Andreas Platthaus: Grundunheimlichkeit

Ein Kindercomic, der es in sich hat: mit „Die Insel der Verschollenen“ ist der erste Band der Serie „Stig & Tilde“ des belgischen Zeichners Max de Radriguès auf Deutsch erschienen.

Es ist noch nicht lange her, da habe ich in diesem Blog anlässlich Jéremy Perrodeaus Science-Fiction-Comic „Dämmerung“ aufgestöhnt: Nicht schon wieder Nouvelle Ligne Claire! Und wurde dann doch überzeugt von dem, was ich las. Comics erhalten ihre Bedeutung mehr durch die Geschichte als durch die Graphik. Letztere wird nur deshalb meist in den Mittelpunkt der Bewertung gestellt, weil sie uns schneller zum Kauf verlocken kann: Ein Blick genügt, und das Urteil über optisches Gefallen oder Missfallen ist gefällt. Um zu entscheiden, ob mich eine Geschichte überzeugt, muss ich sie erst gelesen haben.

Als mir „Die Insel der Verschollenen“ von Max de Radiguès vor die Augen kann, gab es wieder einen Stoßseufzer, nur diesmal um ein Wort kürzer: Nicht schon wieder Ligne Claire! Denn nouvelle ist an der Graphik des 1982 geborenen Belgiers gar nichts. Die beiden Hauptfiguren, die jugendlichen Zwillingsgeschwister Stig und Tilde, haben Pünktchen als Augen, Häkchen als Nasen, Striche als Nasen – alles wie bei Hergé in seiner Kinder-Abenteuerserie „Jo, Jette und Jocko“, auch die blassen Farben, und was denn doch davon kündet, dass die Serie von Max de Radiguès in der Jetztzeit entstanden ist, also etwa die bewusst nachlässige Staksigkeit seiner Figuren, das kennen wir etwa von Mawil (Leseprobe hier). Nichts Neues in diesem Comic, gar nichts.

Graphisch nichts Neues. Inhaltlich schon. Denn als ich mich widerwillig an die Lektüre machte – immerhin ist der Comic in deutscher Übersetzung bei Reprodukt erschienen, und die wissen im Regelfall, was sie tun –, war ich angetan. Für die sechzig recht dialogarmen Seiten braucht man keine halbe Stunde, der Band richtet sich erkennbar an ein junges Publikum, ist denn auch im Kinderprogramm von Reprodukt erschienen, aber sein Thema ist durchaus auch etwas für Ältere: Stig und Tilde, von deren Erlebnissen es im französischsprachigen Original übrigens schon drei Alben gibt (und De Radriguès hat mit „Simon & Louise“ noch eine weitere recht ähnliche Jugendserie gezeichnet), sind vierzehn Jahre alt geworden und sollen deshalb ihren „Kulku“ absolvieren, einen rituellen einmonatigen Aufenthalt auf einer der vielen abgelegenen Inseln in einem großen See, bei dem sie auf sich allein gestellt sind – also eine Initiation ins Erwachsensein. Das Wort „Kulku“ stammt aus dem Finnischen und bezeichnet eine Fahrt oder Reise, aber die Verortung des Geschehens ist nicht eindeutig, denn welche Finnen hießen schon Stig oder Tilde? Das klingt eher schwedisch wie auch der Name „Tysla“ für die angesteuerte Insel.

Dort kommen Stig und Tilde jedoch nicht an, denn sie erleiden auf der Überfahrt mit ihrem kleinen Motorboot Schiffbruch und müssen sich auf eine andere Insel retten. Es beginnt eine kleine Robinsonade, denn aus dem gesunkenen Wrack können sie noch Teile ihrer Ausrüstung retten und sich einigermaßen in der nun unfreiwilligen Isolation einrichten. So einsam, wie sie glauben, sind sie indes nicht – auch das kennt man aus „Robinson Crusoe“. Tilde macht die Bekanntschaft des auf der Insel lebenden Arne. Recht schnell stellt sich heraus, dass es sich bei Arne um den Geist eines gleichfalls wegen seines Kulkus 1946 hierhergekommenen Jungen handelt, der damals von einem Mädchen erstochen worden ist.

Zwischen Tilde und Arne entwickelt sich eine Faszination, und wie Max de Radriguès das erzählt, erscheint es ganz natürlich, zumal es ihm gelingt, ohne große dramatische Szenen eine gewisse Spannung zwischen Tilde und ihrem Zwillingsbruder zu suggerieren, so dass Arne eine willkommene Ablenkung für das Mädchen darstellt. Aber die Grundunheimlichkeit, die den Comic von Beginn des Inselaufenthalts an prägt, bestätigt sich, als man erfährt, wie die genauen Umstände von Arnes Tod waren, und am Schluss gibt es eine geradezu mitreißende Verfolgungsjagd, die mit Horror-Elementen spielt, ohne sie aber je explizit werden zu lassen. Trotzdem dürfte das an die Grenze dessen gehen, was ein Kindercomic darstellen kann. Aber ich als Erwachsener hatte daran meine Freude. Und an der abermaligen positiven Überraschung durch Lektüre einer Geschichte, deren erster graphischer Eindruck mich eher skeptisch gemacht hatte.

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