Andreas Platthaus: Cartier-Bressons Fotografie schlägt sein gezeichnetes Leben

In Frankreich ist eine Reihe entwickelt worden, die Comics zu berühmten Fotografen der Agentur Magnum publiziert. Einen von drei bislang erschienenen Bänden gibt es jetzt auch auf Deutsch.

Was die Fotoagentur Magnum, als Abkassiersyndikat so verlässlich wie sonst im Kulturleben wohl nur die Fondation Hergé, daran gereizt hat, dem belgischen Verlag Dupuis die Genehmigung zur Publikation einer Comicbuchreihe namens „Magnum Photos“ zu geben, ist leicht zu begreifen: einmal die Verwertung des agentureigenen Bilderschatzes jenseits klassischer fotografischer Reproduktionen und dann die Kombination von Foto und Comic, wie sie das Prinzip dieser 2014 begonnenen Serie ist. Dem eigentliche Comic folgt nämlich jeweils eine Suite von darin angesprochenen und bisweilen auch gezeichneten Fotos. Die Vor-Bilder werden also sichtbar.

Der zweite Grund ist tatsächlich ästhetisch reizvoll, denn als gezeichnete Szenen können die Fotovorlagen verändert werden – einmal prinzipiell durch den Stil des Zeichners und dann durch veränderte Perspektiven, so dass die Leser im Wortsinn einen anderen Blick auf das jeweilige Motiv bekommen. Nur verstößt dieses Prozedere gegen das puristische Prinzip von Magnum, das Manipulationen des Ursprungsfotos, etwa durch Beschnitt, ablehnt. Und noch mehr gegen das Selbstverständnis des Magnum-Mitgründers Henri Cartier-Bresson, der nicht einmal sich selbst das Recht zusprach, am einmal aufgenommenen Motiv etwas zu ändern. Die in seinem Berufsfeld übliche Wahl eines Ausschnitts bei der Entwicklung von Fotos lehnte er ab. Seine Bilder entstanden in der Kamera, und so wie sie aufs Negativ gebannt wurden, mussten sie dann auch abgezogen werden. (Mag sein, dass ihm dieser Entschluss leichter fiel, nachdem er die ganze Laborarbeit auf Helfer ausgelagert hatte, während viele seiner Kollegen eigenhändig entwickeln und abziehen).

Cartier-Bresson steht im Mittelpunkt des zweiten Bandes der bislang drei Ausgaben umfassenden „Magnum Photos“-Comics – die womöglich schon abgeschlossen sind, denn seit 2016, als „McCurry, NY 11 Septembre 2001“ erschien (also ein Album über Steve McCurrys Aufnahmen in New York am Tag der Attentate des 11. September), ist kein weiterer Band mehr herausgekommen. Den Auftakt hatte zwei Jahre zuvor „Omaha Beach, 6 Juin 1944“ gemacht, bei dem der Name jenes Magnum-Fotografen, der damals am D-Day die alliierte Invasion an der Normandie-Küste miterlebt und dokumentiert hatte, im Titel gar nicht erschien. Mag sein, dass ohnehin jeder weiß, dass es Robert Capa war, aber beim ersten Band setzte man dessen Name in identischer Typographie neben die der beiden Comic-Autoren, die die Geschichte dazu geschrieben und gezeichnet hatten: Jean-David Morvan und Dominique Bertail. So standen zwei eher mittelklassige Comicschaffende plötzlich auf einer Stufe mit einem Superstar der Fotografie.

Diese Anmaßung beseitigte Dupuis dann vom zweiten Band an und nahm sowohl Cartier-Bresson als auch McCurry in den Titel auf, setzte sie also von den Comicschaffenden ab. Aber das ist nicht der Grund dafür, dass als erste Übersetzung ins Deutsche nun mit gehörigem Abstand zur Originalpublikation der Cartier-Bresson-Band erschienen ist. Vielmehr wollte es das Pech, dass 2017 ein anderer französischer Comic über Robert Capa, Florent Sillorays biographischer „Capa – Die Wahrheit ist das beste Bild“ (Knesebeck Verlag), auf Deutsch herausgekommen war. An diesem Band konnte man einiges aussetzen, und das tat ich damals auch. Aber damit war im hiesigen Comicbuchhandel kein weiterer Platz mehr für eine Capa-Geschichte frei. Da ist man im französischsprachigen Raum einfach weiter; dort verträgt der Markt auch zwei thematisch miteinander konkurrierende Alben.

Der Wiener Verlag Bahoe Books, der als einziges erkennbares verbindendendes Element seines mittlerweile beachtlichen Comicprogramms das politische Engagement hat, entschied sich für „Cartier-Bresson, Allemagne 1945“ – was zudem den Vorzug mit sich bringt, ein explizit deutsches Thema fürs deutschsprachige Publikum zu bieten. Wer assoziiert hierzulande schon mit „Omaha Beach“ sofort die Nazis? Cartier-Bresson war wie Capa als Fotograf mit der amerikanischen Armee in Europa unterwegs, allerdings in etwas weniger brisanter Zeit, 1945, als der Krieg schon so gut wie gewonnen war und nach der Kapitulation. Vor allem in Dessau machte Cartier-Bresson unglaublich eindrucksvolle Bilder in einem Kriegsgefangenenlager. Weltberühmt wurde seine Aufnahme einer ehemaligen französischen Gefangenen in dem Augenblick, als sie triumphierend eine jetzige Gefangene als Gestapo-Spitzel identifiziert, von der sie einmal denunziert worden war. Dieses Motiv, das auch das Titelblatt des Comics schmückt (zu sehen hier, angeblich bald auch ergänzt um eine Leseprobe), bleibt eine Meisterleistung der Fotografie in Sachen Ambivalenz: Man fühlt wider Willen eher mit der NS-Schergin als mit der Frau, die sie entlarvt hat.

Auf dieses Bild steuert die ganze Comic-Geschichte zu, allerdings in sehr umständlichen Zeitsprüngen, die den Titel „Cartier-Bresson, Deutschland 1945“ zum Witz machen, denn viel mehr Platz als der Einsatz des Fotografen im letzten Kriegsjahr nimmt etwa dessen Zeit als Kriegsgefangener in einem deutschen Stalag ein oder seine Abreise in die Vereinigten Staaten 1946. Morvan hat auch zu diesem Band das Szenario geschrieben, gemeinsam mit Séverine Tréfouel, aber diesmal hat Sylvain Savoia die Geschichte gezeichnet – mehr schlecht als recht: statisch, schwarzweiß in jeder Beziehung. Das Nachwort des Hamburger Publizisten Thomas Tode, das aus dem französische Band übernommen wurde, ist unendlich vielschichtiger und informativer.

So wird der Comic „Cartier-Bresson, Deutschland 1945“ bizarrerweise interessant durch die abgedruckten Aufnahmen und den biographischen Begleittext. Weil man plötzlich sieht, was dieser Arbeit alles fehlt: Bildkraft und Stilgefühl. Die Fotoagentur Magnum erweist ihrem eigenen Erbe mit dessen Verramschung zu solchen Zwecken einen Bärendienst. Und Bahoe Books hätten besser einen schönen Cartier-Bresson-Auswahlband mit Todes Text gemacht. Das hätte auch ästhetisches Engagement bewiesen.

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