Was für ein komischer Preis!

86cbaeb0-96ae-407d-8cfe-6f0f15f5cb61Nur noch wenige Wochen, dann wird der nächste Sondermann-Preis für außerordentliche Leistungen auf dem Gebiet der komischen Kunst vergeben.

Traditionell findet der Festakt am 11.11. (dem Geburtstag von Bernd Pfarr) im Rahmen einer großen Spenden-Gala statt. So wie im vergangenen Jahr, als der einzigartige Zeichner und Maler Michael Sowa die einzigartige Auszeichnung erhielt.

Frau Gabriele Roth-Pfarr überreichte ihm eine Sondermann-Skulptur aus eitel Gießharz. Und als ob das noch nicht genug wäre, bekam der überraschte und schwer gerührte Berliner Künstler noch 5000 Euro. Den Förderpreis in Höhe von 2000 Euro erhielt der förderungswürdige Leonard Riegel und das begehrte Sondermann-Stipendium ging an Ella Carina Werner. Die von Oliver Maria Schmitt moderierte Preisverleihung fand in einem würdigen Rahmen im Frankfurter Mousonturm statt.

Der Künstler Jens Friebe trug einige stimmungsvolle Lieder zur Gitarre vor und der gefeierte Berliner Autor Horst Evers verlieh dem Abend als Stargast zusätzlichen Glanz. Er zeigt schon länger seine besondere Verbundenheit mit den Zielen des Sondermann-Vereins, indem er für die meisten seiner Buchcover ein Motiv von Bernd Pfarr gewählt hat. Der Abend endete mit zwölfminütigen stehenden Ovationen, standesgemäßem Feuerwerk und Konfettiregen. Viele Sondermann-Fans mussten draußen bleiben, denn die denkwürdige Veranstaltung war wie üblich in wenigen Stunden ausverkauft. Sichern Sie sich deshalb so früh wie möglich eine Karte, wir informieren Sie, sobald der Vorverkauf begonnen hat.

Comic-Blog

unbenanntMadame la Présidente Le Pen
von Andreas Platthaus

Francois Durpaire wagt in seinem von Farid Boudjellal gezeichneten Comic „Die Präsidentin“ eine Prognose für die französische Präsidentschaftswahl 2017. Wehe uns und Frankreich, wenn das so käme

Ein prophetischer Comic? Gab es das schon einmal? Über „Eternauta“ von Hector Gérman Oesterheld ist das jüngst wieder gesagt worden, als diese argentinische Geschichte aus den späten fünfziger Jahren erstmals auf Deutsch erschien. Zu genau hatte Oesterheld darin die Atmosphäre der Angst und des Terrors vorweggenommen, die fast zwanzig Jahre nach Erscheinen von „Eternauta“ unter der Junta in Argentinien herrschen sollte. Aber dass Oesterheld selbst verschleppt wurde und seitdem verschollen ist, seine vier Töchter erschossen wurden – das hätte sich niemand träumen lassen, auch nicht nach der skeptischsten Lektüre des Dystopie „Eternauta“. Er wollte ja auch gar nichts vorhersagen, sondern nur eine abenteuerliche Geschichte erzählen.

Bei „Die Präsidentin“ verhält sich das anders. Deren Szenarist Francois Durpaire hat den Ehrgeiz, eine Prognose zu erstellen für den Ausgang der kommenden französischen Präsidentenwahl und der daraus resultierenden Ereignisse. Vier Prämissen zählt er im Vorwort auf, die erfüllt werden müssten, um seine Vorhersage eintreten zu lassen: „Erstens, Nicolas Sarkozy gewinnt die Vorwahl bei den Rechten; zweitens, es gibt eine starke Kandidatur der Mitte, das heißt eine zweite Kandidatur im Lager der Republikaner; drittens, Sarkozy wird infolge dieser Spaltung der Rechten chancenlos, die aber, viertens, auch dazu führt, dass keine Stimmen aus dem bürgerlichen Lager an den Kandidaten der Linken, Francois Hollande, gehen.“ Dann werde Marine Le Pen siegreich aus der Präsidentschaftswahl hervorgehen.

Die erste Bedingung scheint sich zu erfüllen, denn Sarkozy hat seine Kandidatur angekündigt; dass er Konkurrenz aus der eigenen bürgerlichen Rechten bekommen wird, dürfte auch so gut wie sicher sein. Unwahrscheinlich scheint derzeit von den vier Bedingungen nur die zu sein, die Durpaire sicher für die am leichtesten vorhersagbare hielt, als er das Vorwort vor fast einem Jahr verfasste: dass Francois Hollande für die Sozialisten antreten wird. Der amtierende Präsident ist so unpopulär, dass er nicht einmal sicher in die Stichwahl von 2017 zu kommen hoffen dürfte. Dadurch könnte sich der Lauf der Dinge ändern, denn Marine Le Pen hätte in der Stichwahl gegen einen Kandidaten der (weniger) Rechten wohl keine Chance.

Aber schon die Tatsache, dass man fast sicher damit rechnen muss, dass die Kandidatin des Front National die Stichwahl erreichen wird, zeigt, wie nahe das Modell von Francois Durpaire der Realität ist. Gemeinsam mit dem Zeichner Farid Boudjellal hat er im vergangenen Herbst für Furore gesorgt, als in Frankreich der Comic „La Présidente“ erschien – auf dem Cover eine breit lächelnde Marine Le Pen in der Pose, die sie für das Porträtbildnis wählen wird, das nach ihrer Wahl in allen französischen Amtstuben zu hängen hat. Dieser Comic wurde ernst genommen bei unseren Nachbarn, weil er ungeachtet seiner spannenden Rahmenhandlung um eine kleine Gruppe, die zivilen Widerstand gegen Le Pens Politik leistet, höchst sachlich Vermutungen zusammenträgt, wie die Dinge laufen könnten, und sie dann in eine Chronik der Ereignisse des Jahres 2017 verwandelt. An dessen Ende ist das Spiel offen: nicht gewonnen für den Front National, aber eben auch nicht verloren.

Dass der Band jetzt auf Deutsch erscheint (beim Verlag Jacoby und Stuart) und zudem der Frankreich-Kenner Ulrich Wickert ein Vorwort beigesteuert hat, zeigt, wie ernst man seine Erzählung auch hierzulande unter Experten nimmt. Durpaire konnte bei Abfassung seines Szenarios das Ergebnis des Brexit-Votums noch nicht kennen; in der deutschen Übersetzung ist es eingearbeitet, und dadurch wird der Lauf der Dinge noch plausibler. Alle Akteure auf dem politischen Feld sind reale Figuren, man wird also deren Verhalten im Licht des Comicgeschehens in der nahen Zukunft überprüfen können. Dass Marine Le Pens Vater als ehemalige Galionsfigur des Front National bald nach dem Wahltriumph seiner Tochter stirbt, ist natürlich gewagte Fiktion, aber mit dem für ihn ausgerichteten Staatsbegräbnis findet Durpaire ein starkes Symbol für die neue herrschende Klasse – und einen deutlichen Bezug zur Anfangszeit des „Dritten Reichs“, das Hindenburgs Tod zum Anlass eines Staatsakts machte, in dem das neue Selbstverständnis von Herrschaft vorgeführt wurde.

Gegen die komplexen und genau recherchierten Darstellungen der politischen Akteure wirken die Widerstandskämpfer wie Klischees. Eine über neunzigjährige Resistance-Veteranin ist der Spiritus rector, unter ihren Verbündeten ist eine bildhübsche Migrantin, die natürlich irgendwann deportiert wird. Aber selbstverständlich kann sich Frankreich nicht zur Gänze unheroisch zeigen, und wenn’s der Aufklärung dient, möge es eben so sein. Boudjellals Schwarzweißzeichnungen mit Graustufe simulieren dokumentarische Berichte und taugen dank ihrer vor allem auf Porträtähnlichkeit ausgerichteten Ästhetik (französische Leseprobe hier). Wer allerdings große Polit-Comics à la Tardi oder Blain erwartet, in denen die Graphik auf einer Höhe mit den Texten steht, der wird hier enttäuscht. „Die Präsidentin“ lebt von ihrem Stoff, nicht von ihrer Form.

Mit diesen 150 dichten Seiten wird man die kommenden siebeneinhalb Monate bis zur französischen Präsidentschaftswahl vergleichen müssen. Hoffentlich die darauf folgenden sieben bis zum Dezember 2017 nicht auch noch.

Comic-Blog

UnbenanntAbstrakter Krieg erschreckt genauso
von Andreas Platthaus

Ein erstaunliches Buch: Sebastian Rether widmet den Erinnerungen seines rumänischen Großvaters an den Zweiten Weltkrieg einen Comic, der bei aller Reduktion so brutal und unerträglich ist wie die klassischen Arbeiten zum Thema.

Vor vielen Jahren, genauer gesagt mehr als einem Vierteljahrhundert, publizierte Lorenz Mattotti sein Comicalbum „Feuer“ über den Ersten Weltkrieg, im Original „Fuochi“. Danach war der italienische Zeichner berühmt, denn was er da mit Farben und Formen anstellte, hatte man noch nicht gesehen. Und es trieb Mattotti dazu, sich in der Folge auch als Schwarzweißkünstler zu beweisen, um nicht ausrechenbar zu sein. So erwuchs aus dem „Feuer“-Ruhm eine der bemerkenswertesten Comic-Karrieren der Welt.

Jetzt erschient ein weiterer Band mit dem Namen „Feuer“, aber er kommt als das genaue Gegenteil von Mattottis Werk daher: Sebastian Rether, geboren 1985, legt seine Geschichte als kleinformatiges Buch (Graphic-Novel-Format schimpft man das im Buchhandel) an, alles ist schwarzweiß, die Geschichte spielt im Zweiten Weltkrieg, und statt graphischem Detailreichtum, der die Seiten schier bersten lässt vor Energie, ist hier alles ganz reduziert. Dabei wird den meisten Bild eine ganze Doppelseite eingeräumt, aber die riesigen Weißräume um die filigranen Tuschezeichnungen, deren Abstraktionsgrad erstaunlich an das französische Zeichnerduo Ruppert & Mulot erinnert, sollen bewusst Lücken deutlich machen. Denn es geht um die lückenhaften Erinnerungen des Großvaters von Rether, der als Siebenbürger auf rumänischer (und damit auch deutscher) Seite im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront kämpfte. Deshalb heißt der Band auch nicht nur „Feuer“, sondern auch „Foc“. Das ist das rumänische Wort für Feuer.

Das in der Edition Büchergilde erschienene Buch ist wunderschön gestaltet, mit einem wie aus Washi-Papier geklebten Umschlag und in sachlicher Grotesk-Typographie gesetzt, übrigens größtenteils auch im Inneren, das wenig Text enthält. Der besteht zu wesentlichen Teilen aus kargen Erinnerungsfetzen des Großvaters, wie Bildbeschriftungen in einem Fotoalbum. Nur selten sprechen die Protagonisten, und dann hat Rether das in Schreibschrift gehalten. Die großväterlichen Textblöcke wiederum scheinen manchmal zu schwanken, als suchten sie nach ihrer Bestätigung. Ortsbeschilderungen wiederum etwa sind in einem nahezu unleserlichen Krikelkrakel gehalten, das auf die Probleme der Invasionstruppen bei der Lektüre kyrillischer Buchstaben verweist. Was man mit Schrift in Comics alles machen kann, ist bemerkenswert.

Ist es überhaupt ein Comic? Seitenarchitektur, könnte man meinen, existiert nicht, wo jede Doppelseite im Regelfall nur aus einem Bild besteht (und der 360 Seiten umfassende Band also auch nicht mehr, sondern eher weniger Bilder umfasst als ein stinknormales 48-Seiten-Album). Aber wie Rether diese feinlinigen Motive auf der weißen Fläche arrangiert, das hat mindestens so viel Überlegung gekostet wie ein aufwendiges Layout. Dass die geradezu blendende Leere die Weite des russischen Winters evoziert, ist natürlich gewollt.

Gesichter gibt es kaum in „Foc – Feuer“, die Flächen unter den Stahlhelmen bleiben meist blank. Nur gelegentlich sind einzelne Protagonisten als Hunde (der Großvater selbst etwa) oder schildkrötenähnliche Wesen gestaltet, einmal laufen Soldaten wie Strichmännchen durchs Bild. Dagegen sind Pferde oder Kühe nahezu naturalistisch gehalten – als könnte sich der Erzähler Tiere viel besser merken als Menschen.
Es ist die Geschichte eines Davongekommenen, und sie erzählt mit jenen schlichten Mitteln, die große Erlebnisse besser vertragen als hohes Pathos. In 26 Kapiteln werden oft belanglos erscheinende Begebenheiten geschildert, die aber für den naiven Soldaten, der da berichtet, Bedeutung durch ihre Fremdartigkeit besitzen. Kriegsvoyeurismus dagegen gibt es nicht, die Schrecken spielen sich in unserer Phantasie ab, wir können sie uns in die Weißräume hineindenken, deren klinische Sauberkeit wie ein Hohn auf Blut und Schmutz der Kriegsführung erscheint.

Und damit fügt Rether der bereits eindrucksvollen Reihe von Comic-Klassikern zum Thema Krieg (Tardis „Grabenkrieg“, Spiegelmans „Maus“, Guiberts „Alans Krieg“, um nur die Allerbesten neben Mattottis „Feuer“ zu nennen) eine weitere, nein: nicht schillernde, sondern eben bewusst bescheiden auftretende Facette hinzu, die aber mit Mitteln arbeitet, die auch von Grosz oder Dix entlehnt sein könnten, von jenen Künstlern also, die so wichtig für die genannten Comic-Legenden waren, ohne dass die sich des graphischen Geschicks dieser Vorläufer so subtil bedient hätten, wie „Foc – Feuer“ es tut.

Comic-Blog

UnbenanntDortmund im Schatten des Hakenkreuzes
von Andreas Platthaus

Tief im Westen ist es schlechter, viel schlechter, als man glaubt: Nils Oskamps autobiographischer Comic „Drei Steine“ erzählt über die Anwerbung von Neonazis und deren Methoden in einer Realschule der achtziger Jahre
 
Würde Nils Oskamp, ein 1969 im Ruhrgebiet geborener Comiczeichner, nicht mit so großer Verve für die Authentizität der von ihm erzählten Geschichte einstehen, man könnte kaum glauben, was in „Drei Steine“ geschildert wird. Da wird Oskamp, damals vierzehn Jahre alt, in aller Öffentlichkeit zusammengeschlagen, und niemand kümmert sich darum. Da lässt ein ewiggestriger Musik- und Geschichtslehrer seine Klasse das Deutschlandlied singen und bedauert, dass die erste Strophe verboten sei – bevor er Strategien ersinnt, wie die Schlacht von Stalingrad doch zu gewinnen gewesen wäre. Da will die Leitung einer Realschule nichts von Übergriffen durch Neonazis auf dem Schulgelände hören und schickt dem verprügelten Oskamp einen Tadel wegen Zuspätkommens nach Hause. Da hören nicht einmal seine Eltern Oskamp zu. Und da liest der schon damals von Comics begeisterte Schüler gegen das Verbot seiner Lehranstalt „Asterix“ und findet dort im Gotenband einen Dialog, den er dreißig Jahre später dem eigenen Sohn vorliest: „Ich dachte, die Römer spinnen, aber die Goten spinnen noch viel mehr.“ „Du hast recht, Obelix, ich möchte an diese Idioten keinen Zaubertrank verschwenden, hau sie um!!!“

Jeder Asterix-Kenner weiß, dass es diesen Dialog nicht gibt. Und daran kann auch Oskamps Emphase nichts ändern. Warum erfindet er diese Textpassage? Weil Spott über die Deutschen, oder besser gesagt: über deutschen Nationalismus, mehr als angebracht ist angesichts seiner Erlebnisse mit der Dortmunder Neonazi-Szene, und wenn ihm darin seine Lieblingscomicserie bespringt, umso besser. Aber warum dann nicht ein authentisches „Asterix“-Zitat nehmen, wo es doch im Goten-Band fürwahr genug Szenen gibt, in denen sich die Deutschen lächerlich machen („Die anderen Chefs lachen“)? Zumal derart leicht nachprüfbare Fehlzitate doch die ganze Glaubwürdigkeit von „Drei Steine“ diskreditieren.

Aber Neonazis lesen „Asterix und die Goten“ mutmaßlich nicht, und wenn sie den im Panini Comicverlag erschienenen „Drei Steine“ lesen sollten, dürften sie auf eine Geschichte stoßen, die sie nicht bestreiten können. Denn dem eigentlichen Comic folgt eine umfangreiche Dokumentation der neonazistischen Umtriebe in Dortmund von den siebziger Jahren bis heute, und dass es in dieser Stadt diesbezüglich hoch hergeht, hat ja vor Jahresfrist auch schon David Schravens fulminanter semidokumentarischer Comic „Weisse Wölfe“ belegt. In gewisser Weise liefert Oskamp nun die Vorgeschichte dazu, denn in „Drei Steine“ wird die Keimzelle für das Aufblühen der Dortmunder Neonazi-Szene beschrieben: die Rekrutierung von Schülern, die dann in ihrem Umkreis Furcht und Schrecken verbreiten und dank des Desinteresses oder gar der Unterstützung von  Erwachsenen keine Nachteile befürchten müssen. Es sei denn, jemand ließe sich nicht so einfach unterkriegen.

Der Nils des Comics ist so ein Unbeugsamer, er bietet den Rechtsextremen nicht nur verbal, sondern auch körperlich Paroli. Die Kraft zum Widerstand zieht er aus dem Wissen um die Ereignisse im „Dritten Reich“. Wer sie ihm vermittelt hat, bleibt leider unbekannt, denn die Schule war es ja wohl nicht. Wobei im Comic zwei Geschichtslehrer von Nils auftreten, und einer von ihnen macht die Schoa zum Gegenstand seines Unterrichts. Wieso dann der Musiklehrer in der Klasse auch noch Geschichte lehrt, ist schwer verständlich.

Es gibt leider viele solche Nachlässigkeiten in der Konstruktion des heroischen Plots, die einem der sieben im Impressum genannten Lektoren ebenso hätten auffallen können wie den weiteren drei „Supervisoren“ (was auch immer sie getan haben). Aber alle waren offenbar ebenso fassungslos über die eigentliche Geschichte wie ich, weil man derartige Geschehnisse  gar nicht glauben will. Zu Oskamps Realschulzeiten war auch ich Schüler in Nordrhein-Westfalen, und es gab in meinem ländlichen Städtchen nichts Vergleichbares. Aber das, was Oskamp erlebt hat, ist tatsächlich überprüfbar, bis hin zu konkreten Beteiligten, die in diesem Comic auftreten. Und manchmal lässt man sich von einer guten Absicht zu sehr ablenken, als dass man noch auf die handwerklichen Details einer Comicerzählung achten würde.

Die Absicht verdient deshalb hier mehr Respekt als die Ausführung. Denn wie in „Drei Steine“ erzählt wird, das ist eher schlicht geraten, vor allem wenn man es mit dem erst kürzlich erschienenen Band „Fahrrad-Mod“ von Tobi Dahmen vergleicht, der zwar nur nebenher vom Erstarken einer rechten Szene (am Niederrhein, also nicht weit weg von Dortmund) erzählt, aber das sehr viel subtiler tut. Bei Oskamp sind die Rollen derart in Schwarz und Weiß oder noch besser gesagt: Braun und Weiß geschieden, bis hin zur Kleidung der Protagonisten, dass man das zugrundeliegende Geschehen wahrnimmt wie ein Lehrstück, bis hin zur überraschenden Rettung in letzter Sekunde durch einen geläuterten Mitschüler oder die Selbsterkenntnis, dass der Weg der Gewalt eine Sackgasse ist.
Aber dabei muss man eben im Auge behalten: So ist es gewesen. Oskamp dokumentiert sogar fotografisch, wie er selbst 2011 den dritten der drei Steine, die dem Comic den Titel geben, in der Holocaust-Gedenkstätte von Yad Vashem abgelegt hat; mit dem ersten der von einem Dortmunder jüdischen Friedhof mitgenommenen Steine hatte der vierzehnjährige Nils einen Angreifer beworfen, mit dem zweiten einem anderen fast den Schädel eingeschlagen – ehe sich der Schüler besann und es bei der Drohung beließ. So werden die drei Steine zum Lernprozess: Auf Selbstverteidigung folgen Vernunft und Erinnerung. Alle drei zusammen ergeben die von Oskamp empfohlene Abwehrstrategie gegen rechte Überzeugungen.

Eingebettet ist diese Erinnerung ans Jahr 1983/84 in eine Rahmenhandlung, die Oskamp im Gespräch mit seinem kleinen Sohn zeigt. Diese Passagen sind in einem warmen Bronzeton gehalten, während die Schilderungen  aus der Vergangenheit in kaltes Blaugrau getaucht sind (hier zu sehen). Aber wenn Nils zusammengeschlagen wird, bekommt sein Blut rote Zusatzfarbe spendiert; die rechten Aggressoren, denen es auch nicht immer gut ergeht, müssen darauf verzichten. Ja, dieser Comic ist einseitig bei der Nutzung seiner erzählerischen Mittel. Dass das die gute Seite stärkt, ist erfreulich, aber man hat es hier doch nicht mit einem manichäischen Superhelden-Comic zu tun. Das wahre Leben verlangt nach komplexeren Darstellungen.

Der Anhang, in dem Alice Lanzke von der Amadeu-Antonio-Stiftung, die sich gegen rechte Gewalt einsetzt, die Entwicklung der Dortmunder Neonazi-Szene Revue passieren lässt, löst das besser ein als der vorangegangene Comic, obwohl auch hier ganz klar Position bezogen wird. Daran gäbe es auch gar nichts zu kritisieren; was stört, ist, wie leicht sich Nils Oskamp als Autor die Sache macht. Damit will ich auch nicht die fast hundertzwanzigseitige Geschichte kleinreden, wohl aber dafür sensibilisieren, dass eine eindeutig positiv zu bewertende moralische Haltung nicht der Sorgfalt beim Erzählen enthebt.

Comic-Blog

UnbenanntSchöner kann es am Meer selbst nicht sein
von Andreas Platthaus

Wollen Sie einen richtig preiswerten Strandurlaub mit allen Schikanen erleben? Dann geben Sie 24 Euro für den meisterlichen Comic „Rein in die Fluten!“ aus

Am vergangenen Wochenende feierte der Berliner Reprodukt Verlag seinen 25. Geburtstag, und ein schöneres Geschenk konnte er sich selbst (und uns) kaum machen als den Band „Rein in die Fluten!“ Geschrieben, aber auch mitgezeichnet hat ihn Pascal Rabaté, einer der besten französischen Szenaristen (und Zeichner); gezeichnet, aber auch mitgeschrieben David Prudhomme, einer der besten französischen Zeichner (und Szenaristen). Gemeinsam sind sie ein Traumduo, wie sie vor einigen Jahren bereits mit ihrer Kooperation „Die Plastikmadonna“ bewiesen haben.

Allerdings muss man sagen, dass sich dieser damals bei Carlsen erschienene wunderbare Comic, der den französischen Alltag am Beispiel einer angeblichen Wundererscheinung auf höchst skurrile und amüsante Weise unter die Lupe nahm, in Deutschland miserabel verkauft hat. Umso wichtiger und leider auch mutiger, dass Reprodukt nun den zweiten Band der beiden herausbringt. Aber da die Solowerke der Autoren (jeweils sensationell: „Rembetiko“ und „Einmal durch den Louvre“ im Falle Prudhommes sowie „Bäche und Flüsse“ von Rabaté) ohnehin schon ihre deutsche Heimat bei dem Berliner Verlag gefunden haben, ist die Übernahme des Gemeinschaftsalbums nur konsequent.

120 Seiten lang ist es, und es erscheint im richtigen Moment, zum Beginn des Sommers. Denn in „Vive la marée“ (wörtlich „Es leben die Gezeiten“, aber auch „Hoch lebe die Flut“ im Sinne von Menschenmassen), wie der Comic im Original heißt, geht es um Strandurlaub. Der deutsche Titel ist etwas ranschmeißerisch, hat dafür aber ein subtileres Umschlagbild, auf dem man etliche Schwimmer aus Unterwasserperspektive sieht, darunter ein Paar, das sich in einer Pose umarmt, die Prudhomme einer Gemäldeserie des italienischen Kollegen Lorenzo Mattotti abgeschaut hat. Dieser augenzwinkernde Gruß ist das I-Tüpfelchen eines Buchs, das unter anderem eben auch eine gigantische Hommage ist.

Allerdings nicht an einen anderen Comic, sondern an einen Film: Jacques Tatis „Ferien des Monsieur Hulot“. Nicht, dass Rabaté und Prudhomme Figuren, Handlungsort oder Verlauf zitierten, aber sie übernehmen das wichtigste dieses Films: die Struktur. Wie bei Tati wird die große Strandgesellschaft individualisiert, und wir verfolgen in winzigen Episoden mit immer neuen Konstellationen das Geschehen am Meer. Dabei geben die Figuren gewissermaßen nach ein, zwei Seiten den Staffelstab an andere Protagonisten ab, quasi im Vorbeigehen, indem plötzlich die Aufmerksamkeit bei einem anderen Badegast hängenbleibt und man ihn für eine Weile verfolgt. Und es passiert ähnlich wenig im Comic wie in Tatis Film, doch es ist genauso komisch und entlarvend.

Wie in „Die Ferien des Monsieur Hulot“ beginnt alles mit der Anreise (Leseprobe hier), wahlweise mit Auto oder Zug, und schon durch die Verhaltensweisen der Beteiligten dabei werden sie charakterisiert: als Angeber, Geizhälse, Querulanten die Erwachsenen, während die Kinder als unschuldige Staffagefiguren fungieren, die zwar bisweilen selbst die Handlung vorantreiben, aber nie jene Blasiertheit oder Arroganz zeigen, die ihre Eltern auszeichnet. Den unschuldigen Tor allerdings, wie Hulot es ist, den gibt es hier nicht. Als einzige rundum sympathische Handlungsträger treten lediglich zwei Anstreicher auf, die den ganzen Tag lang mit dem Lackieren von Metallzäunen beschäftigt sind. Man darf darin wohl ein Selbstporträt von Rabaté und Prudhomme erkennen.

Was den Comic aber erst zur veritablen Meisterleistung macht, ist die graphische Konzeption. Dass sich ein Strand ideal zur Inszenierung einer Comicgeschichte eignet, ist evident: Vor der weiten weißen Fläche zeichnet sich das Geschehen im buchstäblichen Sinne perfekt ab. Zudem aber wählen die beiden Autoren für ihre Geschichte höchst ungewöhnliche Perspektiven, nämlich meist die von am Strand Liegenden, also aus extremer Untersicht, verbunden mit Überlagerungen von Bildebenen, die kleine Elemente im Vordergrund in optischen Gleichklang mit größeren weiter hinten bringen. Das schönste Beispiel ist die Ankunft eines ebenso dick- wie weißbäuchigen Herrn am FKK-Strand, den er über eine Düne zu erreichen scheint, die sich durchs Wegzoomen der Betrachterposition als unbekleideter Körper einer jungen Frau erweist. Oder ein kleines Mädchen kadriert mit den Fingern einzelne Badeszenen zu Bildern auf einem imaginierten Smartphone, die es dann beliebig vergrößern oder verkleinern kann. Und das Tolle ist, dass die Comicbilder dieses Spiel mitzumachen scheinen, bis dann doch einmal eine Wischbewegung des Kindes scheitert und die Illusion zerstört.

Klüger ist seit vielen Jahren kein Comic mehr in Szene gesetzt worden, und wenn man überhaupt ernsthafte Vorläufer oder Konkurrenz nennen sollte, so müsste man wohl auf Erzählrevolutionäre wie Marc-Antoine Mathieu oder David B. verweisen. Im Mainstreamcomic aber, und dazu zählt „Rein in die Fluten!“, der sich im vergangenen Jahr in Frankreich exzellent verkauft hat (glückliches Comicland!), hat es eine so ausgefuchste Verschränkung von Verlauf und Visualisierung noch nicht gegeben. Und die Dialogregie in der gewohnt sorgfältigen Übersetzung von Uli Pröfrock tut das Ihrige dazu, dass man staunend weiterliest, denn wie es Rabaté und Prudhomme gelingt, sowohl das dauerhafte Gemurmel des Strandlebens wie die Freudenjauchzer und Zurufe abzubilden, das wäre eine eigene Analyse wert. Dieser Comic führt so ziemlich alles vor, was man überhaupt graphisch erzählen kann.

Doch nichts davon wirkt aufgesetzt oder gar manieriert. Dieser Comic, der nur einen einzigen heißen Sommertag porträtiert, aber dabei gleich Dutzende von Menschen und deren Marotten, verhält sich in der Erzählhaltung so selbstverständlich wie die Flut am Strand selbst. Immer wieder rollen deren Ausläufer an, ziehen sich scheinbar wieder zurück, und setzen doch schließlich alles unaufhaltsam unter Wasser. Auch dieser Geschichte kann man nicht entkommen.

Wir sehen die Rentner und die Tätowierten, die Sportler und die Sonnenanbeter, die Schönen und die Schlaffen, die Dreisten und die Scheuen, die Frauen und die Männer, die Menschen und die Tiere. Wir sehen einen Badeort, als bewegten wir uns mit den Protagonisten durch dessen Straßen. Und wir sehen nicht nur den Strand, wir fühlen, riechen, hören ihn. Und irgendwo mittendrin sind auch wie selbst. Man muss nur sehr genau hinsehen, -fühlen, -riechen, -hören. Aber das ist ein einziges Vergnügen. Herzlichen Glückwunsch dem Verlag und den Lesern dieses Comics.

Sondermann spielt Fußball I

Noch 147 Tage bis zur Sondermann-Gala!
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Comic-Blog

UnbenanntÖko-Superkräfte
von Andreas Platthaus

Der Italiener Federico Cacciapaglia macht sich mit „Die Growls“ über den Massenkonsum und die alternative Lebensweise zugleich lustig

„Jaja“ ist einer jener rührigen Kleinverlage, die dafür gesorgt haben, dass neben den etablierten Zeichnern auch der Nachwuchs in Deutschland seine Form bekommt. Das jüngste Produkt des von Annette Köhn 2011 in Berlin-Neukölln gegründeten Verlags stammt allerdings von einem italienischen Zeichner: Federico Cacciapaglia, geboren 1987 in Rom, allerdings seit einigen Jahren in Berlin ansässig. Als Pseudonym hat er sich „Café“ ausgesucht, und sein Mitautor, Arturo Martinini, nennt sich Art, obwohl er mit dem Zeichnen gar nichts am Hut hat. Gemeinsamen haben sie einen schwarzweißen Band herausgebracht, der „Die Growls“ heißt.

Vertraute des Comic-Idioms werden in diesem Titel einen typischen Knurrlaut wiedererkennen und somit darauf vertrauen, dass es einigen Ärger in der Geschichte gibt. Genauso ist es. Zu beginn landen drei Eskimos an einem tropische Strand neben einem Kühlschrank, der dort im Sand steckt wie der schwarze Monolith zum Anfang von Stanley Kubricks Spielfilm „2001 – Odyssee im Weltall“, und durch eine Art Pflanzenzauber lassen sie drei Lebewesen entstehen, die in ihren Eigenschaften gewisse Verwandtschaft mit den Digedags haben. Das aber sind die Growls.

Sie wissen es nur noch nicht. Was sie indes wissen, ist, dass sie Hunger haben. Doch im Kühlschrank ist nichts. Also geht der drei namenlosen Neugeborenen zum nächsten Supermarkt, begegnet aber auf dem Rückweg dem Bio-Mann, der ihn von den Vorzügen biodynamischer Ernährung überzeugt. Bei der Einnahme eines natürlich erzeugten Nahrungsmittels wird aus dem kleinen Wesen ein großer Kämpfer, ein Growl, während beim Verzehr der Massenware aus Essern eine Spezies wird, die als kleine Totenköpfe mit offenliegendem Hirn gezeichnet sind und „Consumx“ genannt werden. Haben wir es bei „Die Growls“ also mit einem agitatorischen Comic für gesunde Ernährung zu tun?

Keineswegs, denn Cacciapaglia und Martinini machen sich einen Spaß daraus, die heldenhaften drei Kobolde zum leicht manipulierbaren Gefolge von allerlei Gutmenschen zu machen. Die drei Eskimos treten immer wieder einmal als mystisch-gutes Gewissen des Planeten auf, ohne aber mehr als per Flaschenpost zugestellte Handlungsanweisungen zu liefern. Außerdem gibt es neben Bio-Mann noch einen Reporter-Aktivisten und einen Veganer, die sich sämtlich für eine bessere Welt einsetzen, das aber ohne jede Rücksicht auf Vernunft oder andere Akteure tun. Die drei Growls werden so zu leicht lenkbaren Kampfmaschinen, die wie in einem sehr schlechten Superheldencomic ständig gegen die skrupellosen Consumx antreten, die sich darin gefallen, alles, was spirituell Bewegten viel bedeutet, zu vernichten, seien es Delphine, Tibet, Pandas, Eisbären oder Wale.

Der Umgang des Comics mit diesen Ikonen des schlechten Weltgewissens ist höchst drastisch. Hinter dem kindgerecht scheinenden Zeichenstil von Cacciapaglia verbirgt sich ein graphischer Zynismus, der dieses Heft zu allem anderen als niedlicher Lektüre macht. De Gedankenlosigkeit der drei Helden ist bemerkenswert – so schmachtet etwa über die ganze Länge des Comics der letzte lebende Delphin in einer Zinkwanne, die nur ein paar Meter vom Meer entfernt steht, vor sich hin und will einfach nur sterben, doch man lässt ihn nicht. Ungeachtet seiner hell und leicht wirkenden Bilder wird die Geschichte tiefschwarz erzählt. Es ist, als hätte James Woodring für „Mad“ gezeichnet. Wer es sich ansehen will, findet hier Anschauungmaterial.

Eine politische Haltung gibt es in diesem Öko-Superheldencomic nicht. Die Generation von Cacciapaglia ist zwar politisch engagiert, aber nicht dogmatisch. Sie lässt sich nicht vereinnahmen für die weltverbessernde Propaganda einer bestimmten Lebensweise, sondern macht sich munter sowohl über die Vertreter traditioneller Ökonomie wie Ernährung wie über die messianischen Parolen alternativer Entwürfe lustig. Das macht „Die Growls“ nicht eben leicht zu lesen, denn wann immer man glaubt, eine Haltung darin gefunden zu haben, wird einem neu der Boden unter den Füßen weggezogen. Wenn man das aber einmal als Erzählprinzip erkannt hat, wird aus Cacciapaglias Band ein wunderbares Spiel mit unseren Erwartungen, Klischees und Erfahrungen. Hochkomisch ist das.

Noch 156 Tage bis zur Sondermann-Verleihung!

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Comic-Blog

UnbenanntLahmer, tiefer, kürzer?
von Andreas Platthaus

Legende allein genügt nicht: Die Comicbiographie über den tschechischen Wunderläufer Emil Zátopek hat ein paar Schwächen zu viel

In meiner Kindheit gab es im Gästezimmer einer Großtante, bei der ich manches Wochenende verbringen durfte, ein Buch, an dessen Titel ich mich nicht erinnere, das aber großen Persönlichkeiten des Sports gewidmet war: unter anderen Toni Sailer, Jochen Rindt, Armin Harry, Max Schmeling, Cassius Clay (damals war Muhammad Ali als sein Name noch nicht fest etabliert) und auch Emil Zátopek, der tschechischen Lokomotive. Ich würde vermuten, dass mindestens die Hälfte dieser Namen heute nicht mehr Allgemeingut sind.

Ganz sicher weiß ich es bei Zátopek, denn sonst gäbe es wohl kaum ein von der tschechischen Regierung gefördertes Projekt „Zátopek 2016“ (warum just dieses Jahr, ist vollkommen unersichtlich; der Sportler wurde 1922 geboren, starb 2000 und gewann seine olympischen Goldmedaillen 1948 und 1952), „dessen Zweck es ist, an diesen überragenden Läufer zu erinnern, der ein Vorbild für Millionen Menschen auf der ganzen Welt ist“. Im Rahmen von „Zátopek 2016“ wurde auch ein Comic erstellt, der die Geschichte von Emil Zátopek erzählt, geschrieben von Jan Novák, einem vor allem durch seine Drehbücher berühmt gewordenen tschechischen Autor, der jetzt in Amerika lebt, und gezeichnet von Jaromír Svejdík, der unter dem Pseudonym Jaromír 99 sowohl Musik als auch Comics macht. Vor drei Jahren erschien seine Adaption von Kafkas „Schloss“, doch berühmt wurde er durch den von Jaroslaw Rudis geschriebenen Comic „Alois Nebel“.

Der erschien seinerzeit beim Leipziger Verlag Voland & Quist und war ein für Comicverhältnisse schöner Erfolg (vor allem, als noch der gleichnamige Trickfilm dazukam). Deshalb hat der Verlag sich nun auch für die Publikation von „Zátopek“ entschieden, zumal die Übersetzung vom tschechischen Kulturministerium gefördert wurde. Allerdings ganz sicher nicht gelesen. Offenbar von niemandem. Denn man findet im Text so erstaunliche Behauptungen, wie die, dass Zátopek als Läufer Rekordzeiten überboten hätte. Das kann ich auch, jederzeit sogar, denn was wäre einfacher, als über einem Laufrekord zu bleiben? Dafür hat Zátopeks Ehefrau Dana, eine Speerwerferin, im Comic den Landesrekord unterboten. Auch nicht schwierig bei einer Wurfdisziplin. Wenn schon einmal falsch, dann auch konsequent. Dass an anderer Stelle davon die Rede ist, dass Dana Zátopekova „zwischen zwei Olympiaden“ zahlreiche Rekorde aufgestellt habe, fällt da kaum noch auf. Gemeint ist natürlich der Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen, also eine Olympiade.

In einer Sportlercomicbiographie sollte solcher Unsinn nicht stehen, aber es ist im Buch auch vorsorglich gar kein Übersetzer angegeben. Nur die Übersetzungsförderung, und das war wohl auch wichtiger für den Verlag. Fließt einmal Geld, braucht man sich ja sonst keine Gedanken mehr zu machen, Augen zu und durch, wie die tschechische Lokomotive. Wieder ein Beispiel dafür, dass Comicübersetzungen oft mit einer Nachlässigkeit redaktionell betreut werden, die bei Sachbüchern oder Literatur als Skandal empfunden würde. Aber die Bilder kaschieren so viel.

Und für sie lohnt sich die Lektüre von „Zátopek“, vor allem im ersten Teil. Bis Emil Zátopek nämlich endlich richtig ins Laufen kommt, arbeitet er von 1937 bis 1947 bei der tschechischen Schuhfirma Bata. Und wie Jaromír 99 deren Werksgelände ins Bild setzt, das weckt dermaßen viele Assoziationen an die Grafik der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, besonders an Frans Masereel, dass man sich bei jedem Umblättern schon auf die Überraschung der nächsten beiden Seiten freut. Der deutsche Verlag bietet leider keine Leseprobe an, aber für die Bebilderung ist ja auch das tschechische Original aussagekräftig. Dem Sportlerleben, nachdem Zátopek zur Armee ging, kann der Comic dagegen kaum noch originelle Bildideen abgewinnen.

Allerdings hat die Geschichte von Jan Novák auch nichts Reizvolles zu bieten, so dass man schon dankbar ein muss, wie viel Jaromír 99 aus dem Beginn herausgeholt hat. Erzählt wird ohnehin nur bis 1952, den Olympischen Spielen von Helsinki, auf denen Zátopek als bislang einziger Mensch über 5000 Meter, 10.000 Meter und Marathondistanz Gold gewonnen hatte. Nach dem Zieleinlauf des Marathonlaufs noch ein Kuss von Dana, dann ist Schluss. Danach begannen im wahren Leben auc die sportlichen Nackenschläge. So etwas erzählt man weniger gern.

Dafür werden die Widerstände hervorgehoben, die Zátopek in der Tschechoslowakei zu überwinden hatte. Zum Militär ging er der besseren Trainingsmöglichkeiten wegen, nicht aus Überzeugung, schon gar nicht nach der Errichtung der kommunistischen Diktatur im Jahr 1948, obwohl sein Vater überzeugter Kommunist war. Zátopek war Politik egal, er wollte laufen, und wenn er sich für einen ideologisch unzuverlässigen Kameraden einsetzte, dann interessierte ihn dessen Aussicht auf sportlichen Erfolg, nicht die Einstellung für oder gegen den Staat. Dass daraus ein Konflikt erwuchs, der fast zum Verzicht Zátopeks auf seine Starts in Helsinki geführt hätte, wird von Novák zum dramatischen Höhepunkt seiner Erzählung gemacht.

Doch bei einer Figur wie Zátopek, die schon auf dem Titelbild das Zielband als Erster durchreißt, kann durch einen solchen Effekt keine Spannung entstehen. Zu glatt läuft die Karriere des Läufers ab, unbeirrbar erfolgreich wie dessen Wettkämpfe, als dass man jemals mit einem Scheitern rechnete. Dadurch wird der Comic nur interessant für Leser, die etwas über Zátopek erfahren wollen; wenig sportbegeistertem Publikum bietet er nichts – außer den bereits gelobten graphischen Finessen des Auftakts.

Comic-Blog

medailleIn Erlangen erlangt man traurige Erkenntnis
von Andreas Platthaus

Hielte sich Peinlichkeit doch so zuverlässig im Rahmen wie Comicbilder. Aber die Gala zur Verleihung des Max-und-Moritz-Preises begab sich ein paarmal jenseits des guten Geschmacks

Manchmal ist die Diskrepanz zwischen Inhalt und Form eines Comics gewaltig. Für Veranstaltungen gilt das Gleiche, und nicht nur für solche, die mit Comics zu tun haben. Aber eben auch für diese. So etwa für die Gala des diesjährigen Erlanger Comicsalons, auf der die Max-und-Moritz-Preise verliehen wurden. Ich habe jetzt ein paar Tage über diese Veranstaltung nachgedacht, und meine Verärgerung über deren Form ist nicht kleiner geworden.

Zunächst das vorab: Die Preise gingen alle in Ordnung, sind teilweise sogar zwingend (Barbara Yelin als beste deutsche Comic-Künstlerin, Birgit Weyhes „Madgermanes“ als bester deutscher Comic, Katharina Greves „102 Etagen“ als bester Comic-Strip). Dass sich „Ein Sommer am See“ von Mariko und Jillian Tamaki (bester ausländischer Comic) mit einem Jahr Abstand nicht ganz so gut gehalten hat, wie ich das selbst damals noch vermutete, spricht nicht gegen die Intensität dieser Geschichte um eine Mädchenjugend. Und Claire Bretécher für ihr Lebenswerk zu ehren, war überfällig, und das Bedauern darüber, dass sie selbst dazu nicht nach Erlangen kommen konnte, hat meine Freude über die Entscheidung der Jury nicht vermindert.

Aber da geht es los. Warum ist es dem Salon und noch mehr dem deutschen Verlag von Bretécher (derzeit Reprodukt) nicht wenigstens geglückt, der großen alten Dame ein Wort des Dankes zu entlocken? Von Videobotschaft will ich gar nicht erst anfangen, es kann Gründe dafür geben, darauf zu verzichten, aber gar kein Satz zur Ehrung des eigenen Lebenswerks? Das brüskiert den Salon, egal, ob man Madame Bretécher überhaupt gefragt hat oder nicht. Denn sollte Reprodukt es versäumt haben, ist die Brüskierung nicht geringer, nur eben durch den Verlag.

Und das würde passen. Dass die Tamaki-Cousinen nicht nach Deutschland kommen konnten, kann man verstehen, dass der Verlagsvertreter von Reprodukt, der für sie den Preis entgegennahm, aber nicht einmal sagen konnte, wo sie denn gerade sonst waren, zeigt, dass man sich verlagsseitig um nichts gekümmert hat. Die Zeichnung, die Jillian Tamaki zum Dank für die Auszeichnung ihres Comics geschickt hatte, ist an den Salon selbst gegangen, also hatte Reprodukt auch damit nichts zu tun. Aber der Gipfelpunkt im schlechten Umgang mit der dem Haus seit Jahren sehr gewogenen Veranstaltung war noch gar nicht erreicht.

Dazu brauchte es die Verlesung der Erklärung von Patrick Wirbeleit, eines weiteren abwesenden Reprodukt-Preisträgers, dessen Comicreihe „Kiste“ von der Jury zum besten Kinder-Comic bestimmt worden war. Die recht selbstverliebte Erklärung, in der über seinen Co-Autor Uwe Heidschötter kein Wort verloren wurde, endete mit der Ablehnung des Preises, weil die Erlanger Jurys bislang die von Wirbeleit geschätzten Zeichner Kim Schmidt und Sascha Wüstefeld ignoriert hätten. Das mag er so sehen, eine Prüfung der Arbeiten von Schmidt und Wüstefeld kann ja dankenswerterweise jeder selbst übernehmen und dann sehen, was sie etwa von Yelins „Irmina“ oder Weyhes „Madgermanes“ unterscheidet.

Aber da es sich in Erlangen nicht um Überraschungssieger handelt (man will ja die Gewinner im Saal haben, also werden sie selbst oder die Verlage meist vorher informiert), hatte Reprodukt die Ablehnung seines Autors auch schon vorher erhalten. Es hätte Größe gehabt, sie dem Salon vorab mitzuteilen, um allen Beteiligten (inklusive des abwesenden Herrn Wirbeleits) den peinlichen Moment zu ersparen. Stattdessen kokettierte der verlesende Verlagsvertreter damit, dass er ja nur der Überbringer sei. Verlegerische Sorgfaltspflicht für Autoren? Wozu denn so etwas? Natürlich muss ein Künstler das Recht haben, einen Preis abzulehnen. Dann aber auch den Mut, es vorher zu tun oder wenigstens persönlich dazu zu stehen. So bleibt nur der Eindruck eines wenig couragierten Herrn, der sich ärgert, wenn seine Idole oder Kumpels nicht abräumen. Nun denn, wenn’s der Wahnsinnsfindung dient.

Soviel zum Ärger über Reprodukt, die ein tolles Comicprogramm haben, aber offenbar von Preisen dafür etwas zu verwöhnt wurden. Nun zum Zorn über etwas Wichtigeres: die Moderation. Sie wird seit 2010 von dem Duo Hella von Sinnen und Christian Gasser durchgeführt, und das war am Anfang sehr erfrischend. Jetzt ist es nur noch sehr ermüdend. Gasser ist daran unschuldig, obwohl man sich wünschen würde, er brächte seine konkurrenzlose Sachkompetenz auch in die Vorbesprechungen zur Moderation ein. Aber mutmaßlich ist Hella von Sinnen, die mir als Donaldistin prinzipiell sehr sympathisch ist, beratungsresistent. Sonst hätte sie für ihre mittlerweile vierte Verleihung doch einmal alle 25 nominierten Comics gelesen und vielleicht sogar mal einen Blick in die Biographie von deren Autoren geworfen, damit uns ein Satz wie der zur Zeichnerin Anna Haifisch („Sie ist wie Karl May, der war auch nie in Amerika“) angesichts eines einjährigen Studienaufenthalt Haifischs in den Vereinigten Staaten erspart geblieben wäre. Aber vielleicht haben Moderatorin und Zeichnerin sich ja nach der Gala bei dem Treffen ausgesprochen, zu dem Hella von Sinnen ihre angeblich derzeitige Lieblingsautorin von der Bühne herab einlud.

Interessiert uns, wen oder was Hella von Sinnen gerade schätzt? Aber ja, wenn es etwas mit den Preisen zu tun hat, jedoch nicht ausschließlich. Mehr als eigene Begeisterung oder Langeweile hat die Moderatorin leider nicht zu bieten. Das ist lebendig, aber inkompetent. Immerhin sorgte sie für den Höhepunkt des Abends, als sie dem für „Fahrradmod“ nominierten Tobi Dahmen die Vorführung einiger Mod-Tanzschritte abverlangte. Die Peinlichkeit dieser Zumutung wich, als Dahmen sie so souverän absolvierte, wie man es sich nur erträumen konnte. Aber die Peinlichkeit, dass eine sechsundfünfzigjährige Frau noch nie von Mods gehört haben will, vergeht so schnell nicht.

Hella von Sinnen gefällt sich darin, als Abzockerin aufzutreten. Gerne betonte sie, dass ihr die Comics vom Salon zur Vorbereitung gratis zugeschickt wurden, was ja völlig in Ordnung wäre, wenn sie die Bände dann auch lesen würde. Aber dass sie die von Jillian Tamaki an den Salon eingesandte Dankeszeichnung an sich bringen wollte (ein Segen, dass das Blatt nur digital vorlag), weil sie sich ja so genau in einer der beiden Hauptpersonen getroffen sehe, das war von einer Frechheit, die den Atem raubte. Wie schon ganz zu Beginn, als sie den Erlanger Oberbürgermeister, der in fünf Minuten mehr Substanzielles zur Lage der Comics im Allgemeinen und der des Salons im Speziellen zu sagen hatte als Hella von Sinnen in zweieinhalb Stunden, zur Eile drängte, weil man wenig Zeit habe. Dann aber bei so ziemlich jeder Nominierung, die sie im Folgenden vorzustellen hatte, länger schwafelte als der Bürgermeister. Es waren sehr lange zweieinhalb Stunden auf dieser Gala mit Hella von Sinnen, aber gewiss meine letzten, wenn es bei dieser Besetzung bleiben sollte.

Die Sonder-Jury hat getagt!

sondermann1Die Sondermannpreisträger für das Jahr 2016 stehen fest. Einer festlichen Verleihung am 11.11. in der Frankfurter Brotfabrik steht nun nichts mehr im Wege.

Die Jury hat es sich mal wieder nicht leicht gemacht. In der fünfstündigen Sitzung fielen auch mal harte Worte, alles in allem blieb es aber fair und friedlich. Die drei Stühle im Wohnzimmer von Familie Eilert hätten sowieso repariert werden müssen und auch der Kristalllüster wäre früher oder später von alleine von der Decke gefallen.

Ein wenig rustikal demonstrierte Frau Krüwell die gute Verarbeitung ihrer neuen Handtasche, und die Platzwunde am Kopf von Herrn Platthaus blutete bei der freundschaftlichen Verabschiedung fast gar nicht mehr. Wie sein Schweizer Taschenmesser in den Oberschenkel von Herrn Zippert geraten konnte, wusste Dr. Hofmann später auch nicht mehr, konnte aber wenigstens einen fachmännischen Druckverband anlegen.

Es blieb nicht aus, dass Frau Roth-Pfarr bei der erregten Diskussion akustisch die Orientierung verlor, sie sollte nicht mit, sondern einen Blick auf die Himbeertörtchen werfen. Etwas unschöne Szenen gab es, nachdem sich Herr Schmitt in den Jugendstil-Sekretär erbrach, angeblich weil Herr Fischer ihm etwas ins Essen gemischt hatte, dabei war das Frau Eilert gewesen. Nicht mehr geklärt werden konnte, warum Herr Eilert ausgerechnet Hegel, den reizenden Pitbull des Herrn Fischer, provozieren musste. Auf gutes Zureden gab das völlig verwirrte Tier die drei Finger von Eilerts linker Hand aber wieder heraus, sie konnten im 3-Sternekühlfach gelagert und nach Beendigung der Sitzung größtenteils erfolgreich angenäht werden.

Die Preisträger werden bekannt gegeben, sobald Herrn Fischer der Magen ausgepumpt worden ist, wo sich zur Zeit noch das Blatt Papier befindet, auf dem die Namen der Preisträger stehen, die Frau Eilert ihm zum Glück aufgeschrieben hatte. Nachdem sie gegen die schmiedeeiserne Bratpfanne gerannt war, die Herr Frenz völlig unvermittelt durch den Raum schleuderte, konnte sie sich nämlich an nichts mehr erinnern. Schon gar nicht, dass sie Frau Gerhard mit Sekundenkleber an der Badezimmertür fixiert hatte.

Wir bitten um Verständnis, daß die offizielle Presseerklärung erst herausgegeben werden kann, wenn sich die Anwälte aller beteiligten Parteien geeinigt haben.