Comic-Blog

UnbenanntFakten vs. Pathos
von Andreas Platthaus

Der französische Comic „Überlebt“ erzählt vom Militärputsch in Chile von 1973. Im Mittelpunkt steht die Filmemacherin Carmen Castillo, die dem Szenaristen des Bands dafür ihre Lebensgeschichte erzählt hat

Manchmal wird mit einem Schlag ein ganzer Zeitraum nachgeholt. So gab es bislang in Deutschland nicht gerade viele Comics über das Südamerika der siebziger Jahre, die Zeit der Militärdiktaturen, als der Kontinent zur Gemeinschaft neofaschistischer Staaten abzukippen drohte. Dann brachte der Avant-Verlag Héctor Oesterhelds und Francisco Solano López‘ „El Eternauta“ auf deutsch heraus, einen legendären argentinischen Comic der späten fünfziger Jahre, in dem auf beklemmende Weise vorausgeahnt wird, was zwanzig Jahre später geschah: Mord, Folter und vor allem das Schweigen über all dies. „El Eternauta“ wurde schon zur Zeit der Junta als Widerstandscomic gelesen, und Oesterheld bezahlte für seine dunkle Hellsicht mutmaßlich mit dem Leben. 1977 wurde er von Milizen verschleppt, danach verliert sich jede Spur von ihm.

Und nun erscheint ein zweiter Comic, der sich des Themas Lateinamerika in den siebziger Jahren annimmt, diesmal auch unmittelbar, nämlich als rekonstruierte individuelle Geschichte der chilenischen Filmemacherin Carmen Castillo, die nach dem Putsch der Streitkräfte vom 11. September 1973 gegen Chiles Präsident Allende in den Untergrund ging, nach etwas mehr als einem Jahr verhaftet wurde und nur durch ausländischen Druck Folter und mutmaßlichem Tod entging. Statt dessen wurde sie ins französische Exil geschickt, wo die heute siebzigjährige Castillo immer noch lebt und arbeitet. Und wo sie von dem Szenaristen Maximilien Le Roy besucht wurde, der sich von ihr die Ereignisse der Zeit und vor und während der Diktatur erzählen ließ und darüber einen Comic schrieb (Leseprobe).

Der heißt in der deutschen Ausgabe, die nun, ein Jahr nach dem Original, bei der Edition Moderne erschienen ist, „Überlebt!“, und das ist seltsam, denn auf französisch lautet der Titel „Vaincus mais vivants“ (Besiegt, aber überlebt). Mutmaßlich hatte der Verlag dieselben Bedenken wie Carmen Castillo selbst, die, wie man Le Roys Vorwort entnehmen kann, den ursprünglich vorgesehenen Titel „Die Geschichte der Besiegten“ zu negativ fand und deshalb auf Änderung drang. Dass nun in der deutschen Ausgabe beinahe das Gegenteil der ursprünglichen Absicht des Szenaristen herausgekommen ist, darf wohl als eine der Ironien der Geschichtsschreibung gelten. Mittlerweile bekommt man ja tatsächlich durch Film und Literatur oft den Eindruck vermittelt, als wäre der Widerstand in Chile erfolgreich gewesen. Die tiefe Schwärze von Roberto Bolanos Roman „Chilenisches Nachtstück“, der keine Hoffnung lässt, ist fast schon Ausnahme.

Le Roy indes beschönigt nichts über die vielen Opfer und den Verrat, der damals jeden Gedanken an inneren Widerstand vernichtete. Und sein Zeichner, Loic Locatelli Kournwsky, scheut auch nicht vor der direkten Darstellung von Misshandlungen und Tortur zurück, wobei die entsprechenden Szenen schlaglichtartig vorüberziehen – wie der ganze hundertzehnseitige Comic als eine schnelle Abfolge wechselnder Ereignisse konzipiert ist, in der sich zwei Zeitebenen durchdringen: die sechziger und siebziger Jahre sowie das Jahr 2002, als Carmen Castillo nach Chile zurückkehren konnte und die Stätte aufsuchte, wo sie sich gemeinsam mit ihrem Gefährten, dem Generalsekretär der linksradikalen Parte MIR, Miguel Enriquez, versteckt gehalten hatte und schließlich enttarnt worden war. Enriquez wurde am 5. Oktober 1974 beim Sturm der Polizei im Kugelhagel getötet, und die schwangere Castillo brachte zwei Monate später ihren gemeinsamen Sohn zur Welt, der aber kurz nach der Geburt starb.

So steht hinter der Erzählung des Comics eine persönliche Tragödie, doch was „Überlebt!“ vor allem lesenswert macht, ist die Vielzahl an zeitgeschichtlichen Fakten, die der Band nebenher vermittelt. Über die politische Konstellation unter Allendes Regierung, über die Perfidie der Fahndungsmethoden von Pinochets Schergen nach den Oppositionellen, über die französische Unterstützung für die chilenischen Exilanten – all das wird detailliert dargestellt, ohne dass es zum Mittelpunkt der Geschichte würde. Da stehen Carmen und Miguel, und ihre Liebe zueinander bringt ein Pathos in den Comic, das aus ihnen doch fast überlebensgroße Figuren macht. Gegenüber dem Privaten kommt bei beiden das Politische zu kurz; über Miguel Enriquez‘ Haltung zur Militanz etwa erfährt man wenig. Diese Leerstelle überrascht, denn dass sich darüber die MIR beinahe spaltete, wird durchaus berichtet.

Leider ist Kournwsky als Zeichner nur zweitklassig, solider französischer Mainstream, nicht mehr. Für eine spezifisch chilenische Stimmung hat er kein Auge, weder bei der Kolorierung noch bei der der Anlage von Dekors. Da vermittelt das im Anhang abgedruckte Gespräch von Maximilien Le Roy mit Carmen Castillo mehr Zeitkolorit als die doch eigentlich auf Anschaulichkeit verpflichtete Comicform. Das Buch ist ein Beispiel dafür, dass Stoffe bisweilen zu gut sind für ihre Umsetzung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.