Exklusiv: Ella Carina Werner über sterbende Alt-Banker

Die TITANIC-Redakteurin und Romanautorin Ella Carina Werner war 2015 Stipendiatin des Sondermann e.V., dem sie den folgenden Text widmete.

Weißes Konfetti.
Grüße aus dem Sterbehaus

„In der Deutschen Bank nennen sie es: das Sterbehaus.“
– DIE ZEIT, Nr. 43, 2015

Der Renzel wieder. Wie schlaff der über seinem Schreibtisch hängt und mit dem Kugelschreiber in der Ohrmuschel pult, der alte Pfeffersack. 89 Jahre alt und schon so arbeitsscheu wie ein bulgarischer Broker.

Er nicht. Achim Morst, 93 Jahre, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank 1979 – 1993. Noch immer kommt er jeden Tag ins Büro. Einmal Verantwortung, immer Verantwortung, da kann man sich nicht drücken, und zu Hause sitzt seine sabbernde Frau und lallt „Hoch auf dem gelbem Wagen“.

Jetzt gerade könnte er zum Beispiel mal wieder was lochen.

Gelocht hat er seit Tagen nicht. Den „Deutsche Bank Geschäftsbericht 2015“ aus der Schublade geholt und den Bürolocher auf Anschlag gebracht. Jetzt wird durchgelocht, bis zur Mittagspause, jetzt gibt’s weißes Konfetti, jetzt werden sie sorgfältig ausgestanzt, die Namen der neuen Vorstandsmitglieder.

Sterbehaus, sagen die 60jährigen Jungspunde aus den Zwillingstürmen zu diesem Nebengebäude. Stand sogar in der ZEIT: „In einem unscheinbaren Gebäude im Frankfurter Westend verbringen die alten Ex-Vorstände der Deutschen Bank ihre Tage“. Sterbehaus, so ein Blödsinn. Sterben will er lieber in den Armen einer schokofarbenen Nutte im Bahnhofsviertel, nur arbeiten will er hier.

Ganz schön anstrengend, das Lochen. Das geht in die Hände. Vielleicht mal wieder was tackern. Früher hat das alles immer Fräulein Tulpe gemacht. Fräulein Tulpe! Wie lasziv sie die 50-Pfennig-Briefmarke an die Lippen führte. Sie hackte auf ihre Schreibmaschine ein, er auf seinen Mitarbeitern, dreieinhalb Jahrzehnte in schönster Harmonie. Jetzt ist Fräulein Tulpes Haar auch schon grau und die Briefmarke kostet 62 Cent.

Jetzt gibt es eine Sekretärin für alle 17 Ex-Vorstände. Stapft in Hosen durch den Flur und erkundigt sich bellend, wer wieder seine tattrigen Finger in den Papierschredder gesteckt hat.

Siebzehn gestandene Männer, zusammengefercht in vier Büros. Drüben sitzt der Bömke, der Bub, der ist erst 79. Der progressive Herr hat sogar schon einen Computer.
Daneben der Rathmann, läuft den ganzen Tag den Flur auf und ab, diktiert schallend Telegramme an die Bank of Scotland und uriniert in den Schirmständer. Wir soll man sich da konzentrieren. Wie soll man da sauber tackern! Zum Beispiel gerade jetzt. Den silbernen Tacker in Stellung gebracht, zehn Blatt Papier übereinander gelegt und vorgestellt, es seien alle zehn Kinnlappen von John Cryan.

Der Fleißigste ist noch der Schmidt. Eine Lichtgestalt im Meer sackfauler Idioten. Blind wie ein Maulwurf, taub wie ein Krachmusik-Schlagzeuger und klapprig wie ein rumänischer Dacia, aber schnippelt Scherenschnitte aus alten Hausmitteilungen wie kein zweiter.

Und dann natürlich der Renzel. Wie teilnahmslos der aus dem Fenster glotzt, der tumbe Tattergreis, der ewige Widersacher, sein Intimfeind seit 65 Jahren. Früher haben sie sich mit Kraftausdrücken beworfen, heute mit mit ihren Gebissen, geändert hat sich sonst nichts.

Das Schlimmste ist nicht das Gemeinschaftsbüro. Das Schlimmste ist die Höhe, ist dieser mickrige Bungalow, flach wie eine Hongkonger Hostess. 1. Stock! Zwei Meter über der Erde, drei über seinem Grab. Da kann man nicht mal aus dem Fenster springen. Wie das aussähe. Die Sicherheitsleute klaubten einen aus der Hagebuttenhecke, die Hose wäre dahin und alle wären genervt. Früher hätte er stilvoll springen können. Im Flug hätte er noch einen doppelten Salto gemacht, auf die Passanten uriniert oder per Funkgerät 1.000 Mitarbeiter gefeuert, kein Problem. Früher saß er im 37. Stock von Turm A. Von dort aus sahen die Menschen aus wie kleine Küchenschaben. Von hier unten sehen sie immer noch aus wie Küchenschaben, nur erschreckend groß.

Im 37. Stock hocken jetzt die Jungen. Die Milchbärte, die Sitzpinkler. Gehen schon um 21 Uhr nach Hause. Zu ihren Ehefrauen! Die haben nicht mal den Kalten Bankenkrieg miterlebt und die Anfangsjahre des mafiösen Niedergangs dieses Hauses. Die wissen nicht mal, wo der Große Brockhaus steht. Der steht nämlich hier! Der Neue. Von 1996. Alle 24 Bände, Ziegenleder, aufgereiht auf dem Flur. Wenn er, Achim Morst, wissen will, wie viele Einwohner Yugoslawien hat, wie Wiedergeburt funktioniert oder was das Internet ist, schlägt er es einfach nach. Oder die Geschichte der Deutschen Bank. Die geht hier nur bis 1995. Ein Segen! Danach gings nur noch bergab.

 

Ella Carina Werner
Für den Sondermann e.V. in Frankfurt

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.