Was für ein komischer Preis!

86cbaeb0-96ae-407d-8cfe-6f0f15f5cb61Nur noch wenige Wochen, dann wird der nächste Sondermann-Preis für außerordentliche Leistungen auf dem Gebiet der komischen Kunst vergeben.

Traditionell findet der Festakt am 11.11. (dem Geburtstag von Bernd Pfarr) im Rahmen einer großen Spenden-Gala statt. So wie im vergangenen Jahr, als der einzigartige Zeichner und Maler Michael Sowa die einzigartige Auszeichnung erhielt.

Frau Gabriele Roth-Pfarr überreichte ihm eine Sondermann-Skulptur aus eitel Gießharz. Und als ob das noch nicht genug wäre, bekam der überraschte und schwer gerührte Berliner Künstler noch 5000 Euro. Den Förderpreis in Höhe von 2000 Euro erhielt der förderungswürdige Leonard Riegel und das begehrte Sondermann-Stipendium ging an Ella Carina Werner. Die von Oliver Maria Schmitt moderierte Preisverleihung fand in einem würdigen Rahmen im Frankfurter Mousonturm statt.

Der Künstler Jens Friebe trug einige stimmungsvolle Lieder zur Gitarre vor und der gefeierte Berliner Autor Horst Evers verlieh dem Abend als Stargast zusätzlichen Glanz. Er zeigt schon länger seine besondere Verbundenheit mit den Zielen des Sondermann-Vereins, indem er für die meisten seiner Buchcover ein Motiv von Bernd Pfarr gewählt hat. Der Abend endete mit zwölfminütigen stehenden Ovationen, standesgemäßem Feuerwerk und Konfettiregen. Viele Sondermann-Fans mussten draußen bleiben, denn die denkwürdige Veranstaltung war wie üblich in wenigen Stunden ausverkauft. Sichern Sie sich deshalb so früh wie möglich eine Karte, wir informieren Sie, sobald der Vorverkauf begonnen hat.

Comic-Blog

UnbenanntDortmund im Schatten des Hakenkreuzes
von Andreas Platthaus

Tief im Westen ist es schlechter, viel schlechter, als man glaubt: Nils Oskamps autobiographischer Comic „Drei Steine“ erzählt über die Anwerbung von Neonazis und deren Methoden in einer Realschule der achtziger Jahre
 
Würde Nils Oskamp, ein 1969 im Ruhrgebiet geborener Comiczeichner, nicht mit so großer Verve für die Authentizität der von ihm erzählten Geschichte einstehen, man könnte kaum glauben, was in „Drei Steine“ geschildert wird. Da wird Oskamp, damals vierzehn Jahre alt, in aller Öffentlichkeit zusammengeschlagen, und niemand kümmert sich darum. Da lässt ein ewiggestriger Musik- und Geschichtslehrer seine Klasse das Deutschlandlied singen und bedauert, dass die erste Strophe verboten sei – bevor er Strategien ersinnt, wie die Schlacht von Stalingrad doch zu gewinnen gewesen wäre. Da will die Leitung einer Realschule nichts von Übergriffen durch Neonazis auf dem Schulgelände hören und schickt dem verprügelten Oskamp einen Tadel wegen Zuspätkommens nach Hause. Da hören nicht einmal seine Eltern Oskamp zu. Und da liest der schon damals von Comics begeisterte Schüler gegen das Verbot seiner Lehranstalt „Asterix“ und findet dort im Gotenband einen Dialog, den er dreißig Jahre später dem eigenen Sohn vorliest: „Ich dachte, die Römer spinnen, aber die Goten spinnen noch viel mehr.“ „Du hast recht, Obelix, ich möchte an diese Idioten keinen Zaubertrank verschwenden, hau sie um!!!“

Jeder Asterix-Kenner weiß, dass es diesen Dialog nicht gibt. Und daran kann auch Oskamps Emphase nichts ändern. Warum erfindet er diese Textpassage? Weil Spott über die Deutschen, oder besser gesagt: über deutschen Nationalismus, mehr als angebracht ist angesichts seiner Erlebnisse mit der Dortmunder Neonazi-Szene, und wenn ihm darin seine Lieblingscomicserie bespringt, umso besser. Aber warum dann nicht ein authentisches „Asterix“-Zitat nehmen, wo es doch im Goten-Band fürwahr genug Szenen gibt, in denen sich die Deutschen lächerlich machen („Die anderen Chefs lachen“)? Zumal derart leicht nachprüfbare Fehlzitate doch die ganze Glaubwürdigkeit von „Drei Steine“ diskreditieren.

Aber Neonazis lesen „Asterix und die Goten“ mutmaßlich nicht, und wenn sie den im Panini Comicverlag erschienenen „Drei Steine“ lesen sollten, dürften sie auf eine Geschichte stoßen, die sie nicht bestreiten können. Denn dem eigentlichen Comic folgt eine umfangreiche Dokumentation der neonazistischen Umtriebe in Dortmund von den siebziger Jahren bis heute, und dass es in dieser Stadt diesbezüglich hoch hergeht, hat ja vor Jahresfrist auch schon David Schravens fulminanter semidokumentarischer Comic „Weisse Wölfe“ belegt. In gewisser Weise liefert Oskamp nun die Vorgeschichte dazu, denn in „Drei Steine“ wird die Keimzelle für das Aufblühen der Dortmunder Neonazi-Szene beschrieben: die Rekrutierung von Schülern, die dann in ihrem Umkreis Furcht und Schrecken verbreiten und dank des Desinteresses oder gar der Unterstützung von  Erwachsenen keine Nachteile befürchten müssen. Es sei denn, jemand ließe sich nicht so einfach unterkriegen.

Der Nils des Comics ist so ein Unbeugsamer, er bietet den Rechtsextremen nicht nur verbal, sondern auch körperlich Paroli. Die Kraft zum Widerstand zieht er aus dem Wissen um die Ereignisse im „Dritten Reich“. Wer sie ihm vermittelt hat, bleibt leider unbekannt, denn die Schule war es ja wohl nicht. Wobei im Comic zwei Geschichtslehrer von Nils auftreten, und einer von ihnen macht die Schoa zum Gegenstand seines Unterrichts. Wieso dann der Musiklehrer in der Klasse auch noch Geschichte lehrt, ist schwer verständlich.

Es gibt leider viele solche Nachlässigkeiten in der Konstruktion des heroischen Plots, die einem der sieben im Impressum genannten Lektoren ebenso hätten auffallen können wie den weiteren drei „Supervisoren“ (was auch immer sie getan haben). Aber alle waren offenbar ebenso fassungslos über die eigentliche Geschichte wie ich, weil man derartige Geschehnisse  gar nicht glauben will. Zu Oskamps Realschulzeiten war auch ich Schüler in Nordrhein-Westfalen, und es gab in meinem ländlichen Städtchen nichts Vergleichbares. Aber das, was Oskamp erlebt hat, ist tatsächlich überprüfbar, bis hin zu konkreten Beteiligten, die in diesem Comic auftreten. Und manchmal lässt man sich von einer guten Absicht zu sehr ablenken, als dass man noch auf die handwerklichen Details einer Comicerzählung achten würde.

Die Absicht verdient deshalb hier mehr Respekt als die Ausführung. Denn wie in „Drei Steine“ erzählt wird, das ist eher schlicht geraten, vor allem wenn man es mit dem erst kürzlich erschienenen Band „Fahrrad-Mod“ von Tobi Dahmen vergleicht, der zwar nur nebenher vom Erstarken einer rechten Szene (am Niederrhein, also nicht weit weg von Dortmund) erzählt, aber das sehr viel subtiler tut. Bei Oskamp sind die Rollen derart in Schwarz und Weiß oder noch besser gesagt: Braun und Weiß geschieden, bis hin zur Kleidung der Protagonisten, dass man das zugrundeliegende Geschehen wahrnimmt wie ein Lehrstück, bis hin zur überraschenden Rettung in letzter Sekunde durch einen geläuterten Mitschüler oder die Selbsterkenntnis, dass der Weg der Gewalt eine Sackgasse ist.
Aber dabei muss man eben im Auge behalten: So ist es gewesen. Oskamp dokumentiert sogar fotografisch, wie er selbst 2011 den dritten der drei Steine, die dem Comic den Titel geben, in der Holocaust-Gedenkstätte von Yad Vashem abgelegt hat; mit dem ersten der von einem Dortmunder jüdischen Friedhof mitgenommenen Steine hatte der vierzehnjährige Nils einen Angreifer beworfen, mit dem zweiten einem anderen fast den Schädel eingeschlagen – ehe sich der Schüler besann und es bei der Drohung beließ. So werden die drei Steine zum Lernprozess: Auf Selbstverteidigung folgen Vernunft und Erinnerung. Alle drei zusammen ergeben die von Oskamp empfohlene Abwehrstrategie gegen rechte Überzeugungen.

Eingebettet ist diese Erinnerung ans Jahr 1983/84 in eine Rahmenhandlung, die Oskamp im Gespräch mit seinem kleinen Sohn zeigt. Diese Passagen sind in einem warmen Bronzeton gehalten, während die Schilderungen  aus der Vergangenheit in kaltes Blaugrau getaucht sind (hier zu sehen). Aber wenn Nils zusammengeschlagen wird, bekommt sein Blut rote Zusatzfarbe spendiert; die rechten Aggressoren, denen es auch nicht immer gut ergeht, müssen darauf verzichten. Ja, dieser Comic ist einseitig bei der Nutzung seiner erzählerischen Mittel. Dass das die gute Seite stärkt, ist erfreulich, aber man hat es hier doch nicht mit einem manichäischen Superhelden-Comic zu tun. Das wahre Leben verlangt nach komplexeren Darstellungen.

Der Anhang, in dem Alice Lanzke von der Amadeu-Antonio-Stiftung, die sich gegen rechte Gewalt einsetzt, die Entwicklung der Dortmunder Neonazi-Szene Revue passieren lässt, löst das besser ein als der vorangegangene Comic, obwohl auch hier ganz klar Position bezogen wird. Daran gäbe es auch gar nichts zu kritisieren; was stört, ist, wie leicht sich Nils Oskamp als Autor die Sache macht. Damit will ich auch nicht die fast hundertzwanzigseitige Geschichte kleinreden, wohl aber dafür sensibilisieren, dass eine eindeutig positiv zu bewertende moralische Haltung nicht der Sorgfalt beim Erzählen enthebt.

Comic-Blog

UnbenanntSchöner kann es am Meer selbst nicht sein
von Andreas Platthaus

Wollen Sie einen richtig preiswerten Strandurlaub mit allen Schikanen erleben? Dann geben Sie 24 Euro für den meisterlichen Comic „Rein in die Fluten!“ aus

Am vergangenen Wochenende feierte der Berliner Reprodukt Verlag seinen 25. Geburtstag, und ein schöneres Geschenk konnte er sich selbst (und uns) kaum machen als den Band „Rein in die Fluten!“ Geschrieben, aber auch mitgezeichnet hat ihn Pascal Rabaté, einer der besten französischen Szenaristen (und Zeichner); gezeichnet, aber auch mitgeschrieben David Prudhomme, einer der besten französischen Zeichner (und Szenaristen). Gemeinsam sind sie ein Traumduo, wie sie vor einigen Jahren bereits mit ihrer Kooperation „Die Plastikmadonna“ bewiesen haben.

Allerdings muss man sagen, dass sich dieser damals bei Carlsen erschienene wunderbare Comic, der den französischen Alltag am Beispiel einer angeblichen Wundererscheinung auf höchst skurrile und amüsante Weise unter die Lupe nahm, in Deutschland miserabel verkauft hat. Umso wichtiger und leider auch mutiger, dass Reprodukt nun den zweiten Band der beiden herausbringt. Aber da die Solowerke der Autoren (jeweils sensationell: „Rembetiko“ und „Einmal durch den Louvre“ im Falle Prudhommes sowie „Bäche und Flüsse“ von Rabaté) ohnehin schon ihre deutsche Heimat bei dem Berliner Verlag gefunden haben, ist die Übernahme des Gemeinschaftsalbums nur konsequent.

120 Seiten lang ist es, und es erscheint im richtigen Moment, zum Beginn des Sommers. Denn in „Vive la marée“ (wörtlich „Es leben die Gezeiten“, aber auch „Hoch lebe die Flut“ im Sinne von Menschenmassen), wie der Comic im Original heißt, geht es um Strandurlaub. Der deutsche Titel ist etwas ranschmeißerisch, hat dafür aber ein subtileres Umschlagbild, auf dem man etliche Schwimmer aus Unterwasserperspektive sieht, darunter ein Paar, das sich in einer Pose umarmt, die Prudhomme einer Gemäldeserie des italienischen Kollegen Lorenzo Mattotti abgeschaut hat. Dieser augenzwinkernde Gruß ist das I-Tüpfelchen eines Buchs, das unter anderem eben auch eine gigantische Hommage ist.

Allerdings nicht an einen anderen Comic, sondern an einen Film: Jacques Tatis „Ferien des Monsieur Hulot“. Nicht, dass Rabaté und Prudhomme Figuren, Handlungsort oder Verlauf zitierten, aber sie übernehmen das wichtigste dieses Films: die Struktur. Wie bei Tati wird die große Strandgesellschaft individualisiert, und wir verfolgen in winzigen Episoden mit immer neuen Konstellationen das Geschehen am Meer. Dabei geben die Figuren gewissermaßen nach ein, zwei Seiten den Staffelstab an andere Protagonisten ab, quasi im Vorbeigehen, indem plötzlich die Aufmerksamkeit bei einem anderen Badegast hängenbleibt und man ihn für eine Weile verfolgt. Und es passiert ähnlich wenig im Comic wie in Tatis Film, doch es ist genauso komisch und entlarvend.

Wie in „Die Ferien des Monsieur Hulot“ beginnt alles mit der Anreise (Leseprobe hier), wahlweise mit Auto oder Zug, und schon durch die Verhaltensweisen der Beteiligten dabei werden sie charakterisiert: als Angeber, Geizhälse, Querulanten die Erwachsenen, während die Kinder als unschuldige Staffagefiguren fungieren, die zwar bisweilen selbst die Handlung vorantreiben, aber nie jene Blasiertheit oder Arroganz zeigen, die ihre Eltern auszeichnet. Den unschuldigen Tor allerdings, wie Hulot es ist, den gibt es hier nicht. Als einzige rundum sympathische Handlungsträger treten lediglich zwei Anstreicher auf, die den ganzen Tag lang mit dem Lackieren von Metallzäunen beschäftigt sind. Man darf darin wohl ein Selbstporträt von Rabaté und Prudhomme erkennen.

Was den Comic aber erst zur veritablen Meisterleistung macht, ist die graphische Konzeption. Dass sich ein Strand ideal zur Inszenierung einer Comicgeschichte eignet, ist evident: Vor der weiten weißen Fläche zeichnet sich das Geschehen im buchstäblichen Sinne perfekt ab. Zudem aber wählen die beiden Autoren für ihre Geschichte höchst ungewöhnliche Perspektiven, nämlich meist die von am Strand Liegenden, also aus extremer Untersicht, verbunden mit Überlagerungen von Bildebenen, die kleine Elemente im Vordergrund in optischen Gleichklang mit größeren weiter hinten bringen. Das schönste Beispiel ist die Ankunft eines ebenso dick- wie weißbäuchigen Herrn am FKK-Strand, den er über eine Düne zu erreichen scheint, die sich durchs Wegzoomen der Betrachterposition als unbekleideter Körper einer jungen Frau erweist. Oder ein kleines Mädchen kadriert mit den Fingern einzelne Badeszenen zu Bildern auf einem imaginierten Smartphone, die es dann beliebig vergrößern oder verkleinern kann. Und das Tolle ist, dass die Comicbilder dieses Spiel mitzumachen scheinen, bis dann doch einmal eine Wischbewegung des Kindes scheitert und die Illusion zerstört.

Klüger ist seit vielen Jahren kein Comic mehr in Szene gesetzt worden, und wenn man überhaupt ernsthafte Vorläufer oder Konkurrenz nennen sollte, so müsste man wohl auf Erzählrevolutionäre wie Marc-Antoine Mathieu oder David B. verweisen. Im Mainstreamcomic aber, und dazu zählt „Rein in die Fluten!“, der sich im vergangenen Jahr in Frankreich exzellent verkauft hat (glückliches Comicland!), hat es eine so ausgefuchste Verschränkung von Verlauf und Visualisierung noch nicht gegeben. Und die Dialogregie in der gewohnt sorgfältigen Übersetzung von Uli Pröfrock tut das Ihrige dazu, dass man staunend weiterliest, denn wie es Rabaté und Prudhomme gelingt, sowohl das dauerhafte Gemurmel des Strandlebens wie die Freudenjauchzer und Zurufe abzubilden, das wäre eine eigene Analyse wert. Dieser Comic führt so ziemlich alles vor, was man überhaupt graphisch erzählen kann.

Doch nichts davon wirkt aufgesetzt oder gar manieriert. Dieser Comic, der nur einen einzigen heißen Sommertag porträtiert, aber dabei gleich Dutzende von Menschen und deren Marotten, verhält sich in der Erzählhaltung so selbstverständlich wie die Flut am Strand selbst. Immer wieder rollen deren Ausläufer an, ziehen sich scheinbar wieder zurück, und setzen doch schließlich alles unaufhaltsam unter Wasser. Auch dieser Geschichte kann man nicht entkommen.

Wir sehen die Rentner und die Tätowierten, die Sportler und die Sonnenanbeter, die Schönen und die Schlaffen, die Dreisten und die Scheuen, die Frauen und die Männer, die Menschen und die Tiere. Wir sehen einen Badeort, als bewegten wir uns mit den Protagonisten durch dessen Straßen. Und wir sehen nicht nur den Strand, wir fühlen, riechen, hören ihn. Und irgendwo mittendrin sind auch wie selbst. Man muss nur sehr genau hinsehen, -fühlen, -riechen, -hören. Aber das ist ein einziges Vergnügen. Herzlichen Glückwunsch dem Verlag und den Lesern dieses Comics.

Sondermann spielt Fußball I

Noch 147 Tage bis zur Sondermann-Gala!
13433185_1233620863339030_5923441469581343835_o

Comic-Blog

UnbenanntÖko-Superkräfte
von Andreas Platthaus

Der Italiener Federico Cacciapaglia macht sich mit „Die Growls“ über den Massenkonsum und die alternative Lebensweise zugleich lustig

„Jaja“ ist einer jener rührigen Kleinverlage, die dafür gesorgt haben, dass neben den etablierten Zeichnern auch der Nachwuchs in Deutschland seine Form bekommt. Das jüngste Produkt des von Annette Köhn 2011 in Berlin-Neukölln gegründeten Verlags stammt allerdings von einem italienischen Zeichner: Federico Cacciapaglia, geboren 1987 in Rom, allerdings seit einigen Jahren in Berlin ansässig. Als Pseudonym hat er sich „Café“ ausgesucht, und sein Mitautor, Arturo Martinini, nennt sich Art, obwohl er mit dem Zeichnen gar nichts am Hut hat. Gemeinsamen haben sie einen schwarzweißen Band herausgebracht, der „Die Growls“ heißt.

Vertraute des Comic-Idioms werden in diesem Titel einen typischen Knurrlaut wiedererkennen und somit darauf vertrauen, dass es einigen Ärger in der Geschichte gibt. Genauso ist es. Zu beginn landen drei Eskimos an einem tropische Strand neben einem Kühlschrank, der dort im Sand steckt wie der schwarze Monolith zum Anfang von Stanley Kubricks Spielfilm „2001 – Odyssee im Weltall“, und durch eine Art Pflanzenzauber lassen sie drei Lebewesen entstehen, die in ihren Eigenschaften gewisse Verwandtschaft mit den Digedags haben. Das aber sind die Growls.

Sie wissen es nur noch nicht. Was sie indes wissen, ist, dass sie Hunger haben. Doch im Kühlschrank ist nichts. Also geht der drei namenlosen Neugeborenen zum nächsten Supermarkt, begegnet aber auf dem Rückweg dem Bio-Mann, der ihn von den Vorzügen biodynamischer Ernährung überzeugt. Bei der Einnahme eines natürlich erzeugten Nahrungsmittels wird aus dem kleinen Wesen ein großer Kämpfer, ein Growl, während beim Verzehr der Massenware aus Essern eine Spezies wird, die als kleine Totenköpfe mit offenliegendem Hirn gezeichnet sind und „Consumx“ genannt werden. Haben wir es bei „Die Growls“ also mit einem agitatorischen Comic für gesunde Ernährung zu tun?

Keineswegs, denn Cacciapaglia und Martinini machen sich einen Spaß daraus, die heldenhaften drei Kobolde zum leicht manipulierbaren Gefolge von allerlei Gutmenschen zu machen. Die drei Eskimos treten immer wieder einmal als mystisch-gutes Gewissen des Planeten auf, ohne aber mehr als per Flaschenpost zugestellte Handlungsanweisungen zu liefern. Außerdem gibt es neben Bio-Mann noch einen Reporter-Aktivisten und einen Veganer, die sich sämtlich für eine bessere Welt einsetzen, das aber ohne jede Rücksicht auf Vernunft oder andere Akteure tun. Die drei Growls werden so zu leicht lenkbaren Kampfmaschinen, die wie in einem sehr schlechten Superheldencomic ständig gegen die skrupellosen Consumx antreten, die sich darin gefallen, alles, was spirituell Bewegten viel bedeutet, zu vernichten, seien es Delphine, Tibet, Pandas, Eisbären oder Wale.

Der Umgang des Comics mit diesen Ikonen des schlechten Weltgewissens ist höchst drastisch. Hinter dem kindgerecht scheinenden Zeichenstil von Cacciapaglia verbirgt sich ein graphischer Zynismus, der dieses Heft zu allem anderen als niedlicher Lektüre macht. De Gedankenlosigkeit der drei Helden ist bemerkenswert – so schmachtet etwa über die ganze Länge des Comics der letzte lebende Delphin in einer Zinkwanne, die nur ein paar Meter vom Meer entfernt steht, vor sich hin und will einfach nur sterben, doch man lässt ihn nicht. Ungeachtet seiner hell und leicht wirkenden Bilder wird die Geschichte tiefschwarz erzählt. Es ist, als hätte James Woodring für „Mad“ gezeichnet. Wer es sich ansehen will, findet hier Anschauungmaterial.

Eine politische Haltung gibt es in diesem Öko-Superheldencomic nicht. Die Generation von Cacciapaglia ist zwar politisch engagiert, aber nicht dogmatisch. Sie lässt sich nicht vereinnahmen für die weltverbessernde Propaganda einer bestimmten Lebensweise, sondern macht sich munter sowohl über die Vertreter traditioneller Ökonomie wie Ernährung wie über die messianischen Parolen alternativer Entwürfe lustig. Das macht „Die Growls“ nicht eben leicht zu lesen, denn wann immer man glaubt, eine Haltung darin gefunden zu haben, wird einem neu der Boden unter den Füßen weggezogen. Wenn man das aber einmal als Erzählprinzip erkannt hat, wird aus Cacciapaglias Band ein wunderbares Spiel mit unseren Erwartungen, Klischees und Erfahrungen. Hochkomisch ist das.

Noch 156 Tage bis zur Sondermann-Verleihung!

13332709_1227203213980795_8364192001205893906_n

Comic-Blog

UnbenanntLahmer, tiefer, kürzer?
von Andreas Platthaus

Legende allein genügt nicht: Die Comicbiographie über den tschechischen Wunderläufer Emil Zátopek hat ein paar Schwächen zu viel

In meiner Kindheit gab es im Gästezimmer einer Großtante, bei der ich manches Wochenende verbringen durfte, ein Buch, an dessen Titel ich mich nicht erinnere, das aber großen Persönlichkeiten des Sports gewidmet war: unter anderen Toni Sailer, Jochen Rindt, Armin Harry, Max Schmeling, Cassius Clay (damals war Muhammad Ali als sein Name noch nicht fest etabliert) und auch Emil Zátopek, der tschechischen Lokomotive. Ich würde vermuten, dass mindestens die Hälfte dieser Namen heute nicht mehr Allgemeingut sind.

Ganz sicher weiß ich es bei Zátopek, denn sonst gäbe es wohl kaum ein von der tschechischen Regierung gefördertes Projekt „Zátopek 2016“ (warum just dieses Jahr, ist vollkommen unersichtlich; der Sportler wurde 1922 geboren, starb 2000 und gewann seine olympischen Goldmedaillen 1948 und 1952), „dessen Zweck es ist, an diesen überragenden Läufer zu erinnern, der ein Vorbild für Millionen Menschen auf der ganzen Welt ist“. Im Rahmen von „Zátopek 2016“ wurde auch ein Comic erstellt, der die Geschichte von Emil Zátopek erzählt, geschrieben von Jan Novák, einem vor allem durch seine Drehbücher berühmt gewordenen tschechischen Autor, der jetzt in Amerika lebt, und gezeichnet von Jaromír Svejdík, der unter dem Pseudonym Jaromír 99 sowohl Musik als auch Comics macht. Vor drei Jahren erschien seine Adaption von Kafkas „Schloss“, doch berühmt wurde er durch den von Jaroslaw Rudis geschriebenen Comic „Alois Nebel“.

Der erschien seinerzeit beim Leipziger Verlag Voland & Quist und war ein für Comicverhältnisse schöner Erfolg (vor allem, als noch der gleichnamige Trickfilm dazukam). Deshalb hat der Verlag sich nun auch für die Publikation von „Zátopek“ entschieden, zumal die Übersetzung vom tschechischen Kulturministerium gefördert wurde. Allerdings ganz sicher nicht gelesen. Offenbar von niemandem. Denn man findet im Text so erstaunliche Behauptungen, wie die, dass Zátopek als Läufer Rekordzeiten überboten hätte. Das kann ich auch, jederzeit sogar, denn was wäre einfacher, als über einem Laufrekord zu bleiben? Dafür hat Zátopeks Ehefrau Dana, eine Speerwerferin, im Comic den Landesrekord unterboten. Auch nicht schwierig bei einer Wurfdisziplin. Wenn schon einmal falsch, dann auch konsequent. Dass an anderer Stelle davon die Rede ist, dass Dana Zátopekova „zwischen zwei Olympiaden“ zahlreiche Rekorde aufgestellt habe, fällt da kaum noch auf. Gemeint ist natürlich der Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen, also eine Olympiade.

In einer Sportlercomicbiographie sollte solcher Unsinn nicht stehen, aber es ist im Buch auch vorsorglich gar kein Übersetzer angegeben. Nur die Übersetzungsförderung, und das war wohl auch wichtiger für den Verlag. Fließt einmal Geld, braucht man sich ja sonst keine Gedanken mehr zu machen, Augen zu und durch, wie die tschechische Lokomotive. Wieder ein Beispiel dafür, dass Comicübersetzungen oft mit einer Nachlässigkeit redaktionell betreut werden, die bei Sachbüchern oder Literatur als Skandal empfunden würde. Aber die Bilder kaschieren so viel.

Und für sie lohnt sich die Lektüre von „Zátopek“, vor allem im ersten Teil. Bis Emil Zátopek nämlich endlich richtig ins Laufen kommt, arbeitet er von 1937 bis 1947 bei der tschechischen Schuhfirma Bata. Und wie Jaromír 99 deren Werksgelände ins Bild setzt, das weckt dermaßen viele Assoziationen an die Grafik der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, besonders an Frans Masereel, dass man sich bei jedem Umblättern schon auf die Überraschung der nächsten beiden Seiten freut. Der deutsche Verlag bietet leider keine Leseprobe an, aber für die Bebilderung ist ja auch das tschechische Original aussagekräftig. Dem Sportlerleben, nachdem Zátopek zur Armee ging, kann der Comic dagegen kaum noch originelle Bildideen abgewinnen.

Allerdings hat die Geschichte von Jan Novák auch nichts Reizvolles zu bieten, so dass man schon dankbar ein muss, wie viel Jaromír 99 aus dem Beginn herausgeholt hat. Erzählt wird ohnehin nur bis 1952, den Olympischen Spielen von Helsinki, auf denen Zátopek als bislang einziger Mensch über 5000 Meter, 10.000 Meter und Marathondistanz Gold gewonnen hatte. Nach dem Zieleinlauf des Marathonlaufs noch ein Kuss von Dana, dann ist Schluss. Danach begannen im wahren Leben auc die sportlichen Nackenschläge. So etwas erzählt man weniger gern.

Dafür werden die Widerstände hervorgehoben, die Zátopek in der Tschechoslowakei zu überwinden hatte. Zum Militär ging er der besseren Trainingsmöglichkeiten wegen, nicht aus Überzeugung, schon gar nicht nach der Errichtung der kommunistischen Diktatur im Jahr 1948, obwohl sein Vater überzeugter Kommunist war. Zátopek war Politik egal, er wollte laufen, und wenn er sich für einen ideologisch unzuverlässigen Kameraden einsetzte, dann interessierte ihn dessen Aussicht auf sportlichen Erfolg, nicht die Einstellung für oder gegen den Staat. Dass daraus ein Konflikt erwuchs, der fast zum Verzicht Zátopeks auf seine Starts in Helsinki geführt hätte, wird von Novák zum dramatischen Höhepunkt seiner Erzählung gemacht.

Doch bei einer Figur wie Zátopek, die schon auf dem Titelbild das Zielband als Erster durchreißt, kann durch einen solchen Effekt keine Spannung entstehen. Zu glatt läuft die Karriere des Läufers ab, unbeirrbar erfolgreich wie dessen Wettkämpfe, als dass man jemals mit einem Scheitern rechnete. Dadurch wird der Comic nur interessant für Leser, die etwas über Zátopek erfahren wollen; wenig sportbegeistertem Publikum bietet er nichts – außer den bereits gelobten graphischen Finessen des Auftakts.

Comic-Blog

medailleIn Erlangen erlangt man traurige Erkenntnis
von Andreas Platthaus

Hielte sich Peinlichkeit doch so zuverlässig im Rahmen wie Comicbilder. Aber die Gala zur Verleihung des Max-und-Moritz-Preises begab sich ein paarmal jenseits des guten Geschmacks

Manchmal ist die Diskrepanz zwischen Inhalt und Form eines Comics gewaltig. Für Veranstaltungen gilt das Gleiche, und nicht nur für solche, die mit Comics zu tun haben. Aber eben auch für diese. So etwa für die Gala des diesjährigen Erlanger Comicsalons, auf der die Max-und-Moritz-Preise verliehen wurden. Ich habe jetzt ein paar Tage über diese Veranstaltung nachgedacht, und meine Verärgerung über deren Form ist nicht kleiner geworden.

Zunächst das vorab: Die Preise gingen alle in Ordnung, sind teilweise sogar zwingend (Barbara Yelin als beste deutsche Comic-Künstlerin, Birgit Weyhes „Madgermanes“ als bester deutscher Comic, Katharina Greves „102 Etagen“ als bester Comic-Strip). Dass sich „Ein Sommer am See“ von Mariko und Jillian Tamaki (bester ausländischer Comic) mit einem Jahr Abstand nicht ganz so gut gehalten hat, wie ich das selbst damals noch vermutete, spricht nicht gegen die Intensität dieser Geschichte um eine Mädchenjugend. Und Claire Bretécher für ihr Lebenswerk zu ehren, war überfällig, und das Bedauern darüber, dass sie selbst dazu nicht nach Erlangen kommen konnte, hat meine Freude über die Entscheidung der Jury nicht vermindert.

Aber da geht es los. Warum ist es dem Salon und noch mehr dem deutschen Verlag von Bretécher (derzeit Reprodukt) nicht wenigstens geglückt, der großen alten Dame ein Wort des Dankes zu entlocken? Von Videobotschaft will ich gar nicht erst anfangen, es kann Gründe dafür geben, darauf zu verzichten, aber gar kein Satz zur Ehrung des eigenen Lebenswerks? Das brüskiert den Salon, egal, ob man Madame Bretécher überhaupt gefragt hat oder nicht. Denn sollte Reprodukt es versäumt haben, ist die Brüskierung nicht geringer, nur eben durch den Verlag.

Und das würde passen. Dass die Tamaki-Cousinen nicht nach Deutschland kommen konnten, kann man verstehen, dass der Verlagsvertreter von Reprodukt, der für sie den Preis entgegennahm, aber nicht einmal sagen konnte, wo sie denn gerade sonst waren, zeigt, dass man sich verlagsseitig um nichts gekümmert hat. Die Zeichnung, die Jillian Tamaki zum Dank für die Auszeichnung ihres Comics geschickt hatte, ist an den Salon selbst gegangen, also hatte Reprodukt auch damit nichts zu tun. Aber der Gipfelpunkt im schlechten Umgang mit der dem Haus seit Jahren sehr gewogenen Veranstaltung war noch gar nicht erreicht.

Dazu brauchte es die Verlesung der Erklärung von Patrick Wirbeleit, eines weiteren abwesenden Reprodukt-Preisträgers, dessen Comicreihe „Kiste“ von der Jury zum besten Kinder-Comic bestimmt worden war. Die recht selbstverliebte Erklärung, in der über seinen Co-Autor Uwe Heidschötter kein Wort verloren wurde, endete mit der Ablehnung des Preises, weil die Erlanger Jurys bislang die von Wirbeleit geschätzten Zeichner Kim Schmidt und Sascha Wüstefeld ignoriert hätten. Das mag er so sehen, eine Prüfung der Arbeiten von Schmidt und Wüstefeld kann ja dankenswerterweise jeder selbst übernehmen und dann sehen, was sie etwa von Yelins „Irmina“ oder Weyhes „Madgermanes“ unterscheidet.

Aber da es sich in Erlangen nicht um Überraschungssieger handelt (man will ja die Gewinner im Saal haben, also werden sie selbst oder die Verlage meist vorher informiert), hatte Reprodukt die Ablehnung seines Autors auch schon vorher erhalten. Es hätte Größe gehabt, sie dem Salon vorab mitzuteilen, um allen Beteiligten (inklusive des abwesenden Herrn Wirbeleits) den peinlichen Moment zu ersparen. Stattdessen kokettierte der verlesende Verlagsvertreter damit, dass er ja nur der Überbringer sei. Verlegerische Sorgfaltspflicht für Autoren? Wozu denn so etwas? Natürlich muss ein Künstler das Recht haben, einen Preis abzulehnen. Dann aber auch den Mut, es vorher zu tun oder wenigstens persönlich dazu zu stehen. So bleibt nur der Eindruck eines wenig couragierten Herrn, der sich ärgert, wenn seine Idole oder Kumpels nicht abräumen. Nun denn, wenn’s der Wahnsinnsfindung dient.

Soviel zum Ärger über Reprodukt, die ein tolles Comicprogramm haben, aber offenbar von Preisen dafür etwas zu verwöhnt wurden. Nun zum Zorn über etwas Wichtigeres: die Moderation. Sie wird seit 2010 von dem Duo Hella von Sinnen und Christian Gasser durchgeführt, und das war am Anfang sehr erfrischend. Jetzt ist es nur noch sehr ermüdend. Gasser ist daran unschuldig, obwohl man sich wünschen würde, er brächte seine konkurrenzlose Sachkompetenz auch in die Vorbesprechungen zur Moderation ein. Aber mutmaßlich ist Hella von Sinnen, die mir als Donaldistin prinzipiell sehr sympathisch ist, beratungsresistent. Sonst hätte sie für ihre mittlerweile vierte Verleihung doch einmal alle 25 nominierten Comics gelesen und vielleicht sogar mal einen Blick in die Biographie von deren Autoren geworfen, damit uns ein Satz wie der zur Zeichnerin Anna Haifisch („Sie ist wie Karl May, der war auch nie in Amerika“) angesichts eines einjährigen Studienaufenthalt Haifischs in den Vereinigten Staaten erspart geblieben wäre. Aber vielleicht haben Moderatorin und Zeichnerin sich ja nach der Gala bei dem Treffen ausgesprochen, zu dem Hella von Sinnen ihre angeblich derzeitige Lieblingsautorin von der Bühne herab einlud.

Interessiert uns, wen oder was Hella von Sinnen gerade schätzt? Aber ja, wenn es etwas mit den Preisen zu tun hat, jedoch nicht ausschließlich. Mehr als eigene Begeisterung oder Langeweile hat die Moderatorin leider nicht zu bieten. Das ist lebendig, aber inkompetent. Immerhin sorgte sie für den Höhepunkt des Abends, als sie dem für „Fahrradmod“ nominierten Tobi Dahmen die Vorführung einiger Mod-Tanzschritte abverlangte. Die Peinlichkeit dieser Zumutung wich, als Dahmen sie so souverän absolvierte, wie man es sich nur erträumen konnte. Aber die Peinlichkeit, dass eine sechsundfünfzigjährige Frau noch nie von Mods gehört haben will, vergeht so schnell nicht.

Hella von Sinnen gefällt sich darin, als Abzockerin aufzutreten. Gerne betonte sie, dass ihr die Comics vom Salon zur Vorbereitung gratis zugeschickt wurden, was ja völlig in Ordnung wäre, wenn sie die Bände dann auch lesen würde. Aber dass sie die von Jillian Tamaki an den Salon eingesandte Dankeszeichnung an sich bringen wollte (ein Segen, dass das Blatt nur digital vorlag), weil sie sich ja so genau in einer der beiden Hauptpersonen getroffen sehe, das war von einer Frechheit, die den Atem raubte. Wie schon ganz zu Beginn, als sie den Erlanger Oberbürgermeister, der in fünf Minuten mehr Substanzielles zur Lage der Comics im Allgemeinen und der des Salons im Speziellen zu sagen hatte als Hella von Sinnen in zweieinhalb Stunden, zur Eile drängte, weil man wenig Zeit habe. Dann aber bei so ziemlich jeder Nominierung, die sie im Folgenden vorzustellen hatte, länger schwafelte als der Bürgermeister. Es waren sehr lange zweieinhalb Stunden auf dieser Gala mit Hella von Sinnen, aber gewiss meine letzten, wenn es bei dieser Besetzung bleiben sollte.

Die Sonder-Jury hat getagt!

sondermann1Die Sondermannpreisträger für das Jahr 2016 stehen fest. Einer festlichen Verleihung am 11.11. in der Frankfurter Brotfabrik steht nun nichts mehr im Wege.

Die Jury hat es sich mal wieder nicht leicht gemacht. In der fünfstündigen Sitzung fielen auch mal harte Worte, alles in allem blieb es aber fair und friedlich. Die drei Stühle im Wohnzimmer von Familie Eilert hätten sowieso repariert werden müssen und auch der Kristalllüster wäre früher oder später von alleine von der Decke gefallen.

Ein wenig rustikal demonstrierte Frau Krüwell die gute Verarbeitung ihrer neuen Handtasche, und die Platzwunde am Kopf von Herrn Platthaus blutete bei der freundschaftlichen Verabschiedung fast gar nicht mehr. Wie sein Schweizer Taschenmesser in den Oberschenkel von Herrn Zippert geraten konnte, wusste Dr. Hofmann später auch nicht mehr, konnte aber wenigstens einen fachmännischen Druckverband anlegen.

Es blieb nicht aus, dass Frau Roth-Pfarr bei der erregten Diskussion akustisch die Orientierung verlor, sie sollte nicht mit, sondern einen Blick auf die Himbeertörtchen werfen. Etwas unschöne Szenen gab es, nachdem sich Herr Schmitt in den Jugendstil-Sekretär erbrach, angeblich weil Herr Fischer ihm etwas ins Essen gemischt hatte, dabei war das Frau Eilert gewesen. Nicht mehr geklärt werden konnte, warum Herr Eilert ausgerechnet Hegel, den reizenden Pitbull des Herrn Fischer, provozieren musste. Auf gutes Zureden gab das völlig verwirrte Tier die drei Finger von Eilerts linker Hand aber wieder heraus, sie konnten im 3-Sternekühlfach gelagert und nach Beendigung der Sitzung größtenteils erfolgreich angenäht werden.

Die Preisträger werden bekannt gegeben, sobald Herrn Fischer der Magen ausgepumpt worden ist, wo sich zur Zeit noch das Blatt Papier befindet, auf dem die Namen der Preisträger stehen, die Frau Eilert ihm zum Glück aufgeschrieben hatte. Nachdem sie gegen die schmiedeeiserne Bratpfanne gerannt war, die Herr Frenz völlig unvermittelt durch den Raum schleuderte, konnte sie sich nämlich an nichts mehr erinnern. Schon gar nicht, dass sie Frau Gerhard mit Sekundenkleber an der Badezimmertür fixiert hatte.

Wir bitten um Verständnis, daß die offizielle Presseerklärung erst herausgegeben werden kann, wenn sich die Anwälte aller beteiligten Parteien geeinigt haben.

Comic-Blog

UnbenanntAufgeweckte Altstars
von Andreas Platthaus

In Frankreich feiert ein neues Konzept Triumphe: Prominente Autoren und Zeichner nehmen sich klassischer Serien und Helden an und erzählen auf ihre Weise deren Abenteuer. Derzeit auf den Bestsellerlisten: Lucky Luke und Micky Maus

Auf den Comic-Bestsellerlisten in Frankreich, dem umsatzstärksten europäischen Land für diese Branche, stehen derzeit drei Titel weit oben, die jeweils neue Blicke auf legendäre alte Serien werfen. Matthieu Bonhomme hat einen „Lucky Luke“-Band gezeichnet, der nicht Teil der regulären, seit fast siebzig Jahren laufenden Serie ist, und gleich zwei Alben widmen sich Walt Disneys Micky Maus, noch dazu in höchst prominenter Besetzung: Den einen hat der ebenso populäre wie poetische Cosey geschrieben und gezeichnet, für den zweiten hat Lewis Trondheim, der Revolutionär unter der mittleren Generation französischer Comic-Künstler, zur Feder gegriffen. Alle sind sie mit diesen neuen Projekten erfolgreicher als mit den eigenen der letzten Jahre.

Pech, dass ein Teil der daraus resultierenden Einnahmen an die Rechteinhaber gehen wird: an den Disney-Konzern und an die Erben des 2001 verstorbenen Morris. Aber immerhin haben sie ihre Genehmigungen erteilt, die weltbekannten Figuren überhaupt benützen zu dürfen. Das hätte es im Falle von Hergés „Tim und Struppi“ oder Goscinny/Uderzos „Asterix“ nie gegeben. Die dritte legendäre Serie der französischsprachigen Comicgeschichte allerdings hat vorgemacht, wie man einem Klassiker neues Blut und vor allem neue Leser zuführen kann: Neben der bereits seit 1938 laufenden Reihe „Spirou“ gibt es seit einigen Jahren Sonderbände, die von prominenten Gastautoren und -zeichnern bestritten werden, und da gleich der erste, Émile Bravos „Porträt eines Helden als junger Tor“ von 2008, ein Sensationserfolg war, ist das Konzept seitdem immer weiter ausgebaut worden – wobei die Qualität unter der Häufung durchaus gelitten hat, der Verkauf aber offenbar nicht. Derzeit sitzt Bravo aber selbst wieder an einem solchen Band, und man hört, es werde sich um ein Werk von mehr als zweihundert Seiten handeln. Unerhört im „Spirou“-Kosmos. Das wird spannend.

Aber auch ohne solche Längenextreme bieten die außerhalb der Reihen laufendenden Bände zumindest vom Üblichen abweichende Formate. Bonhommes „L’Homme qui tua Lucky Luke“ (Der Mann, der Luck Luke getötet hat) etwa hat vierundsechzig Seiten, eines der beiden Standardformate im frankobelgischen Albengeschäft, aber das ungewöhnliche längere, denn alle alten „Lucky Luke“-Episoden sind auf achtundvierzig Seiten ausgelegt gewesen. Durch den zusätzlichen Umfang erzählt Bonhomme ruhiger als Morris oder dessen aktueller Nachfolger Achdé, und Lucky Comics hat als Rechteinhaber Wert darauf gelegt, dass mit diesem Sonderband auch graphisch etwas Besonderes passiert. Bonhommes eher realistisch gezeichneter Lucky Luke knüpft einerseits an jene Phase von Morris an, als der Zeichner in den fünfziger Jahren die erste Unbeholfenheit abgelegt, aber auch noch nicht den flüssigen, uns heute vertrauten Stil der Sechziger und Siebziger gefunden hatte. Andererseits greift Bonhomme in Seitenarchitektur und Farbgebung das Vorbild des berühmtesten aller französischsprachigen Western-Comics auf: Jean Girauds „Blueberry“.

So gelingt ihm das Kunststück, eine ernsthaftere Welt, als sonst in der Serie üblich, mit doch graphisch vertrauten Figuren zu füllen (Leseprobe). Besonders die Nebenfigur Doc Wednesday ist wie aus einem klassischen „Lucky Luke“ entsprungen, während die Familie Bone als Gegenspieler à la Giraud gehalten wird – was sie ungleich bedrohlicher macht als frühere Schurken wie etwa die Daltons. In diesem Band wird auch gestorben, und Psychologie spielt eine wichtige Rolle, aber zugleich ist „L’Homme qui tua Lucky Luke“ die Arbeit eines Liebenden, der die Stimmung der Serie nur um solche Nuancen erweitert, die dem Geist des Originals verpflichtet sind. Bis hin zum Grabstein eines gewissen Morris, „from Bevere“, auf dem Friedhof der Kleinstadt Frog Town, wo das Geschehen angesiedelt ist. Wer weiß, dass der bürgerliche Name des ursprünglichen Zeichners Maurice de Bevère war, kommt hier auf seine Kosten.

Über die Handlung, vor allem natürlich in Bezug auf den Titel, hier kein Wort, denn der Band lebt nicht zuletzt von einer Grundspannung, die just dadurch entsteht, dass es hier tatsächlich um Leben und Tod geht. Auch um Liebe übrigens. Und um eine Lücke in der „Lucky Luke“-Saga, die Bonhomme inhaltlich zwingend schließt: den Übergang vom zigaretterauchenden Cowboy zum strohhalmkauenden. Was in Wirklichkeit die Forderung amerikanischer Sittenwächter war, um ein jugendliches Publikum nicht zum Rauchen zu verführen, wird bei Bonhomme zur freien Entscheidung Lucky Lukes, und es lohnt allein schon deshalb, diesen Band zu lesen.

Eine ähnliche Absicht treibt Cosey mit seinem ebenfalls vierundsechzigseitigen Micky-Maus-Band „Une mystérieuse mélodie“ (Eine geheimnisvolle Melodie) an. Auch er ergänzt ein in der bekannten Saga fehlendes Element: nämlich, wie sich Micky und Minnie kennengelernt haben. Dazu versetzt er das Geschehen ins Jahr 1927, in dem sein Micky Maus als Drehbuchautor für einen Hollywood-Filmmogul arbeitet und sich neuen Herausforderungen stellen muss, die ihn in eine aberwitzige Handlung hineinziehen, die von einem verlorengegangenen Manuskript erzählt. Hier ist die Geschichte weitaus weniger wichtig als bei Bonhommes „Lucky Luke“-Band; Cosey nimmt sie zum Anlass, Szenerien und Figuren vorzustellen, die einem Disney-Liebhaber zutiefst vertraut sind, bis hin zu Goofys erstem Namen Dingo oder dem kleinen Hausboot, auf dem Donald Duck zu ersten Mal gesichtet wurde. Selbst der Titel ist eine Hommage an die Disney-Trickfilmserie „Silly Symphonies“ – wie überhaupt zahllose Dekors und Details, die Cosey in seinen Plot zu integrieren versteht. Das Ganze ist zudem in den flächigen Farben der frühen Comic-Strips gedruckt, und das Personal stammt samt und sonders aus den dreißiger Jahren, überwiegend aus Geschichten von Floyd Gottfredson, dem Meister des damaligen Micky-Maus-Comic-Strips (leider wie auch beim Trondheim-Titel desselben Verlags keine Leseprobe, nur allgemeine Informationen).

Eine ganze andere Comic-Epoche hat sich Lewis Trondheim als Bezugszeit ausgesucht: Er siedelt „Mickey’s Craziest Adventures“ in den sechziger Jahren an und orientiert sich an dem atemlosen Stil italienischer Disney-Geschichten aus jener Zeit, in der er selbst sie als Kind gelesen haben dürfte. Wobei er diesmal nur die Handlung geschrieben und dann einen Zeichner mit der Umsetzung seines Szenarios beauftragt hat: den 1972 geborenen Nicolas Keramidas. Gemeinsam haben sie eine Erzählfiktion ersonnen, die darauf beruht, dass auf einem Flohmarkt einzelne Hefte einer angeblichen amerikanischen Heftreihe namens „Mickey’s Quest“ aufgetaucht sein sollen, deren Episoden nun hier ins Französische übersetzt zum Abdruck kommen – leider unvollständig, da auch immer wieder Lücken in dem aufgefundenen Konvolut bestanden hätten. So kommt auf achtundvierzig Seiten eine Geschichte zum Abdruck, die eigentlich aus zweiundachtzig Episoden bestehen sollte, und die Handlung überspringt immer wieder einiges vom Geschehen, ohne dass man aber Schwierigkeiten hätte, ihm zu folgen. Denn die Story folgt den Gesetzen eines Fortsetzungscomics, die Trondheim meisterhaft einzusetzen weiß.

Bei ihm wird keinerlei Bezug auf Disney-Klassiker genommen, obwohl er selbst den legendären Donald-Zeichner Carl Barks als einen seiner wichtigsten Einflüsse nennt. Immerhin ist Donald Duck hier ständig an Mickys Seite, und mit Dagobert Duck, Daniel Düsentrieb, Gustav Gans, den Panzerknackern oder dem Fähnlein Fieselschweif sind etliche Barks-Schöpfungen in Nebenrollen vertreten. Aber auch Kater Karlo tritt als Nemesis auf und einiges anderes altes Gottfredson-Personal, so dass hier disney-untypisch die beiden Welten von Entenhausen und Mausburg zusammengeführt werden. Das hatten in größerem Stil in der Tat nur die italienischen Zeichner gewagt.

Mit ihren Comics haben sie in den sechziger Jahren zu einem Gutteil das französische „Journal de Mickey“ bestückt, so dass Trondheims Faszination für just diesen überdynamisch-elastischen Stil erklärlich ist. Gleichzeitig treiben er und Keramidas die Erzählfiktion dadurch auf die Spitze, dass sie Flecken auf die Seiten applizieren, das Papier vergilbt drucken lassen, einmal sogar die untere Partie einer Seite als abgerissen fingieren – so, wie ein Zufalls-Comicfund auf dem Speicher eben aussehen mag. Das macht Spaß, doch leider ist Trondheim im Unterschied zu Cosey nichts Rechtes zu den Figuren eingefallen. Außer dass sie aussehen wie Micky und Donald, unterscheidet die Protagonisten nichts von anderen Trondheim-Helden aus dessen ironisch mit Genrekonventionen spielendem Werk. Diese Geschichte hätte vor Jahren auch ein Bestandteil von „Herrn Hases haarsträubenden Abenteuern“ sein können, in denen Trondheim die verschiedensten Erzählgenres parodiert hat.

Aber man kann mit Berühmtheiten wie Lucky Luke, Micky Maus oder Donald Duck selbstverständlich kommerziell gar nichts falsch machen, egal, wie geschickt man zu erzählen weiß. Umso bemerkenswerter, wie grandios es Bonhomme gelungen ist, sein Vorbild zu variieren, und wie hinreißend unschuldig es Cosey gemacht hat. Bei Trondheim merkt man jeder Szene die Metareferenzialität an, aber das ist es gerade nicht, was den Mythos eines Comic-Klassikers ausmacht. Bis man die drei Bände auf Deutsch wird lesen können, dürfte es noch ein paar Monate dauern. „Lucky Luke“ wird gewiss erscheinen, ob Disney aber die zunächst nur für den französischen Sprachraum genehmigte Verwendung seiner Figuren angesichts des Erfolgs auf andere Märkte ausdehnt, ist eine spannende Frage. Nicht nur, weil dann Coseys und Trondheims Geschichten auch deutsch zugänglich würden, sondern weil dann auch für deutsche Zeichner ähnliche Möglichkeiten bestünden. Donald Duck von Flix oder Ralf König? Ein Traum!

Comic-Blog

UnbenanntDie Büchse der „Pandora“ sprudelt reichhaltig
von Andreas Platthaus

In Frankreich gibt es ein neues halbjährlich erscheinendes Comicmagazin, das über große Namen auch große Kunst verheißt. Mit der ersten Ausgabe von „Pandora“ kann man darauf die Probe machen

Die Zeit der großen Comic-Verlagsanthologien schien vorbei, abgelöst durch zahllose kleine Liebhaberprojekte individueller Herausgeber mit durchaus hohem qualitativen Anspruch, aber für die Stars des Metiers gab es keinen rechten Grund mehr, sich darin zu engagieren, weil der sanfte Druck des Verlegers zur Teilnahme fehlte. Allein deshalb schon ist es zu begrüßen, dass mit Casterman ein traditionsreiches belgisches Verlagshaus nun eine neue Anthologie begründet hat. Mutig ist es außerdem, denn wenn selbst der Autorenverlag L’Association seine über Jahre gepflegten Aktivitäten eingestellt hat, musste man befürchten, dass es selbst im französischsprachigen Raum einfach keinen kommerziellen Markt mehr dafür gäbe.

Casterman ist derzeit im Aufschwung, inhaltlich wie ökonomisch, und so versucht man es denn mit einem Schaufenster für die eigenen, aber auch einige fremde Autoren. Und wenn man sich ansieht, wer alles dabei ist, kann man staunen: Katsuhiro Otomo, Art Spiegelman, Blutch, Bastien Vivès (von dem auch das Titelbild stammt), Jacques de Loustal, Jean-Louis Tripp, Lorenzo Mattotti, Killoffer, Brecht Evens, Manuele Fior, David Prudhomme und Jean-Christoph Menu, um nur die allerbekanntesten zu nennen. Frauen allerdings sind kaum vertreten – erstaunlich nach der großen Debatte über die mangelnde Berücksichtigung von Zeichnerinnen, die das diesjährige Comicfestival von Angoulême überschattet hat. Aber da mag sich die Tradition des Verlagshauses auch einmal rächen; man hat dort eben fast nur Männer im Programm.

Dafür trägt die neue Anthologie, die halbjährlich erscheinen soll, den Namen einer Frau: „Pandora“. Da könnte man das Schlimmste befürchten. Welchen Fluch mag ein Magazin dieses Namens wohl auf die Menschheit loslassen? Doch die Bezeichnung verdankt sich nicht der mythischen Pandora, sondern der Comicfigur Pandora Groovesnore aus Hugo Pratts erstem Corto-Maltese-Abenteuer „Die Südseeballade“, einer legendären Casterman-Veröffentlichung, mit der vor vierzig Jahren das Erwachsenenprogramm des Verlags eröffnet wurde.

In „Pandora“ soll es nur abgeschlossene Geschichten geben, und vor allem nur Comics, die noch nirgendwo sonst erschienen sind (zumindest nicht auf Französisch). Allen Genres soll die „Anthologie“ offen stehen, wobei der Untertitel „Bande dessinée et fiction“ Sach- oder Reportagecomics eigentlich ausschließen sollte. In der ersten Ausgabe finden sich denn auch keine. Die Längen der Geschichten sind variabel: Auf den insgesamt 264 farbigen Seiten findet sich vom einseitigen Beitrag Art Spiegelmans, der in gerade einmal zwölf Bildern die Mythen von Sisyphos und Narziss kombiniert, bis zum neunzehnseitigen Comic „Le Rhythme et la raison“ des Italieners Fabio Viscoglioso 27 Geschichten, unter denen sich Preziosen und Talmi einigermaßen die Waage halten. Eine eigene Leseprobe bietet der Verlag nicht an, aber „Le Monde“ durfte drei Geschichten im Netz veröffentlichen, auf die hier verwiesen sei..

Aber dass es überhaupt Juwelen gibt, die ihren Weg in „Pandora“ gefunden haben, ist bemerkenswert genug. Nun wird sich ein Haus wie Casteman Honorare leisten können, und der Marketingaufwand, mit dem „Pandora“ in Frankreich im April lanciert wurde, zeugt sowohl von großzügigem Budget als auch großen Erwartungen. Aber von Otomo eine achtseitige Geschichte zu bekommen, die zudem als Allegorie auf Militärmissionen in fremden Staaten eine brisante Handlung aufweist, dazu gehört etwas. Oder von Tripp eine sehr offenherzige autobiographische Jugendgeschichte, oder von Blutch eine seiner meisterhaften Klassiker-Variationen, in denen er auf fünf Seiten fünf seiner frankobelgischen Vorbilder ehrt: Graton, Hergé, Cuvelier, Martin und Jacobs.

Ein Comic trägt den Titel „Die Büchse der Pandora“, ist aber ausgerechnet der einfallsloseste, weil Valérie Mangin, Roman Toulhoat und Denis Bajram eine Geschichte erdacht haben, die nicht nur deshalb wenig Koheränz besitzt, weil mitten drin Autor und Zeichner wechseln. Zu oft hat man die Pointe des Übergangs einer Fantasyhaltung in ein Computerspiel und dann ins kosmisch Allgemeine gesehen, als das ausgerechnet bei der mythischen Pandora-Büchse diese Handlung zwingend wäre. Und da antike Mythen ohnehin die häufigste Inspirationsquelle für die Zeichner dargestellt haben (vielleicht alles angeregt durch den Namen der neuen Anthologie), stellt sich hier zusätzliche Ermüdung ein.

Wie man das besser macht, zeigt Killoffer mit „Von Charybdis nach Skylla“, einem ziemlich dreisten Gag auf eigene Kosten, oder die Amerikanerin Eleanor Davis mit „In unserem Eden“. Wobei Letztere nicht nur eine der raren Frauen in „Pandora“ ist, sondern auch eine der auffällig wenigen Amerikaner. Noch beschränkt sich die Auswahl der Beiträger weitgehend auf den französischen Sprachraum, ein paar kommen noch aus Europa, dann ein Japaner und zwei Amerikaner, aber die Welt bietet für eine ambitionierte Comicanthologie noch viel mehr. Und der beste Beitrag kommt in der tat auch nicht aus Frankreich oder dem französischsprachigen Belgien, sondern von dem Flamen Brecht Evens, der auf zur zwei Seiten eine Totenklage inszeniert, die ans Herz und an die Nieren zugleich geht. Meisterhaft.