gibt es viel zu wenige. Der Textanteil ist sehr hoch, und auch wenn niemand Geringerer als der Roz-Chast-Bewunderer Tex Rubinowitz (seinerseits ein höchst origineller und der Amerikanerin geistesverwandter Zeichner) das Lettering der Übersetzung besorgt hat, will man so viele Worte gar nicht haben. Hätte sie doch etwas mehr gezeichnet. Wer braucht denn schon ihre `mit der Kamera aufgenommenen Schnappschüsse aus dem städtischen Leben? Das kann Max Goldt (noch einer ihrer Bewunderer) zum Beispiel viel besser.

Aber klar: Es handelt sich um eine Art Geschenkbuch, ein probates Mitbringsel, dass alle und jeden erfreuen soll, weil ja eben jeder weiß, was dieses New York ist. Mehr wird aber auch kaum jemand bei der Lektüre dazulernen. Die schönste Seite im Buch ist übrigens eine ohne jeden Text: ein Blick in die Halle der Grand Central Station, in der das Gebäude als federleichtes buntes Gebilde erscheint, während die Menschen darin als graue Masse porträtiert werden. Mein Gott, kann diese Frau gut zeichnen! Lasst sie doch einfach das tun.

Andreas Platthaus: Der Geist Hergés und eine „Unbekannte“

Tim in Deutschland

Ein Mann sucht seinen Weg: Andreas Tolxdorf hat bereits fünf Bände einer Detektivserie nach klassischstem Vorbild im Eigenverlag herausgebracht.

Die Wirkung von Hergé ist auch 35 Jahre nach dem Tod des belgischen „Tim und Struppi“-Zeichners verblüffend. Vergessen wir einmal seinen Ruf als Übervater des europäischen Comics, also eine historische Rolle, und schauen nur darauf, wie er durch junge Nachfolger rezipiert wird. Zum Beispiel durch den 1982 geborenen Andreas Tolxdorf aus Hannover. Seine Albenserie „Benno Bonnet, Privatdetektiv“ ist ganz im Geiste Hergés entstanden. Das hört beim französisch klingenden Namen des Helden an und hört bei typischen Figurenkonstellationen und Hsndlungverläufen noch lange nicht auf. Eher müsste man sagen, was nicht wie bei Hergé ist; den damit wäre man schneller fertig. Zum Beispiel die Seitenzahl der Alben: Statt 62 bei „Tim und Struppi“, sind es bei „Benno Bonnet“ jeweils nur 48.

Aber Andreas Tolxdorf verlegt ja auch nicht bei einem großen oder auch nur mittleren Verlag, sondern selbst, und das schon seit 2010, als der erste Band seiner Serie, betitelt mit „Grachten, Steine und Ganoven“, herauskam. Der stellte die Bachelor-Abschlussarbeit des Grafikdesign-Studenten an der Fachhochschule Hannover dar und nahm die graphische und erzählerische Handschrift Hergés bereits in Vollendung auf (leider gibt es keine Leseprobe im Netz, aber bei diesem Stil weiß ja eh jeder, wie das aussieht): die charakteristische Statik der Figuren, die kontrastreiche Farbpalette, den Textreichtum, die Selbstgespräche der Titelfigur während ihrer Abenteuer. Und dann die lebevolle Idee, jedem Cover eine Visitenkarte des Titelhelden aufzukleben. Nur das Lettering der Texte war noch sehr ungelenk, doch dieses Manko hat Tolxdorf schon zwei Jahre später im Folgeband „Tödliche Fracht“ ausgeräumt – einem Album, für das ihm Samuel Mund das Szenario geschrieben hatte.

Doch bei dem Doppelband – auch das ein typisches Element des Hergéschen Schaffens – „Balthazars Almanach“ und „Das Geheimnis von Port-Noir“, erschienen 2013 und 2016, war Tolxdorf wieder allein für Geschichte und Zeichnungen verantwortlich. Mit Rakim Mbutu, einem ehemaligen Interpol-Ermittler aus den Niederlanden, hat der wie sein Autor in Hannover lebende Benno Bonnet einen festen Mitarbeiter an die Seite gestellt bekommen, der schon im ersten Band eine kleine und im zweiten eine große Nebenrolle spielen durfte. Und mit Erik van Brook, auch bereits seit dem ersten Teil dabei, wurde eine feste Nemesis à la Rastapopoulos geschaffen, die hinter allen Schlechtigkeiten auf der Welt steckt, ob in Amsterdam, Brüssel, Hannover oder Frankreich. Tolxdorfs „Benno Bonnet“ schien auf dem besten Weg zum deutschen „Tintin“.

Pech nur, dass die Geschichte des Doppelbandes nicht überzeugte, weil die grundlegende Intrige nicht für neunzig Seiten taugte. Zudem spielten davon zwanzig in einem unterirdischen Höhlensystem, und da merkte man, was den Unterschied zu einem Hergé ausmacht. Der hätte nämlich Wege gefunden, auch Szenen im Dunkeln anschaulich zu machen – oder aber nicht einen so großen teil des Geschehens dorthin verlagert. Konsequenterweise hat sich Tolxdorf für den vor kurzem erschienenen fünften Bonnet-Band, „Ein Herz für Sarajevo“, wieder eine Szenaristen gesucht.

Der heißt Elias Mund (alias El Mundo), und wie er zu jenem Samuel Mund steht (verwandt, identisch oder zufällig nachnamensgleich), der Teil zwei geschrieben hat, weiß ich nicht. Jedenfalls tut eine Mitwirkung der Serie sehr gut, denn „Ein Herz für Sarajevo“ ist klassischer Abenteuerstoff, der genau die richtige Länge hat. Der Begin ist spektakulär – ein Attentat mitten in Hannover –, doch dann verlagern sich Beno Bonnets Ermittlungen rasch nach Sarajevo, wo eine ganz andere Verschwörung aufgedeckt wird, als man meinen sollte. Und da gleich zu Beginn beim Attentat auch Rakim Mbutu schwerverletzt wurde, ist Bonnet diesmal auf sich allein gestellt (wenn auch nicht ohne Hilfe eines anderen Gefährten).

Dadurch bekommt die Serie einen neuen Dreh, und es passt, dass auch der Erzschurke Van Brook nur zu Beginn erwähnt, aber dann überraschend nicht Teil der Handlung des neuen Albums wird. Das ist aber wieder ganz in Hergés Geist, der ja Rastapopoulos auch nicht in jedem „Tintin“-Album auftreten ließ. Die Zeichnungen von Tolxdorf sind noch etwas klassischer geworden, haben jedoch nun noch ein anderes prominentes belgisches Erbe angetreten: das von Maurice Tillieux und dessen Detektivserie „Jeff Jordan“. Vor allem die Bilder, in denen sich Bonnet und sein neuer Helfer maskieren, sind wie eine Verschmelzung von Hergé und Tillieux, den die beiden Protagonisten bei Tolxdorf sehen nun aus wie Jeff Jordan und Kapitän Haddock. dazu tragen für beide Altmeister charakteristische Handlungsorte wie Burgen oder Hotels zusätzlich bei.

Keine besonders eigenständige Rolle spielt allerdings die Stadt Sarajevo. Was Elias Mund sich ausgedacht hat, könnte überall auf der Welt spielen – hier kann die Serie in Zukunft noch zulegen, was Lokalkolorit angeht, wenn es schon weiter quer durch Europa gehen sollte. Doch erst einmal ist Tolxdorf nach fünf Alben in kompletter verlegerischer Eigenregie auf der Suche nach einem etablierten Haus, das die Serie übernimmt. Bislang hat er jeweils ein paar hundert Exemplare jedes Bandes drucken lassen, und der Vorrat an alten Ausgaben ist dahin. Nachdrucken aber ist ein Risiko, das für einen Selbstverleger zu groß wäre. Angesichts des sehr ansprechenden neuen Bandes dürfte Andreas Tolxdorf gute Argumente für einen größeren Verlag haben. Und mit „Keule und Beule“, einem im Funny-Stil gehaltenen Abenteuercomic über Vater und Sohn in der Steinzeit hat er auch noch ein neues Projekt, das weiter in Eigenregie laufen könnte, wenn das Herz des Zeichners zu sehr an solchem Engagement hängen sollte. „Benno Bonnet“ aber hat jetzt einen Weg eingeschlagen, der die Reihe zu größerem Publikum führen sollte. Wobei wir handgeklebten Visitenkarten auf den Covern natürlich arg vermissen würden …


Produktive Verstärkung

Anna Sommers Comic „Das Unbekannte“ weckt Unbehagen. Ist das eine Stärke oder eine Schwäche?

Anna Sommer ist ein Wunder. Mit Schere, Klebstoff und bunt gemusterten Papieren macht sie aufwendige großformatige Collagen, die sowohl Augen- als auch Verstandesmenschen begeistern, und mit der Feder zeichnet sie in strengem Schwarzweiß und kühler Linie Bildergeschichten, die vor allem Verstandesmenschen ansprechen und weniger die Augenmenschen. Das liegt nicht daran, dass die fünfzigjährige Schweizerin schlecht zeichnet, sondern dass sie Ihre Figuren ungeschönt als das darstellt, was sie sind: Alltagspersonen mit all den profanen Problemen, die auch die Leser beschäftigen. Was großes Drama nicht ausschließt.

Über Sommers neuen Band, „das Unbekannte“ (erschienen bei der Edition Moderne in Zürich und natürlich schon vorher in französischer Übersetzung, denn die Zeichnerin ist in Frankreich ungleich populärer als im deutschen Sprachraum; dort war „Das Unbekannte“ auch beim diesjährigen Comicfestival von Angoulême in der Endauswahl), hatte ich von einem geschätzten Kritikerkollegen, der selbst ein großartiger Autor ist, Unbehagen vernommen. So richtig heraus mit der Sprache, was ihn gestört hat, wollte er indes nicht, ehe ich den Band selbst gelesen hätte. Das ist nun geschehen. Und ich bin anderer Ansicht.

Nicht, dass mir der Band behaglich wäre. Das ist ohnehin ein Wort, was nicht zum Schaffen von Anna Sommer passt, auch nicht zu den Collagen, die man bisweilen gefällig nennen könnte (weshalb sie damit auch als Illustratorin gut im Geschäft ist), ohne dass dabei aber etwas Banales gemeint sein könnte. Mit gefällt der neue Comic deshalb, weil er kompromisslos Unbehagen erzeugt und damit sein Publikum vor Selbstprüfungen stellt: Inwieweit verdankt sich das dem bewusst schematisierten Stil der Zeichnungen, die auf Detailfülle und ansprechende Figurengestaltung verzichten, oder ist mit dem Thema von „Das Unbekannte“ etwas berührt, das ans Innerste dessen rührt, was uns ausmacht.

Die Frage stellen, heißt sie beantworten: Natürlich nehme ich Letzteres an. Gegenstand der Bildergeschichte, mit neunzig großformatigen Seiten der längste Comic, den Anna Sommer gezeichnet hat, ist die Unfähigkeit einer jungen Frau namens Vicky, ihre Schwangerschaft zu akzeptieren – zu tief schneidet die künftige Mutterrolle in ihr Selbstverständnis einer jungen freien Frau ein. Also setzt sie das Baby nach der Geburt in der Umkleidekabine eines Bekleidungsgeschäfts aus, wo es von einer anderen Kundin, Helen, gefunden und mitgenommen wird. Helen aber hat einen Lebensgefährten, der sich kein Kind vorstellen kann, also muss sie ein Doppelleben zwischen Mann und Baby beginnen. Was Stoff für eine Komödie sein könnte, ist bei Anna Sommer ein Drama.

Aber eines ohne oberflächliche Dramatik, und diese Verweigerung einer eindeutigen Position zum Geschehen dürfte die Schwierigkeiten ausmachen, die der Comic bei einzelnen Lesern erweckt. Hier wird keine moralische oder gar politische Position bezogen, sondern ganz kühl – so kühl wie die Linie – von einem unerhörten Ereignis berichtet: Eine Novelle ist diese Geschichte, ganz gegenwärtig in der moralischen Indifferenz von Akteuren und Autorin. Das passt in keinen Kasten, und konsequenterweise hat Anna Sommer auch auf jede Einkastelung ihrer Einzelbilder verzichtet – ein wiederkehrendes Stilelement ihrer Comics seit mehr als zwanzig Jahren. Man merkt, wie stark der Einfluss der Autoren der französischen Zeichnergruppe L’Association auf die Schweizerin gewesen ist, vor allem an den Zeichner Killoffer wird man erinnert, an dessen ähnlich schonungslose Erzählweise, die aber Selbstentblößung ist, während Anna Sommer verschlossene Charaktere vorführt. Deshalb stellen beide graphisch enge Verwandte dar, während sie erzählerisch denkbar weit voneinander entfernt sind.

Wohin der Ausgangskonflikt (der schon auf der zweiten Seite eingeführt ist, wobei es aber noch einige Zeit braucht, bis man die Konstellation versteht) führt, dass darf man nicht einmal andeuten, wenn die produktive Verstörung gewahrt bleiben soll, die dieser Comic gewährleistet. Keine leichte Kost, nicht der Gewalt wegen (die gibt es bestenfalls psychisch) oder der offenherzigen Sexszenen (da hat Anna Sommer eine verwandte Seele in ihrer Kollegin Ulli Lust), sondern deshalb, weil es keine Sympathieträger in dieser Geschichte gibt. Das ist da wahre „Unbekannte“ des Titels.