Andreas Platthaus: Nérac, mon amour

In einem südwestfranzösischen Ort findet jedes Jahr ein Comicfest statt, zu dem sich die Bewunderer von Yves Chaland versammeln. Und jetzt gibt es ein Heft, in dem einige von ihnen auch dem Städtchen selbst eine Liebeserklärung machen.

Als Yves Chaland von der berühmtesten Ansicht seines Heimatortes Nérac eines seiner typischen kreisrunden Bilder zeichnete, war er siebzehn Jahre alt. Der junge Mann war von einem einheimischen Autor als Talent erkannt und engagiert worden, um dessen auf Okzitanisch geschriebene Fabeln zu illustrieren. Keiner konnte ahnen, dass da das halbe Leben von Chaland schon hinter ihm lag. Er starb mit 33 Jahren, am 18. Juli 1990, an den Folgen eines wenige Tage zuvor stattgefundenen Autounfalls. Es war zynisch: Kein anderer Zeichner hatte eine solche Vorliebe für Unfälle in seinem Werk gezeigt.

Die Todesnachricht erschütterte seine Liebhaber; ich weiß heute, wie sie mich schockte, nachdem ich seit 1983, als seine erste deutsche Publikation erschienen war, versucht hatte, alles von ihm zu bekommen, was möglich war. Damit war ich nicht allein: Chaland war der Held einer jungen Generation von Comic-Künstlern und -lesern, die seine Eleganz und seine Traditionsbewusstsein etwas ganz Neues bewunderten. Und die Künstler fanden sich auf Einladung seiner Witwe achtzehn Jahre nach dem Tod des Zeichners zu den ersten „Rencontres Chaland“ in Nérac zusammen – wie seitdem jedes Jahr.

Zum zehnten Treffen schwärmten die angereisten Kollegen aus, um Ansichten des acquitanischen Städtchens zu zeichnen, die im darauffolgenden Jahr ausgestellt werden sollten. Darunter auch Dominique Corbasson, die Frau von François Avril, Chalands wohl engstem Vertrauten unter den Comiczeichnern. Eine ihrer damals entstandenen Zeichnungen ist auf den 30. September 2017 datiert. Keine fünf Monate später war auch sie tot, gestorben mit noch nicht einmal sechzig Jahren am 21. Februar 2018. Wenn man einem Nachruf glauben darf, zeichnete sie bis zum letzten Tag.

Corbasson war keine Comiczeichnerin, ebenso wenig wie es ihr Gatte in den letzten Jahren noch war. Sie bildeten zusammen ein Zeichnerpaar, das einen unverwechselbaren Stil pflegte: die Auflösung von Stadtansichten und Landschaften in Linien, bei ihm meist in kräftigem monochromen Strich gehalten, bei ihr mit vielfältiger, warmer Farbpalette. Wenig ist von Avril, gar nichts von Corbasson auf Deutsch erschienen, aber in ihrer französischen Heimat sind sie Stars. Man kann sich kaum sattsehen an ihren Bildern.

Deshalb gilt diese Empfehlung einem broschierten Album, das vor ein paar Wochen als erstes Heft der „Rencontres Chaland“ publiziert wurde: „Dessinez-moi Nérac“ (Zeichnet mir Nérac). Darin sind die schönsten Blätter der letztjährigen Aktion und diesjährigen Ausstellung versammelt, darunter auch zwei von Corbasson und drei von Avril (eines davon ist hier zu sehen). Neben ihnen sind Größen wie Lorenzo Mattotti, Loustal, David Prudhomme, Philippe Petit-Roulet (ein weiterer enger Freund von Chaland), Anna Rozen, François Ayroles oder Christian Cailleaux enthalten. Insgesamt 27 Künstler sind vertreten. Der Norweger Jason war mit dabei. Und als deutscher Gast und Gewinnerin des in Nérac vergebenen Prix Jeune Albert die Weimarer Zeichnerin Olivia Vieweg, die erst letzte Woche in diesem Blog gewürdigt wurde. Den Preis gewann sie für ihre Adaption des „Huckleberry Finn“ von Mark Twain. Auf ihrer Zeichnung von Nérac frönt sie allerdings lieber ihrer Katzenliebe.

Immer wieder sind dieselben Motive zu sehen, denn groß ist das Siebentausend-Einwohner-Städtchen nicht. Die alte Brücke, die Kirche Sankt Nikolaus, das Flüsschen Baize – aber gerade die Wiederholung macht den Charme der Zusammenstellung aus, weil man die je individuellen Blicke auf die Motive vergleichen kann. und wenn Frédéric Poincelet eine Stadtansicht im Stil des altniederländischen Graphikers Hercules Seghers zeichnet oder Ugo Bienvenu sich Nérac im Jahr 2810 vorstellt, dann ist das doppelt reizvoll neben Blättern von Matthieu und Sara Chaland, zwei Kindern der Geschwister des Zeichners, die sich rührend bemühen, unter ihren Arbeiten die charakteristische Signatur des Familiennamens, wie sie der Verstorbene pflegte, zu imitieren.

Das Heft ist mit 35 Euro nicht billig, aber als Lieberklärung an einen Künstler und seine Heimatstadt allemal das Geld wert, zumal es nur tausend Exemplare davon gibt. Und es bewahrt die Erinnerung an Dominique Corbasson auf. Mit diesem Band ist ein Stück südfranzösischer Sommer für den Winter garantiert.

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