Comic-Blog

Flüchten oder standhalten?unbenanntvon Andreas Platthaus

Im Falle der neue Ausgabe des Schweizer Comicmagazins „Strapazin“ stellt sich die Frage nicht: Das, was es da zu lesen gibt, ist kaum auszuhalten. Es geht ums Thema Flüchtlinge, doch man muss doch nicht gleich auch das Publikum in die Flucht schlagen

Nicht immer trifft ein Schnellschuss ins Schwarze. Ein Beispiel gefällig? Die neue Ausgabe des besten deutschsprachigen Comicmagazins, Strapazin. Die widmet sich – jeder hätte es wohl ohnehin erwartet – dem Flüchtlingsthema: „Fliehen, abhauen, weggehen“ lautet das diesmalige „Strapazin“-Motto. Was diese dreifache Begriffswahl aussagen soll außer einer Tautologie, kann man sich fragen. Aber das wäre ja noch nichts gravierend.

Schwerwiegender ist, dass man den Beiträgen des Heftes die heiße Nadel anmerkt, mit der sie gestrickt wurden. Die Ausgabe dampft förmlich vor Aktualität, aber leider erweist sich manches als weitaus weniger heiße Lektüre, was da so rasch zusammengekocht wurde. Natürlich ist es von der Idee her toll, eine sechsseitige Comicreportage über die Zustände auf der griechischen Insel Lesbos anfertigen zu lassen, die zudem von Paula Bulling gezeichnet wurde, deren „Land der Frühaufsteher“ von 2012 zum Besten zählt, was überhaupt bisher an Comics über Flüchtlinge erschienen ist. Aber für die gerade einmal sechs Seiten der Reportage zeichnet ein Autorenkollektiv als Texter verantwortlich (man darf raten, wie viele Leute es umfasst; einiges spricht für vier), und das bekommt der Erzählweise nicht, denn alles bleibt sprunghaft, in der Form bloßer Momentaufnahmen. Und warum unbedingt die griechische Schreibweise „Levsos“ in den Titel des Comics musste, den unter deutschsprachigen Lesern wohl kaum jemand sofort zuzuordnen weiß, das kann man wohl nur mit übereifriger kultureller Korrektheit erklären. Solche Symbolhandlungen nutzen niemandem, schaden aber der Rezeption und damit dem guten Zweck.

Nun ist ein generelles Problem von Comicanthologien (und also auch von „Strapazin“) die kaum stattfindende redaktionelle Betreuung. Unter Zeichnern gilt immer noch das Prinzip der Narrenfreiheit, wenn man schon etwas einreicht, denn bezahlt wird man ja eh nicht angemessen dafür, und dann soll das, was da erscheint, wenigstens genau so sein, wie die Zeichner es sich erträumen. Leider entspricht nicht notwendig dem Traum der Leser, und was zum Beispiel eine entsetzlich umständlich anlaufende Erzählung der Reise zur Insel Lampedusa, die das „legendenumwitterte Zürcher Urgestein“ RO (über das man gerne mehr erfahren hätte als dieses kreuzdumme Schlagwort) im Bilderbuchstil gestaltet hat, im „Strapazin“ überhaupt soll, erschließt sich wohl nur dem, der ROs Werk kennt. Die anderen dementsprechend aufzuklären, hält man hier nicht für notwendig.

Generell hat man das Gefühl, hier wäre einigermaßen verzweifelt zusammengetragen worden, was denn eben gerade so zu bekommen war. Dass dabei im Falle der israelischen Zeichnerin Hila Noam nur ein schlapper Rutu-Modan-Klon herauskam, ist ja noch zu verschmerzen, wobei die Rückkehr einer jungen Israelin in ihre Heimat weder etwas mit „Fliehen“, „Abhauen“ oder „Weggehen“ zu tun hat, dafür umso mehr mit Klischees über Deutsche und Israelis gleichermaßen. Die Schweizerin Isabel Peterhans macht weiter, was schon in ihrem Debüt „Yallayalla“ von 2014 nicht wirklich überzeugend war, aber irgendwie doch den Weg ins Verlagsprogramm der renommierten Edition Moderne gefunden hatte – ich vermute mal einen Druckkostenzuschuss. Und der Gipfel des Banalen ist Zeps fünfseitige Schwarzweißgeschichte, in der er seine Erfolgsfigur Titeuf zum Flüchtling macht. Lesen heutige Comiczeichner keine alten Meister mehr, um etwa bei André Franquin zu lernen, wie man eigene populäre humoristische Figuren in ernsthafte Zusammenhänge versetzen kann, ohne sich zu blamieren?

Die neue Ausgabe von „Strapazin“ (Nr. 122) leistet der guten Absicht einen Bärendienst. Wenn das alles ist, was Comiczeichner an Engagement in der Flüchtlingsfrage aufbringen können, dann gute Nacht. Wo wäre denn jemand, der sich einfach vor der eigenen Haustür umschaut, wie es Sandra Bulling in ihrem „Land der Frühaufsteher“ gemacht hat? Daraus hätte es etwas zu lernen gegeben, da wäre Fremderes und vor allem Befremdlicheres zu finden gewesen, fürchte ich, als auf Lampedusa oder Lesbos. Der Einzige, der sich an so etwas versucht hat, ist der „Strapazin“-Dauergast Christoph Abbrederis. Dankenswerterweise ist seine achtseitige Bildergeschichte über diverse Kurztrips durch halb Europa der letzte Beitrag im Heft. Da hört man wenigstens mit einem positiven Gefühl auf zu lesen.

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