Comic-Blog

UnbenanntNachdem die Cloud einen Wolkenbruch erlebt hat
von Andreas Platthaus

Brian K. Vaughan und Marcos Martin haben fürs Netz einen Detektivcomic geschaffen, der mit klassischen Motiven ins Jahr 2076 führt. Nun ist „The Private Eye“ auch als gedruckter Prachtband zu kaufen

An Brian K. Vaughan, Jahrgang 1974, kam man im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts kaum vorbei, wenn man sich für amerikanische Comics interessierte. Natürlich war er bei den großen Häusern Marvel und DC als Szenarist beschäftigt, aber Aufmerksamkeit erregte er mit eigenen Serien, für die er auch das Copyright behielt, „Ex Machina“ vor allem, einen über sechs Jahre fortgesetzten Thriller über das New York nach dem 11. September 2001. Dann wurde Vaughan für diverse Fernsehdrehbücher engagiert und geriet etwas aus dem Fokus. Als er aber wieder einmal eine gute Idee für einen Comic hatte, betrieb er das neue Projekt mit demselben Willen zur Unabhängigkeit, der ihn zuvor schon zum Vorbild für viele Newcomer gemacht hatte.

„The Private Eye“ hieß die Idee schließlich, wobei zunächst der Titel „Secret Society“ im Blick war, denn der Clou der Geschichte ist, dass Vaughan von der amerikanischen Gesellschaft im Jahr 2076 erzählt, zu einem Zeitpunkt, als schon seit einigen Jahrzehnten aus nicht beschriebenen Gründen die Cloud geplatzt ist, also alle dort gespeicherten Daten sich – um in der Metaphorik zu bleiben – über die Welt ergossen haben, so dass sämtliche elektronisch verfügbaren Geheimnisse öffentlich wurden – Panama Papers im ganz großen Maßstab, wenn man so will. Erstaunlicherweise hat dieses sintflutartige Datenleck mehr verändert als alle Errungenschaften der Datenverarbeitung zuvor: So ziemlich alle bedeutenden Persönlichkeiten wurden diskreditiert und geschasst. Es kam zu einer Art Revolution, und die traumatisierte die Gesellschaft derart nachhaltig, dass sich die Menschen 2076 nur noch maskiert aus dem Haus wagen. Die „Secret Society“ ist also keine Geheimgesellschaft, sondern eine Gesellschaft des Geheimnisses.

Angesichts der Prämisse für die Handlung bestand Vaughan darauf, dass dieser Comic virtuell, also im Netz veröffentlicht wurde, und der Zeichner, den er dafür gewonnen hat, den in Amerika lebenden Spanier Marcos Martin, der schon an etlichen Superhelden gearbeitet hat, stimmte zu. So gründeten beide zusammen 2013 die Plattform Panel Syndicate, auf der in zehn Folgen die mittlerweile auf „The Private Eye“ umgetaufte Geschichte erschien, und jeder, der dazu bereit war, konnte dafür das bezahlen, was ihm angemessen erschien. Ganz schlecht scheint das Modell nicht gelaufen zu sein, denn nach dem Ende der Debütserie sind auf Panel Syndicate noch zwei weitere Projekte publiziert worden, davon eines wieder von Vaughan und Martin. Sensationell aber wird das Einspielergebnis auch nicht gewesen sein, und deshalb ist mit gebührendem Abstand zur Netzerstveröffentlichung jetzt bei Image, Vaughans Stammverlag, ein veritabler Prachtband mit der ganzen Geschichte und einigem Bonusmaterial erschienen, für den man 50 Dollar zahlen muss.

Das ist allerdings gut angelegtes Geld, denn man bekommt dafür ein wunderschönes Querformat, das seitenarchitektonisch an die alten Comic-Strips erinnert, während die klare Graphik und die quietschbunten Farben (die der Comic Muntsa Vicente verdankt und die dem Handlungsort Los Angeles gerecht werden) Erinnerungen an Dave Gibbons‘ Zeichnungen für Alan Moores Meisterwerk „Watchmen“ aus den achtziger Jahren wecken. Und natürlich hat Vaughan wie jeder Szenarist seiner Generation Moores Arbeiten intensiv studiert; der reiche popkulturelle Bezugskosmos beweist es, auch wenn es fast schon etwas zu opulent losgeht, denn der tatsächlich dauerhaft anonyme Privatdetektiv, der unter dem Zeichen der Zahl Pi (für P.I., also die phonetische Abkürzung für Private Eye) seine Geschäfte betreibt, hat sein Büro mit unzähligen Reminiszenzen an die Schwarze Serie ausgestattet, und genau nach diesem Vorbild spinnt Vaughan seinen Handlungsfaden dann auch ab. „Die „League of Extraordinary Gentlemen“, für die Moore die Abenteuerliteratur des späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts plünderte, lässt als Vorbild grüßen.

Recht bald haben wir die erste Leiche, natürlich eine femme fatale, und sofort wird aus dem Jäger der gejagte, sprich: der Detektiv gerät ins Visier einer dunklen Verschwörung, hinter der zwar nicht gleich ein Gegner vom intellektuellen Range eines Ozymandias (aus „Watchmen“) steht, aber doch auch ein sehr mächtiger, sehr reicher Mann. Und der Grundgedanke, der sein Tun beherrscht, hätte Ozymandias auch eingeleuchtet.

Genug verraten, den Rest muss man lesen. Eine Leseprobe gibt es nicht, den es soll ja im Netz dafür bezahlt werden. Wer das – wie gesagt: nach Gutdünken – tun will, kann es hier machen. Die Lektüre des Ganzen geht schnell, weil Martin von Vaughan die Lizenz zur spektakulären Inszenierung bekommen hat, die nach Manga-Vorbild auch gerne lange stumme Action-Sequenzen bietet. Da knüpfen er und Vaughan dann eher an Frank Miller an als an Alan Moore, dem es ja gar nicht textreich genug zugehen kann. Aber diese Vorbilder belegen den Anspruch, den „The Private Eye“ hat, und auch wenn die metaphysische Komponente eher schlicht bleibt, ist doch der Ausgangspunkt der Geschichte klug genug gewählt, um das Interesse beim Lesen nie erlahmen zu lassen. Und von Spannungsaufbau über die Fortsetzungen hinweg verstehen Vaughan und Martin einiges.

Da „The Private Eye“ auf Panel Syndicate übrigens nicht nur in Englisch publiziert wurde, sondern auch in Spanisch, Katalanisch, Portugiesisch und Französisch, aber nicht auf Deutsch, dürfte die Hoffnung bestehen, dass sich ein hiesiger Verlag dafür findet. Aber angesichts der aufwendigen Aufmachung ist das finanzielle Risiko groß. Also lese man lieber direkt das englische Original. Und als Buch ist es dann doch die größere Freude als im Netz.

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