Andreas Platthaus: Liebesdreieck noch ohne dritte Ecke

Dafür brauchte es einen norwegischen Fanatiker und die Dienste von Amazon: Eine billig gemachte, aber längst überfällige Ausgabe der frühen Werktags-Strips der legendären Comic-Serie „Krazy Kat“.

Der Jahresbeginn vor den üblichen Publikationsfluten ist die rechte Zeit, sich wieder einmal auf die großen Meisterwerke zu besinnen, auf Comics, die sich über Jahrzehnte bewährt haben und heute noch Einfluss ausüben. Mag die in der vergangenen Woche gewürdigte Ausgabe mit Sempés und Goscinnys ersten Comic-Strips zum „Kleinen Nick“ indes noch eine gerechterweise weitgehend vergessene (aber trotzdem hübsche) Arbeit gewürdigt haben, gilt mein Blog diesmal einem unbestrittenen Meisterwerk, und auch diesem in seiner frühesten Erscheinungsform. Na ja, fast der frühesten.

Wir reden von „Krazy Kat“, dem Comic, der in keiner Übersicht zu dieser Erzählform fehlt (wer wissen will, warum, schaue hier). Sein Geburtsjahr war 1910, doch als eigenständige Serie unter dem Namen „Krazy Kat“ wurde George Herrimans Geniestreich erst von 1913 an in den Zeitungen abgedruckt. Zuvor spielten sich die Kabbeleien zwischen einer grundgütigen Katze und einer eher böswilligen Maus am unteren Rand einer anderen Serie ab, die den Titel „The Dingbat Family“ trug. Und Herriman legte diese winzigen Ergänzungen als buchstäbliche Randerscheinung an: als kleine Nebenhandlungen, die aber rasch bei den Lesern so viel Begeisterung auslösten, dass Krazy Kat und Ignatz Mouse zunächst einen abgetrennten Bereich zugestanden bekamen, in dem sich – noch deutlich kleiner – ihre Abenteuer abspielten, und dann schließlich Helden ihres eigenen Strips wurden, der bald noch um die dritte Hauptfigur erweitert wurde, um Offissa Pupp (einen Hund als Polizisten), und in der Werktagsausgaben der Zeitungen erschien.

Berühmt sind heute allerdings vor allem die seit 1916 publizierten ganzseitigen Sonntagsfolgen. Mit ihnen revolutionierte Herriman sein Metier. Und fand Bewunderer hin bis zu Gertrude Stein und Pablo Picasso. Doch die kleinformatigeren, meist auf vier Bilder beschränkten Werktagsfolgen blieben weitgehend unbeachtet, weil ihre Seitenarchitektur gar nicht spektakulär sein konnte – ein Streifen eben. Doch sie sind der Nukleus eines Erzählraums, der an Skurrilität und Surrealität nie mehr seinesgleichen finden sollte.

Und besonders interessant sind natürlich die ersten Episoden als selbständige Serie. Nur: Wo finden? Nach etwas mehr als hundert Jahren haben sich einige wenige Originalzeichnungen und ein paar vor sich hinbröckelnde alte Zeitungen mit den Abdrucken erhalten. Komplette Jahrgänge sind in den Archiven kaum mehr aufzutreiben. Das hat auch der norwegische Comiczeichner und „Krazy Kat“-Bewunderer Snorre Smári Mathiesen erfahren müssen, als er sich bemühte, die frühen Folgen von Herrimans „Krazy Kat“ zusammenzutragen. In den ersten neun Monaten der Serie klaffen gewaltige Überlieferungslücken, denn Mathiesen hat nur knapp neunzig Episoden gefunden – wobei niemand weiß, ob das nicht auch daran liegen könnte, dass Herriman anfangs gar nicht für jeden Werktag eine Episode zeichnete.

Dafür mag sprechen, dass etwa am 16. Januar 1914 und dem 11. April desselben Jahres zumindest in den von Mathiesen konsultierten amerikanischen Zeitungsarchiven dieselbe Folge abgedruckt wurde – ob durch ein Versehen der Redaktion oder weil gerade Bedarf am Comic, aber keine Lieferung von Herriman vorhanden war, wird man so lange nicht wissen, bis ein Zeitungsexemplar auftaucht, das eine eigenständige „Krazy Kat“-Episode vom 11. April 1914 abgedruckt hat. Dass Mathiesen die Doublette des Jahres 1914 nicht kommentiert, wirft indes kein gutes Licht auf ihn als Herausgeber. Wie überhaupt seine gelegentlichen Erläuterungen zu den Strips eher zufällig wirken und die beiden Vorworte zu den bislang erschienenen Heften recht oberflächlich ausfallen (und zum Teil mehrfach dasselbe erzählen).

Seine bislang zwei Hefte mit „Krazy Kat“-Dailys sind also reine Liebhaberprojekte, und das auch im schlechteren Sinne. Erhältlich sind sie nur als *books on demand* über Amazon (weshalb es dort auch keine Leseprobe gibt; gäbe es sie, würde angesichts der Druckqualität wohl kaum jemand außer Fanatikern wie mir bestellen), und zumindest meine beiden Exemplare wurden denn auch just am Tag meiner Bestellung eigens gedruckt, wie das Impressum vermerkt. Mit sieben respektive 6,50 Dollar sind sie nicht teuer, aber die Umfänge sind mit einmal 60 (für die Episoden von November 1913 bis Februar 1914) und dann gar nur 44 Seiten (März bis Juli 1914) auch denkbar schmal, und das Reproduktionsniveau lässt vermuten, dass die Vorlagen eher auf Mikrofiches als auf Papierausgaben beruhen. Aber dass sich überhaupt jemand die Mühe gemacht hat, diese Raritäten aufzustöbern, ist bemerkenswert genug.

Und so gibt es keinen wirklich wichtigen Grund zu klagen, denn wenig ist immerhin viel mehr als nichts, und der abstruse Humor von „Krazy Kat“ steckt hier zwar noch in den Kinderschuhen, ist aber schon in seinen Grundzügen zu erkennen. Viel seltener als erwartet wird allerdings der berühmte Ziegelstein geschleudert. Der Fokus Herrimans liegt am Anfang vor allem noch auf Wortwitz: Missverständnisse, wörtlich genommene Begrifflichkeiten , falsch verstandene Fremdworte prägen die Dialoge. Das alles weist aber auch schon voraus auf den unverkennbaren Slang von Coconino County, den – hier noch nicht so bezeichneten – Schauplatz der Serie. Offissa Pupp ist nur Nebenfigur statt zentraler Bestandteil des *bizarre love triangel*, das „Krazy Kat“ berühmt gemacht hat. Man kann hier also Weltliteratur im Entstehen zusehen. Wenn auch nur wie durch einen Schleier, weil die Reproduktionen so schlecht sind. Aber sollte Mathiesen weitermachen, wäre ich auch wieder als Käufer mit dabei. Zum ersten Mal muss ich Amazon für publizistische Dienste dankbar sein.

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