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Andreas Platthaus: Das bunte Quadrat

Klingt die Überschrift wie ein Bauhaus-Manifest? Dann stimmt alles. Denn der Sammelband „Bauhaus Graphic Stories“ will zum Jubiläum der Institution neben anekdotischen Episoden auch die vor hundert Jahren in Weimar begründete Formensprache vorstellen.

Nach einem ganzen Jahr permanenter Bauhaus-Feierei zum hundertsten Jubiläum auf allen Medienkanälen und in allen medialen Formen nun auch noch ein Comic zum Thema? Oh ja, denn was die in Weimar beheimatete Literarische Gesellschaft Thüringen da unter dem Titel „Bauhaus Graphic Shorts“ herausgebracht ist, verdient Beachtung. Weil es nicht einfach Comics sind, die sich darin finden, sondern in der Tat wörtlich übersetzt fünf graphische Erzählungen in jeweils ganz unterschiedlicher Gestaltung, aus deren Gesamtheit ein Blick aufs Bauhaus in den Weimarer Anfangsjahren entsteht, der andere Perspektiven bietet als die üblichen Erinnerungs(p)artikel. Und das will in diesem Jahr des Überflusses an Bauhaus-Auseinandersetzung und auch des daraus resultierenden Überdrusses wirklich etwas heißen.

Es beginnt beim Format: Der Band ist quadratisch. Und jeder der fünf Geschichten ist eine einzelne Farbe zugeordnet. Wie das aussieht, lässt sich am besten durch die Aufnahmen des fertigen Buchs auf der eigens eingerichteten Homepage erfassen. Quadratisch ist das Buch, weil das Quadrat eine der drei Grundformen ist, um die sich in den sogenannten Vorkursen für die Studienanfänger alles drehte – die anderen beiden waren natürlich Kreis und Dreieck, aber beides sind keine guten Formate für Bücher. Genauso wichtig in den Vorkursen war die Farbenlehre, und deshalb ist es nur konsequent, dass hier Gelb, Violett, Orange, Türkis und Grün starke Einzelrollen spielen – wenn auch eine so unmittelbare Zuordnung zur Stimmungslage, wie sie etwa Wassili Kandinsky als Bauhaus-Meister behauptet hat, im Comicband nicht feststellbar ist. Tatsächlich wirkt die Zuordnung bisweilen gar willkürlich, etwa in der ersten Geschichte, „Nicht hier, nicht dort“, die vom Illustrator Carsten Weitzmann bewusst in Schwarzweiß angelegt wurde, aber dann um drei gelbe Einsprengsel in Textkästen ergänzt wurde, die eher ein Farbfeigenblatt sind als ein Farbenspiel. Da ging das Konzept des Bandes wohl der konkreten Gestaltung der Geschichten voran. Schade.

Aber die Erzählungen selbst sind gut, alle fünf. Sie wurden jeweils von einem Autorengespann umgesetzt: Text und Bild lagen in verschiedenen Händen. Weitzmann etwa arbeitete nach einem Szenario von Daniela Danz, der Direktorin des Schillerhauses in Rudolstadt, die auf den nach Russland emigrierten Bauhäusler Erich Borchert gestoßen war, einen Architekten, der dort im Dienste der Sowjetunion Entwürfe für neue Siedlungen im Osten des Riesenreichs lieferte – um schließlich im Zweiten Weltkrieg als angeblicher Staatsfeind selbst in einem kasachischen Lager zu enden und dort gerade einmal siebenunddreißigjährig zu sterben. Für dieses erschütternde Schicksal ist das historisch anmutende Schwarzweiß die richtige Form und die gelben Textblöcke stechen völlig unmotiviert heraus. Das ist ein Verrat an der Bauhaus-Idee, in der die Form auch eine Funktion erfüllen sollte.

Man musste es noch einmal sagen, weil es ein so einmaliger Ausrutscher in diesem ansonsten hocherfreulichen Band ist. Und der Einwand ist auch rasch vergessen, wenn man die weiteren Geschichten liest und dann immer aufs Neue über den Einfallsreichtum der Formen staunt. Mehr Comic als in der Anfangsepisode gibt es übrigens gar nicht, danach illustriert Alexander von Knorre unter dem Titel „Barometer“ ein Szenario von Peter Neumann, und beide stellen dem stockkonservativen Geist von Weimar das munter-libertäre Treiben der Bauhäusler – ausgedrückt am Beispiel ihrer legendären Feste – gegenüber. Dazu zeichnet Knorre passend burlesk-cartoonesk, ein wenig im Stil von Ronald Searle, jedenfalls sehr dynamisch. Und Textpassagen, die das biedere Bürgertum betreffen, sind in Fraktur gesetzt, während das lockere Bauhaus-Leben in einer computergenerierten Schreibschrift gesetzt ist – nun ja, auch nicht gerade bauhausgemäß, aber man versteht, wie’s gemeint ist: jugendfrisch und -frech. Wenn’s der Verständlichmachung dient …

In „Barometer“ kommt violett als Zusatzfarbe zum Einsatz. Die hätte ich eher bei der dritten Geschichte „Maternoster“ erwartet, weil es da um die Frauen am Bauhaus geht. Und zwei Frauen haben diese Episode auch gemeinsam erarbeitet: Franziska Wilhelm aus der Leipziger jungen Literaturszene und die Illustratorin Sandra Bach. Sieben Geschosse verbindet der Maternoster, und auf jeder Ebene wird eine andere Geschichte um Bauhäuslerinnen erzählt, von den Bekanntesten wie Anni Albers oder Marianne Brandt bis zu eher Vergessenen wie Adelgunde Stölzl oder die in Theresienstadt von den Nazis ermordete Friedl Dicker. Einigermaßen erstaunlich ist das Fehlen von Marguerite Friedländer, der Meistertöpferin; mit ihr hatte ich fest gerechnet, weil im Vorwort auch von der Bauhaus-Töpferwerkstatt in Dornburg die Rede war. Aber darüber wird kein Wort und kein Strich verloren, und schon wieder ist eine unglaublich virtuose Frau von der Kunstgeschichtsschreibung vergessen worden.

„Maternoster“ bietet aber die originellste, auch abstrakteste Form aller fünf Erzählungen. Sandra Bach hat zu Franziska Meisters Texten geradezu assoziativ gezeichnet: ein wenig im Stil von Oskar Schlemmers Metallwandreliefs. Herausgekommen ist eine Zwiesprache von Text und Bild, die tatsächlich das von beiden Autorinnen angestrebte performative Ideal zum Ausdruck bringen: spontane Interaktion. Während sich sowohl Stefan Kowalczyk mit seinen türkisen Bildern zu Joshua Schößlers Erzählung „Mein Lehrer Iten“ als auch Olivia Vieweg, die mit Abstand bekannteste am Buch beteiligte Zeichnerin – ihre Comics von „Endzeit“ bis „Huckleberry Finn“ gehören zum Besten, was in Deutschland in den letzten Jahren herausgekommen ist –, mit der Bebilderung zu Stefan Petermanns „Der Tag eine Eisscholle“ ganz in den Dienst der jeweiligen Szenarien gestellt, also illustrierend statt kommentierend gezeichnet haben.

Was beider Virtuosität gar nicht abträglich ist: Kowalczyk findet zu der Tagebuch-Fiktion eines in blinder Gefolgschaft zum charismatischen Bauhaus-Meister Johannes Itten entbrannten Studenten verstörende Traumbilder, die zwischen der Brutalität von Gerald Scarfe und der Melancholie von Shaun Tan changieren. Vieweg dagegen überrascht mit einem für sie ganz neuen Stil: Weiß auf schwarz gezeichnet wie Schabkarton, dazu partiell olivgrün eingefärbt, wird der Aufbruch eine Jungen, dessen Familien und Welt im Ersten Weltkrieg zusammengebrochen ist, zum Bauhaus erzählt – auf nur sechzehn Seiten, wie übrigens alle fünf Geschichten. Die Gleichgewichtigkeit der Erzählungen ist wichtig fürs Programm des Bandes, denn so wird keine Episode dominant.

Kurze Interviews mit den zehn Beteiligten zu den Gedanken bei den individuellen erzählerischen wie graphischen Stil-Entscheidungen runden den sehr schönen Band ab. Hier bekommt man fünffach geboten, was man mit kombiniertem Text und Bild alles machen kann. Und da mit Lyonel Feininger auch ein Comic-Pionier am Bauhaus lehrte, gibt es sogar eine unmittelbare Verbindung zwischen der Hochschule und der Erzählform. Wenn diese Beziehung auch nie im Buch ausgesprochen wird. Wozu jedoch auch, wenn man beim Lesen das Gefühl bekommt, dass Gegenstand und Form hier so gut zusammenpassen, wie es das Bauhaus eben wollte.

Sondermann-Gala 2019: Strich, Punkt und Prostata

Die diesjährige Sondermann-Gala war ein voller Erfolg. Ganz Österreich war anwesend, um der Verleihung des Hauptpreises (dotiert mit 5.000 Euro) an Nicolas Mahler und des Förderpreises (dotiert mit 2.000 Euro) an Stefanie Sargnagel beizuwohnen.

Durch den Abend führte der zwischendurch seinen Hut wechselnde Andreas Platthaus (er trug vor und nach der Pause Hut, aber nachher einen anderen als vorher). Ganz austriakisch spielte das Musiker*innen-Trio aus Markus Neumeyer, Ingrid El Sigai und Frank Wolff einen Walzer nach dem anderen, das Publikum in der Brotfabrik reagierte mit rhythmischem Beben. Nach einer Kurzvorstellung der erstmals auch auftretenden Sondermann-Stipendiat*innen Paula Irmschler und Adrian Schulz (das bin ich, der Autor dieser Zeilen), die ihrer Generation entsprechend launig-mürrisch einen floskelgespickten Praktikumsbericht ablieferten, fasste Festredner Patrick Bahners im Hauptvortrag „Der Berg ruft zurück“ die alpinen Referenzen im Sondermann-Oeuvre bündig zusammen.

Bild: In diesem Moment hatte die Sängerin Ingrid El Sigai ihren Mund geschlossen.

Laudator Tim Wolff, einer der „vielen Ex-TITANIC-Chefredakteure“ (Platthaus), übertraf sich fast selbst, als er seine Rede auf einen Satz herunterzukürzen und spontan die Bühne zu verlassen ansetzte, diese reichlich theatrale Geste aber kurzerhand doch wieder unterband. Denn der „alte weiße Mann“ (Wolff über sich selbst) hatte doch einiges zu sagen über die junge, erfolgreiche Frau aus Österreich, die, so Wolff, den Sondermann-Verein mehr fördere als er sie. Als Meisterin der kurzen Form, als Gönnerin und Könnerin würdigte Wolff die Cartoonistin und Autorin, die, sichtlich ungerührt, ihre neuesten Posts übers Bahnfahren und Hotelessen auf Lesereise vortrug, über Männer, Prostata, Deutschland und Österreich.

Bild: Förderpreisträgerin Sargnagel mit ihrem Scheck.

Der aktuelle TITANIC-Chefredakteur Moritz Hürtgen trug einige Gedichte aus seinem aktuellen Buch „Angst vor Lyrik“ vor und bewarb es nonchalant zum Kauf. Hans Zippert (Vorsitzender des Sondermann-Vereins) gab seinen diesjährigen Weltnachrichtenüberblick über Brötchen und die sonstige Lage und ehrte den ersten Ehren-Sondermanns Claus Wisser mit einer Ehrenmitgliedschaft. Danach war es genug mit der Ehre bzw. ging es damit erst richtig los, denn: Der Hauptpreisträger Nicolas Mahler wurde von Laudator und auch Ex-TITANIC-Chefredakteur Oliver Maria Schmitt in seiner Eigenschaft als „Meister der Linie“ (Schmitt über Mahler) eingeführt und sprach schließlich selbst, zeigte seinen Weg vom Underdog-Selbstverleger und Verwalter von Comicheft-Automaten zu einem der klügsten Zeichner der Gegenwart, der zwischen Suhrkamp-Hochkultur und Satiresumpf agil changiert.

Bild: Der Hauptpreisträger Nicolas Mahler mit Gabriele Roth-Pfarr vom Sondermann-Verein und Scheck

Falls Sie diesen Bericht lesen und selbst auf der Gala waren, wissen Sie ja ohnehin schon, was dort passiert ist, und wissen es vermutlich für sich selbst viel besser als ich, denn ich kann ja weniger gut für Sie Ihr Wissen wissen, das müssen Sie schon selbst machen, außer, Sie haben ein schwaches Gedächtnis, was natürlich total okay wäre; ich weiß es für mich gut und für Sie ein bisschen (s.o.). Falls Sie diesen Bericht lesen und selbst nicht auf der Gala waren, müssen Sie unbedingt auf die nächste gehen; ich weiß zwar noch nicht, was genau dort passieren wird (das wäre zu viel verlangt), bin aber sicher wie das Feuer der Erde, dass es oberaffengeil wird, wie wir jungen Leute sagen. Sonder and out.

Alle Bilder: Alexander Golz

Andreas Platthaus: Von der Kollaboration zur Deportation

Emile Bravo setzt seinen im Zweiten Weltkrieg angesiedelten Spirou-Comic „Die Hoffnung“ fort.

In Frankreich und Belgien ist dieser Band eine Sensation. Kein Wunder, denn es ist der zweite Teil einer auch schon anlässlich des ersten gefeierten Erzählung, die zum Helden mit Spirou einen der populärsten frankophonen Comichelden überhaupt hat. Und zum Gegenstand eines der immer noch umstrittensten Themen der französischen und belgischen Geschichtsschreibung: die Rolle der Kollaboration in beiden Staaten mit der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Der Titel der auf insgesamt vier Bände angelegten Spirou-Geschichte lautet „Die Hoffnung“. Und bei Carlsen ist jetzt sehr rasch nach dem französischen Original die deutsche Übersetzung erschienen (die ersten fünf Seiten kann man sich – winzig – hier ansehen.

Wer aber nun angesichts des hoffnungsbeschwörenden Titels eine Bemühung des französischen Comic-Autors Emile Bravo vermutete, die dunklen Jahre der Besatzungszeit in Belgien aufzuhellen, womöglich gar einen Widerstandsheldengeschichte zu erzählen, der vermutet (bislang) falsch. Wobei die ganz provokativen Volten aus dem ersten Teil jetzt etwas abgemildert werden: Spirous treuer Freund Fantasio ist nun nicht mehr ein Musterkollaborateur wie aus dem Lexikon des Unmenschen, sondern nur noch ein naiver junger Typ, dem das Perfide und auch teilweise Antisemitische, das im Auftaktband noch anklang, abgeht. Es wäre interessant zu wissen, ob diese Modifikation auf eine Intervention des Verlags zurückgeht, aber da Bravo seine ganze Geschichte fertig skizziert hatte, bevor er anfing, sie ins Reine zu zeichnen, und er als kompromissloser Autor gilt, darf man annehmen, dass diese Entwicklung von ihm so gewollt war. Also doch ein Lichtstreif Hoffnung…

Schon der Beginn des zweiten Albums, das mit fast neunzig extrem textreichen Seiten eine intensive Lektüre für Stunden bietet, ist eine Überraschung, weil man am Ende des ersten Bands Fantasio und vielleicht auch noch Spirou auf dem Weg nach Berlin, also ins Herz der Finsternis, wähnte. Im Zug Richtung Deutschland sitzt Fantasio schon, doch daraus ist er auf der vierten Seite der Fortsetzung  wieder heraus, und fortan sind die beiden jungen Männer – Bravo siedelt sein Abenteuer bewusst in der Jugendzeit Spirous an, ganz synchron zur Publikationsgeschichte der Figur – faktisch doch im Widerstand, erst geistig, aber dann auch praktisch mit einem politsatirischen Kasperletheater, wie es sie in Belgien seinerzeit tatsächlich gab. Angesichts der Tradition der Serie „Spirou“ knüpft Bravo viel eher an Jean-Claude Fourniers sozialkritische realistische Stoffe der siebziger Jahre an als an André Franquins viel berühmtere Geschichten davor, die ihre politischen Anspielungen in groteske Phantastik kleideten (etwa in „QRN ruft Bretzelburg“). Bravo dagegen hat für seinen Stoff eifrig recherchiert, sowohl real- als auch comicgeschichtlich, und das macht seinen Zyklus „Spirou oder: die Hoffnung“ schon während des Entstehens zu einem Meilenstein.

Stilistisch ist Bravo paradoxerweise viel näher an der von Hergé begründeten Schule von Brüssel als an der von Marcinelle, zu der Franquin gerechnet wird. Also sieht Bravos „Spirou“ viel mehr nach „Tim und Struppi“, der großen Konkurrenzserie, aus. Das ist aber umso witziger, weil ja Hergé stets dessen Kollaboration mit den Deutschen vorgeworfen worden ist, und so findet man in dem in seinem ästhetischen Sinne abgewandelten Spirou einen besonders bösartigen Kommentar auf seine Rolle. Das ist allerdings keine bewusste Entscheidung Bravos: Alle seine Comics stehen graphisch in der Schuld Hergés. Das macht die Entscheidung des Dupuis-Verlags, Bravo die beliebteste Serie des Hauses anzuvertrauen, nur noch mutiger.

Manche Leser werden sich schwer tun mit der nun noch düsteren Farbgebung in dem Album, die jene entfärbte, staubige Kriegsstimmung wiedergibt, die von so vielen Zeitzeugen beschworen worden ist. Andere werden in der Einbeziehung des jüdischen Künstlerpaares Felix und Felka Nussbaum, die sich tatsächlich erst aus Deutschland nach Belgien gerettet hatten und später dort im Versteck die Besatzung zu überleben versuchten, eine historisch zu plakative und damit vor allem absehbare Geschichtenentwicklung sehen. Aber wer sagt denn, dass es im Comic so übel ausgehen muss wie in der Wirklichkeit? Quentin Tarantino macht in seinen Filmen ja auch gerne vor, wie man historische Katastrophen korrigiert. Allerdings ist Bravo vom Temperament her alles andere als ein Tarantino.

Wobei es denkbar actionreich in seinem Comic zugeht, und gestorben wird auch – sogar ganz sichtbar, was bei „Spirou“ sonst nicht üblich gewesen ist. Doch angesichts der Schrecken der geschilderten Zeiten wäre es beim historischen Genauigkeitsstreben Bravos undenkbar, dass man kindgerecht verharmlost. Ohnehin richtet sich dieses Mammutprojekt an erwachsene Leser, an ein sowohl comickunst- wie allgemein geschichtlich erfahrenes Publikum. Am Schluss des zweiten Teils von „Die Hoffnung“ sind wir übrigens wieder auf einem Bahnhof, und diesmal sitzt Spirou im Zug nach Deutschland. In einem Deportationszug. Man darf hochgespannt sein, wie er da im kommenden Frühjahr, wenn der dritte Band erscheinen soll, wieder herauskommt. Vor allem, ohne dass die historische Glaubwürdigkeit dieser ambitionierten Geschichte nicht doch arg strapaziert würde. Einen Cliffhanger wie diesen hat es im anspruchsvollen Comic jedenfalls seit dem ersten Band von Art Spiegelmans „Maus“ nicht mehr gegeben. Und die Bildgestaltung auf der letzten Seite des aktuellen „Spirou“ macht klar, dass Bravo genau diesem Vorbild auch nacheifern will.

Andreas Platthaus: An ihren Namen sollt ihr Asterix und Co. Erkennen

Der neue Band „Die Tochter des Vercingetorix“ versäumt sowohl im französischen Original wie in deutscher Übersetzung einiges an Möglichkeiten.

Morgen, am 29. Oktober, feiert „Asterix“ seinen sechzigsten Geburtstag. Wohlgemerkt: die Comicserie; der kleine tapfere Gallier selbst dürfte um das Jahr 75 vor Christus geboren sein, geht also stramm auf die 2100 zu. Seit einigen Jahren steht in den Comics allerdings der Alterungsprozess der Figuren still. Das erste Abenteuer, abgedruckt in der Comiczeitschrift „Pilote“ eben vom 29. Oktober 1959 an, setzte mit der Bemerkung ein, das man sich im Jahr 50 vor Christus befinde. Das ist im nun gerade erschienenen 38. Band, „Die Tochter des Vercingetorix“, noch immer so, obwohl in den ersten Alben bisweilen sogar moderat zeitlich vorgerückt wurde: auf bis zu 44 vor Christus. Aber seit längerem steht wieder alles auf dem Nullpunkt im Jahr 50 vor der Zeitenwende.

Das ist umso überraschender, als dass die kriegsentscheidende Niederlage von Alesia im Abwehrkampf der gallischen Stämme gegen die Römer erst 52 vor Christus stattgefunden hat. Wir sind also zeitlich sehr knapp danach dran. Und doch ist Alesia bei den Galliern schon vergessen – der Traumabewältigung wegen. Das wissen wir aus dem fünfzig Jahre alten Album „Der Avernerschild“. Und erfahren es jetzt in „Die Tochter des Vercingetorix“ noch einmal eindrucksvoll neu.

Dass der deutsche Egmont Verlag um den sechzigsten Geburtstag seiner einträglichsten Comicserie kein großes Aufhebens macht, überrascht, zumal es ja einigermaßen pünktlich dazu dieses neue Album gibt, dass wie üblich am selben Tag in Frankreich und Deutschland, den beiden asterixverrücktesten Ländern der Welt, in Millionenauflage herauskam (eine Leseprobe im Netz? Unmöglich! Aber man dürfte leicht Bilder daraus finden). Warum der neue Band so knapp daneben, nämlich nur fünf Tage vor dem Jubiläum, herauskommen musste, weiß Teutates. In der Pariser Metro gibt es immerhin zum Sechzigsten derzeit eine kleine Plakatkampagne mit berühmten Einzelszenen, so etwa die lyrische Antwort von Asterix auf die Bemerkung eines römischen Gegners, der gallische Krieger habe eine große Nase: „Mehr weißt du nicht, o Römerlein? Rühmst du sie schon und sprichst von ihr, so nenn sie wenigstens Menhir. Wenn nicht gar einen Hinkelstein.“ In der Pariser Untergrundbahn steht das natürlich auf Französisch, in jenem unverwechselbaren Rhythmus, den Edmond Rostand 1897 für sein populäres Versdrama „Cyrano de Bergerac“ über einen Edelmann mit sehr großer Nase gewählt hatte. Solche kulturellen Anspielungen haben stets den Reiz von „Asterix“ ausgemacht, und die deutsche Übersetzung bemühte sich immer schon eifrig, etwas Adäquates für die hiesigen Leser zu finden.

Das ist diesmal nicht anders. Klaus Jöken ist mittlerweile ein erfahrener Asterix-Übersetzer, und wie üblich haben sich noch drei weitere Herren, darunter der seit zehn Jahren für „Asterix“ hauptverantwortliche Redakteur Wolf Stegmaier, trotz seiner gerade mal 41 Jahre schon eine Art Methusalix der deutschen „Asterix“-Pflege, über Jökens Texte hergemacht, um so viel Sprach- und Witzreichtum wie möglich über die Sprachgrenze zu retten. Bei den Namen sind die Verluste schon immer am größten gewesen, aber da tut es am wenigsten weh. Uns sind Miraculix, Majestix, Troubadix oder eben Methusalix längst derart geläufig, dass wir mit den von René Goscinny gewählten französischen Originalnamen Panoramix, Abracourcix, Assurancetourix oder Agecanonix wenig anfangen können. Zumal sie meist weniger nahe an den persönlichen Eigenschaften der Figuren sind. Was sagt denn Assurancetourix (ungefähr: Reiseversicherungserix) über einen Barden aus?

Wichtig war Goscinny und dem Zeichner Albert Uderzo, den beiden Erfindern von „Asterix“, vor allem die ständige „-ix“-Endung ihrer gallischen Männernamen, und je abstruser diese ausfielen, desto besser (der Fischhändler Verleihnix etwa heißt im Original Ordrealfabétix, also Alphabetischeordnungix). Damit wollten sie phonetisch an den schon erwähnten Vercingetorix anknüpfen, den in der Schule alle französischen Kinder seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts und bis in die sechziger Jahre hinein als Inbegriff des gallischen Widerstands gegen die römische Okkupation kennengelernt hatten, weshalb sein für Gallier ganz untypischer Name vorbildgebend für alle verballhornten in der Comicserie wurde: ein hübscher Treppenwitz der Rezeptionsgeschichte, weil gerade die Endsilbe „-rix“ in „Vercingetorix“ wohl nichts anderes ist als das angehängte lateinische Wort „rex“ (König), so das Cäsar in seinem Buch über den Gallischen Krieg damit den Anführer der Gallier bezeichnete (und den geschlagenen Gegner per royaler Titulation größer machte, als er es wohl gewesen war). Aber auf die markante „-ix“-Endung waren vor Goscinny schon Marcel Moniquets Gallier-Comic „Aviorix“ von 1955 und noch früher, nämlich bereits 1946, Jean Nohains „Totorix“ gekommen – zwei kurzlebige Serien, die René Goscinny aber angeblich nicht kannte, als er sich 1959 „Asterix“ ausdachte.

Das kann man nachlesen in der reichhaltigsten Jubiläumsschrift, die jetzt zum Sechzigsten der Serie erschienen ist, der 32. Ausgabe einer französischen Vierteljahreszeitschrift namens „Schnock“, die sich mit nostalgischen Phänomenen der fünfziger bis siebziger Jahre befasst, bisweilen auch mit Comics. Auf fast hundert Seiten, mehr als der Hälfte des neuen Heftes, geht es diesmal um „Asterix“ und vor allem seine beiden Väter Goscinny und Uderzo, die jeweils mit langen Interviews vertreten sind. Da Goscinny schon 1977 gestorben ist, hat man sich für sein berühmtes Gespräch mit dem Comicexperten Numa Sadoul aus dem Jahr 1973 entschieden, das seitdem nie wieder komplett abgedruckt wurde, und der heute zweiundneunzigjährige und zurückgezogen lebende Uderzo kommt in einer langen Unterhaltung mit Huguez Dayez aus dem Jahr 1996 zu Wort. Sie ist sogar interessanter als das Gespräch mit Goscinny, weil Uderzo seltener befragt wurde und hier sehr offen Auskunft gab. Zum Schluss versicherte er, dass „Asterix“ mit ihm sterben werde, aber das wird nicht der Fall sein, denn Uderzo verkaufte 2012 gemeinsam mit Goscinnys Tochter Anne die Rechte an den Figuren an den Verlagskonzern Gallimard. Seitdem erscheinen neue Abenteuer, die von Jean-Yves Ferri geschrieben und von Didier Conrad gezeichnet werden.

„Die Tochter des Vercingetorix“ ist schon deren viertes Album in sechs Jahren; Ferri und Didier haben damit fast das ursprüngliche Tempo von Goscinny und Uderzo erreicht, während Letzterer als alleiniger Autor es in mehr als sechsunddreißig Jahren gerade einmal auf zehn Alben gebracht hatte. Lustig ist, dass mit den beiden jeweils sechzigjährigen neuen Autoren jetzt jene Generation für „Asterix“ verantwortlich ist, die zwar mit den alten Bänden aufgewachsen ist, aber nicht mehr mit demselben kulturellen Hintergrund, den Goscinny und Uderzo noch besaßen. Das wird deutlich, als Ferri meinem Kollegen Patrick Bahners erzählte (F.A.Z. vom 24. Oktober 2019), dass bei ihm und Conrad im Unterricht Vercingetorix keine Rolle mehr gespielt habe. Dadurch wurde ihre Neugier auf einen Mann geweckt, den sie am besten durch „Asterix“ kannten. Dass sie dann doch nicht ihn selbst, sondern seine Tochter zur Hauptfigur des neuen „Asterix“-Bandes gemacht haben, ist ein geschickter Zug, um der Mythenbildung um Vercingetorix zu entkommen, die zwar kaum mehr jemand kennt, aber dennoch die Erzählfreiheit eingeschränkt hätte.

Wobei wie bislang immer bei Ferri und Conrad zu viele Fäden aufgenommen werden, die dann nicht geschickt genug mit der Haupthandlung verwoben werden. Da gibt es etwa den gotischen (also deutschen) Jüngling Ludwikamadeus, der in römischer Geiselhaft zum Römer erzogen werden soll – wie es auch der Vercingetorix-Tochter mit dem schönen Namen Adrenaline blühte, wenn sie denn in die Hände der Römer fiele. Aber außer ein paar Gags um die musikalische Begabung von Ludwikamadeus fällt Feri nichts zu ihm ein, obwohl er selbst nur sechzehn Seiten zuvor eine scheinbar maßgeschneiderte Vorlage für eine Kombination dieser Figur mit Adrenaline gegeben hatte, als er zu Beginn des Albums deren Vorliebe für „gotische Kleidung“ thematisierte. Das aber blieb bei ihm nur eine billige Anspielung auf die heutige Gothic-Mode. Verschenktes Potential.

Und so ist es oft, wenn es um neue Figuren geht, wie etwa die Söhne der miteinander verstrittenen gallischen Dorfbewohner Verleihnix und Automatix, die hier als Aspix (im französischen Original Blinix, aber der deutsche Name ist besser geeignet beim Sohn eines Fischhändlers) und Selfix (so auch bei Ferri, ein billiger Gag ohne jeden Bezug zur Figur) eingeführt werden. Sie dienen allein zur Etablierung einer neuen, friedliebenden Generation, die sich genau wie ihre Altersgenossin Adrenaline den Erwartungen der Eltern zu entziehen sucht, aber mehr als eben dieser Generationenkonflikt ist offenbar nicht gewünscht. Ob wir Aspix und Selfix wiedersehen werden, wage ich zu bezweifeln. Zumal sie ja wegen des mittlerweile erreichten Zeitstillstands in der Serie nicht altern können.

Schön dagegen, dass erstmals dem in jedem Album seit „Asterix als Gladiator“ auftretenden Piratenschiff eine lange Szene von insgesamt siebzehn Seiten (also mehr als ein Drittel des Albums) gewidmet wird, in deren Verlauf Ferri und Conrad die Mannschaft als Ansammlung von Individuen präsentieren, darunter ein wunderbares Pastiche des kürzlich verstorbenen Sängers Charles Aznavour, für das die deutsche Übersetzung leider gar kein Gespür beweist. Dabei wäre der wohl auch hierzulande noch bekannt genug, um erkannt zu werden, wenn man seine Erfolge im Text zitierte.

Auf dieser vielfältigen Piratencrew ließe sich wohl künftig besser aufbauen als auf der Jugend im gallischen Dorf. Von Adrenaline und dem Flowerpower-Jüngling Letitbix (womit eine Spur zu den Beatles gelegt wird, die durch ein spätes John-Lennon-Zitat aber auch nur Ferris Freude am Assoziationsreichtum, nicht jedoch an einer konsequenten Figurencharakterisierung erweist), mit dem sie sich am Schluss davonmacht, wird wohl in weiteren „Asterix“-Bänden so wenig zu finden sein wie in den Geschichtsbüchern über die wahre Tochter des Vercingetorix. Ferri fehlt es im Vergleich mit Goscinny einfach an einem Witz, der über Kalauer oder bloße Pointen hinausginge. Er traut seinem Publikum zu wenig zu. Immer wieder etwa wird beschworen, dass Adrenaline „auszubüchsen“ drohe. Im Original heißt das: „Mais prends garde, elle fugue“ – pass auf, sie läuft gerne weg. Wer dächte als einigermaßen belesener Franzose beim Wort „fuguer“ nicht an das berühmteste flüchtige Mädchen der Literaturgeschichte: „La Fugitive“ (Die Entflohene) von Marcel Proust? Nun, Jean-Yves Ferri denkt offenbar nicht daran. Denn sonst hätte er seine Adrenaline wohl Albertine genannt. Und die typische „-ine“- Endung von gallischen Frauennamen hätte er damit auch noch gewahrt. Vertan! Es ist ein Jammer. So bleibt „Asterix“ eine höchst kurzweilige, aber keine inspirierende Lektüre. Wir sind im Jahr 42 nach Goscinnys Tod. Ganz Gallien ist vom Niedergang bedroht.

Sondermann-Gala 2019

11.11.2019
Einlass 19.30 Uhr, Beginn 20 Uhr
Brotfabrik Frankfurt
Mit: Patrick Bahners, Moritz Hürtgen, Nicolas Mahler, Markus Neumeier, Andreas Platthaus, Stefanie Sargnagel, Oliver Maria Schmitt, Tim Wolff & Hans Zippert
Tickets: https://www.brotfabrik.de/events/sondermann-gala-2019

Ehrenwerte Mitglieder, Freunde, Wohltäter und Gönner des Sondermann-Vereins, wie Ihnen nicht entgangen sein dürfte, ist der Sommer vorbei und der Herbst hat Einzug gehalten. Die Blätter fallen und deshalb halten Sie wenigstens dieses so lange fest, bis Sie den Text zu Ende gelesen haben. Sie fragen sich bestimmt, was hat die Sondermann-Vereinsleitung eigentlich das ganze Jahr über gemacht? Das können wir Ihnen sagen: Wir haben auf Ihre Mitgliedsbeiträge aufgepasst, die wir in einer Matratze mit Zahlenschloss im Vereinshaus in der Friedrichstraße sicher aufbewahren. Die Bewachung ist in Schichten von jeweils zwei Stunden Dauer organisiert, so dass pro Tag jeder von uns mindestens zweimal dran ist. Dazwischen bleibt nur wenig Zeit für weitergehende Vereinsarbeit aber wir tun natürlich, was wir können. Wir haben ein Register angelegt, in dem wir die Geldscheine nach Nummern geordnet ablegen können. Wir haben auch Kameras über der Matratze installiert, damit diejenigen, die gerade keine Schicht haben, den Wachhabenden oder die Wachhabende überwachen können, denn die Sicherheit Ihrer Beiträge liegt uns am Herzen. Es befinden sich mit Uwe Wittstock und Moritz Hürtgen zwei neue Mitglieder in der Wachmannschaft, über deren charakterliche Festigkeit wir noch keine ausreichenden Informationen haben. Beide haben sich aber bisher sehr erfreulich entwickelt. Herr Hürtgen hat einen 50-Euro-Schein, den Frau Roth-Pfarr zu Testzwecken auf der Matratze platziert hatte, zwei Stunden lang nicht angerührt, während Herr Wittstock ihn gegen zwei 20-Euro-Scheine austauschte. Es war angeblich ein Versehen, er wird die fehlenden zehn Euro bis Weihnachten zurückzahlen, er erwartet noch eine größere Summe Geldes von einem vertrauenswürdigen Herrn aus Nigeria. Doch wir wollen nicht immer nur von uns erzählen, wir würden natürlich auch gerne wissen, wie es Ihnen, den geschätzten Mitgliedern so geht.

Damit sie uns das in der gebotenen Ausführlichkeit erzählen können, haben wir für den 11.11. die Brotfabrik in Frankfurt gemietet, wo ein kompletter Stuhl mit Lehne für jeden von Ihnen reserviert ist. Wir haben auch ein kleines Unterhaltungsprogramm für Sie arrangiert, mit verschiedenen lustigen Wortbeiträgen und musikalischen Einlagen, an dem die Mitglieder des Sondermann e.V. kostenlos und ohne jede Kaufverpflichtung teilnehmen können. Natürlich haben wir auch die Matratze dabei, denn die kann ja nicht einfach unbewacht im Vereinshaus bleiben, wir sind ja nicht blöd. Wir werden sogar unter notarieller Aufsicht das Zahlenschloss öffnen, um zwei glücklichen jungen Künstlern aus Österreich ihr Preisgeld auszuzahlen. Das sollten Sie sich nicht entgehen lassen. Wir freuen uns auf Sie, mit dem Motto des Sondermann e.V.: »Weiche von mir, schwuler Fußball!«

Hans Zippert

Andreas Platthaus: Tolle „Polle“ (die zweite)

Die nächste Ausgabe des Kindercomicmagazins hat viel länger auf sich warten lassen, als erhofft, aber die Geduld hat sich gelohnt.

Die erste Ausgabe des Comic-Magazins „Polle“ kam vor fast anderthalb Jahren heraus, und ich war ziemlich begeistert, wie man in einem damaligen Blogeintrag nachlesen kann. Dann fing das große Warten auf die zweite Ausgabe an. Das lag daran, dass „Polle“ ein von Jakob Hoffmann, Ferdinand Lutz und Dominik Merscheid entwickeltes Vorhaben war, für das die drei Initiatoren auf Crowdfunding setzten. Die Zielgruppe aber sind Kinder, solche im Lesealter natürlich bis ungefähr ins Alter von zwölf Jahren, würde ich schätzen. Die haben zu wenig Geld für Crowdfunding. Wenn sie überhaupt von ihren Eltern ins Netz gelassen werden. Denn wer sich für ein gedrucktes Comicmagazin interessiert, der hat wohl mit dem Internet nicht allzu viel am Hut. Aber wie dem auch sei – finanziert hätte das Kindercomicmagazin „Polle“ von Erwachsenen werden müssen. Und das geschah nicht.

Das Warten auf die zweite Ausgabe hat nun trotzdem ein Ende, denn Hoffmann/Lutz/Merscheid sind bei „Gecko“ untergeschlüpft, der Kinderzeitschrift, deren Klientel altersmäßig etwas unterhalb vom „Polle“-Publikum angesiedelt ist. Also könnten aus „Gecko“- dann „Polle“-Leser werden, und das hat wohl auch die etablierte Zeitschrift dazu bewogen, sich bei dem neuen Projekt zu engagieren, auf dass der Neuling auch einmal die dreiundsiebzigste Ausgabe erreiche, wie es jetzt gerade bei „Gecko“ der Fall ist. Das Konzept blieb gleich (viele Comics, ein illustriertes Lied zum nachspielen und Mitsingen, Rätsel), aber das Format hat sich geändert: „Polle“ Nr. 2 ist deutlich größer als „Polle“ Nr. 1, eben „Gecko“-Format statt des kleinen Heftchens vom Beginn. Der Umfang ist mit 52 Seiten stolz, der Preis mit 8,90 Euro einigermaßen stolz, aber angesichts des Inhalts allemal vertretbar.

So sieht die zweite Ausgabe aus, eine Leseprobe gibt es leider nicht. Was daran liegen könnte, dass es sich ja um eine Anthologie handelt, und wen wollte man da herausheben? Nun, ich hebe mal einen heraus, eine Berühmtheit: Ralf König, der für „Polle“ seinen ersten Kindercomic gezeichnet hat, betitelt „Männchen“. Nun dürften die wenigsten Comic-Kenner Geschichten von Ralf König für kindgerecht halten, aber hier hat er sich eine vierseitige Handlung ausgedacht, die einerseits ganz typisch König ist (nein, es geht nicht um Sex, aber um Evolution, und ganz ohne Geschlechtsteile geht es auch hier nicht ab), andererseits aber jugendfrei im besten Sinne. Und Jakob Hoffmann hat direkt danach noch einen Erklärtext drangehängt, wie es die erste „Polle“ auch schon bisweilen vorgemacht hatte.

Die größte Überraschung ist allerdings der erste Comic im Heft: „Der Fluch von Lorringham“ der englischen Zeichnerin Tor Freeman, und wer sich davon einen Eindruck verschaffen will, der kann es in der Originalsprache auf der Homepage der Künstlerin tun Ihre anthropomorphen Tierfiguren, eine androgyn gezeichnete Polizeichefin in Hundegestalt und ihr Untergebener, der Kater Sid, sind ein sehr witziges Gespann, und auf den zwölf Seiten der Geschichte wird eine komplexe Handlung entfaltet, die ausgesprochen liebevoll gezeichnet ist. Von Tor Freeman wird man hoffentlich noch viel mehr sehen.

Marc Boutavant, Leo Leowald, Aisha Franz, Barbara Yelin, Tobi Dahmen und nicht zuletzt der Herausgeber Ferdinand Lutz selbst sind dagegen längst etablierte Comicautoren, wobei man sagen muss, dass sowohl Yelin als auch Franz nur jeweils einen Comic-Strip für die zweite „Polle“ gezeichnet haben. Aber gerade solch prominente Kleinigkeiten sind ja ein Qualitätsnachweis fürs Heft, und Tobi Dahmens kleine Niederländisch-Lektion (der Zeichner lebt mit seiner Familie in Utrecht) ist auch ganz zauberhaft. Man kann „Polle“ nur den Daumen drücken, denn ein besserer Einstieg ins Comiclesen ist für deutsche Kinder derzeit nicht möglich. Daran hat sich in anderthalb Jahren Wartezeit nichts geändert.

Andreas Platthaus: Radikal individualistisch emanzipiert

Am Leben der Rose Wilder Lane lässt sich die ganze amerikanische Gesellschaft darstellen. Der Comiczeichner Peter Bagge macht daraus einen ebenso anspruchsvollen wie unterhaltsamen Sachcomic.

Der Tipp kam von keinem Geringeren als Art Spiegelman. Als wir zuletzt zusammensaßen, rekapitulierte er einige seiner erfreulichen Comic-Leseeindrücke der vergangenen Monate (die Fernsehserien, für die er sich derzeit sehr interessiert, hatten wir schon hinter uns) und fragte mich, ob ich noch etwas mit dem Namen Peter Bagge anfangen könne. Ich konnte, aber meine letzte Lektüre lag etliche Jahre zurück, irgendwann in den späten Neunzigern, als es noch den Berliner Comicverlag Jochen Enterprises gab, wo Peter Bagges Heftserie „Krass“ erschien, die von den Alltagserlebnissen eines jungen Mannes in Seattle erzählte, wo der 1957 geborene Zeichner damals auch lebte. Das waren wenig erbauliche Geschichten, denn dieser Buddy Bradley war ein Loser. Dafür war der charakteristische Zeichenstil von Bagge umso erfreulicher: beste schwarzweiße Underground-Tradition mit Figuren, die in Körperhaltungen porträtiert wurden, die ihre Wurzeln in der Trickfilmästhetik hatten: Wer sich schon geistig nicht verbiegen will, der muss physisch umso gelenkiger sein. Unverkennbar war diese Ausdrucksform, niemand zeichnete Menschen so wie Bagge.

So ist es immer noch, wie ich am Tag danach sah, als ich in einem New Yorker Buchladen ein paar Straßen weiter nach den mir von Spiegelman genannten drei neuen Bagge-Titeln suchte. Zwei davon waren in der reich sortierten Comicabteilung zu finden: „Fire! – The Zora Heal Hurston Story“ und „Credo – The Rose Wilder Lane Story“, beide erschienen beim kanadischen Drawn-&-Quarterly-Verlag, der besten Adresse für nordamerikanische Autorencomics. Gemeinsam mit dem im Laden fehlenden Band „Woman Rebel – The Margaret Sanger Story“ vom selben hat Bagge eine Trilogie geschaffen, die amerikanischen Frauenrechtlerinnen gewidmet ist. Erstaunlich, dass ein Mann sich dieser prominenten Feministinnen annimmt. Aber nachdem ich mich für den Lane-Band als jüngste der drei Publikationen entschieden und abends losgelesen hatte, merkte ich bald, was Bagge daran gereizt hat. So kompromisslos ihren eigenen Weg wie Rose Wilder Lane haben nicht einmal seine Bradleys ihren Weg verfolgt (eine Leseprobe bietet die Homepage von Drawn & Quarterly leider nicht an; deshalb hier der Link zu einer amerikanischen Besprechung des Comics mit Bildbeispielen.)

Rose Wilder Lane lebte von 1886 bis 1968, und in diesen zweiundachtzig Jahren hatte sie einen Eigensinn entwickelt, der bis zur Halsstarrigkeit reichen konnte, aber ihr auch eine Unbeugsamkeit verlieh, die sie als einziges Kind einer Farmerfamilie im abgelegenen, damals noch nicht einmal als amerikanische Bundesstaaten anerkannten Dakota Territory dringend brauchte, um als Frau ihren Weg gehen zu können. Sie war eine Verfechterin individualistischer Überzeugungen, die im Kommunismus den Erzfeind sah, zugleich aber die amerikanische Gesellschaft durch ihr Beharren auf Emanzipation herausforderte. Und zwar Emanzipation auf allen Ebenen. So hatte Rose Wilder Lane vor allem die Auseinandersetzung mit ihrer Mutter zu bestehen, der Schriftstellerin Laura Ingalls Wilder, die einerseits missgünstig auf die intellektuelle Entwicklung der Tochter blickte, andererseits mit den Büchern einer 1932 begonnenen autobiographischen Serie von Romanen über Kindheit und Jungend auf einer kleinen Farm selbst unglaublich erfolgreich war. Wobei mittlerweile bekannt ist, dass ihre Tochter einen wichtigen Anteil an der Niederschrift hatte.

Um diese familiäre Zusammenarbeit an den in Amerika bis heute weit verbreiteten „Our House“-Büchern, die aber von der nominellen Verfasserin nach außen hin stets geleugnet wurde, geht es in dem Comic natürlich auch, aber Bagge erzählt generell von den sozialen Unverträglichkeiten seiner Heldin Rose – und dem sonderbaren Kreis von Freundinnen und Freunden um sie, teils Lebens-, teils Berufspartnerinnen und -partner, die als Gruppe ein Panoptikum der sozial engagierten Amerikaner in den ersten zwei Dritteln des zwanzigsten Jahrhunderts darstellen, das für jede Fernseh-Soap eine phantastische Grundlage bieten würde.

Wobei Bagge sein „Credo“ dermaßen mit erzählerischen Details stopft, dass man ohne den ausführlichen Kommentarteil, der zu jeder gezeichneten Seite die realen Hintergründe erläutert und auch die historischen Fotoquellen für Bagges Porträtdarstellungen seiner Protagonisten offenlegt, rettungslos verloren wäre – zumal als deutscher Leser, dem die meisten Beteiligten nichts sagen. Aber wenn man erst einmal akzeptiert, dass „Credo“ nicht die bloße Bebilderung einer bemerkenswerten Biographie liefern soll, sondern eine auf dem neuesten Stand der biographischen Forschung befindliche Interpretation des Lebens von Laura Wilder Lane, dann wird man in diesem Band (wie auch in den beiden anderen der Trilogie) ein Experiment auf dem Feld des Sachcomics erkennen, wie es radikaler kaum jemand vor Bagge gewagt hat. Und seine charakteristisch verzerrten Figurenphysiognomien stellen angesichts des sämtlich nahe an psychischen Störungen laborierenden Personals genau die richtige graphische Form dar. Ein Jammer, dass sich wohl kaum ein deutscher Verlag finden lassen dürfte, der das Risiko einginge, diese hierzulande nahezu unbekannten Biographien als exemplarische Beispiele des intellektuellen Kampfs um Geschlechteremanzipation doch übersetzen zu lassen. Aber soweit hat es das Interesse der Genderforschung leider noch nicht gebracht.

Andreas Platthaus: Etwas Besseres als diesen Todes-Comic findet man selten

In „Gevatter“ erzählt Schwarwel über seine Kindheitsängste und führt seinen Protagonisten bis in die Verzweiflung eines Erwachsenendaseins. Fünf Hefte soll die Geschichte umfassen, finanziert wird sie von einer Stiftung, die den Umgang mit dem Tod erleichtern will.

Dies ist ein Comic über den Tod (was man dem Titel „Gevatter“ schon ablesen kann), aber der größte Schock traf mich erst am Schluss bei der Lektüre eines Gesprächs mit dem Leipziger Zeichner Schwarwel, dem wir nicht nur „Gevatter“ verdanken, sondern noch ganz viele andere wunderbare Comics wie seine „Schweinevogel“-Serie in den neunziger Jahren oder die „Seelenfresser“-Trilogie. Und der Schock war, dass ebendiese letztgenannte Trilogie noch gar nicht abgeschlossen ist, sondern nach zwei Bänden („Liebe“ und “Glaube“) 2012 unterbrochen wurde, weil es dem vielbeschäftigten Schwarwel an der nötigen Zeit zum Abschluss fehlt. Sieben Jahre ist es also her, dass ich die ersten zwei Teile gelesen habe, und mir sind sie so stark im Gedächtnis geblieben, dass ich sie niemals für ein Fragment gehalten hätte. Manchmal kommt man sich unsagbar töricht vor.

Warum schließt Schwarwel das Projekt aber nun nicht ab, sondern beginnt mit „Gevatter“ eine auf fünf Hefte angelegte neue Serie? Weil „Seelenfresser“ ein privates Liebhabervorhaben des Zeichners war, das ganz auf eigene Rechnung in seinem Verlag „Glücklicher Montag“ erschien, während „Gevatter“ finanziell gefördert wird: von der Leipziger Funus-Stiftung, die sich als Gründung eines lokalen Feuerbestattungsunternehmens nach eigenen Angaben „für einen unverkrampften Umgang mit dem Tod einsetzt“. Keine leichte Aufgabe, möchte man meinen, bei etwas, das man sich im Regelfall nicht aussucht.

Schwarwel macht es sich und uns mit „Gevatter“ denn auch nicht leicht, aber das ist umso besser. Wie der Comic aussieht, kann man sich hier ansehen. Wie schon im Falle seiner letzten beiden Trickfilme „1989 – Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer“ und „Leipzig von oben“ greift der als Thomas Meitsch 1968 in Leipzig geborene Künstler auch für „Gevatter“ auf seine eigene Biographie zurück. Sein Protagonist Tim, ein kleiner Junge, wächst in der DDR der siebziger Jahre in einer vierköpfigen Familie auf, hat noch Groß- und sogar Urgroßeltern, beobachtet an diesen und auch an einer geistig behinderten Cousine aber die Anfälligkeiten des Menschen. Der Tod von Haustieren und die Bemühungen der Eltern, dem Jungen das Phänomen des Sterbens zu erläutern – die Mutter ist Ärztin –, tun ein Übriges dafür, dass Tim in bisweilen panische Angst und grässliche Träume versetzt wird.

Eingebettet ist die Erinnerung an diese Kindheit in eine Rahmenhandlung, die den mittlerweile längst erwachsenen Tim in einer existenziell bedrohlichen Situation der Gegenwart zeigt. Wir haben es bei der Haupthandlung von „Gevatter“ also mit Flashbacks in die Vergangenheit zu tun, und man darf wohl vermuten, dass in den vier Folgeheften die lebenslange Konfrontation Tims mit dem Tod bis an seine aktuellen Lebensumstände herangeführt wird.

Schwarwel war immer schon ein Meister der im Stil des amerikanischen Undergrounds gehaltenen Schwarzweißzeichnung, die ihre Ursprünge in der Ästhetik der EC-Comics hat, jener Gruselgeschichten der vierziger und fünfziger Jahren, die seinerzeit durch ihre Schreckensästhetik der Auslöser für die Etablierung einer Selbstzensur der amerikanischen Comicverleger waren. Doch reiner Schock ist nicht das Ziel Schwarwels. Wenn er als Anreger konkret Will Eisners Graphic Novel „A Contract With God“ und Alan Moores und Dave Gibbons‘ zwölfteilige Heftserie „Watchmen“ nennt (ein umfangreiches Interview mit Schwarwel zu „Gevatter“ findet sich hier), dann gibt das einen Hinweis sowohl auf den literarischen Anspruch von „Gevatter“ als auch auf den formalen – nicht in Fragen eines graphischen Stils, sondern einer strukturellen Gestaltung, die sich vor allem in der Seitenarchitektur artikuliert. Explizit nimmt Schwarwel für sein meist aus drei Reihen à drei gleichgroßen Panels bestehendes Layout das Muster von „Watchmen“ auf. Bisweilen gibt es Einzelbilder, deren Formate als Vielfaches der kleinsten Einheit angelegt sind, aber manchmal setzt Schwarwel auch aus den neun Panels einer Seite eine große Abbildung zusammen, deren Zersplitterung in neun Teile ein Spiegelbild der Verletzlichkeit des Helden der Geschichte ist.

dann gibt das einen Hinweis sowohl auf den literarischen Anspruch von „Gevatter“ als auch auf den formalen – nicht in Fragen eines graphischen Stils, sondern einer strukturellen Gestaltung, die sich vor allem in der Seitenarchitektur artikuliert. Explizit nimmt Schwarwel für sein meist aus drei Reihen à drei gleichgroßen Panels bestehendes Layout das Muster von „Watchmen“ auf. Bisweilen gibt es Einzelbilder, deren Formate als Vielfaches der kleinsten Einheit angelegt sind, aber manchmal setzt Schwarwel auch aus den neun Panels einer Seite eine große Abbildung zusammen, deren Zersplitterung in neun Teile ein Spiegelbild der Verletzlichkeit des Helden der Geschichte ist.

Das erste Heft ist pünktlich zum derzeit in Leipzig laufenden Endlichkeitsfestival „Die Stadt der Sterblichen“ erschienen, und die zweite Ausgabe soll noch in diesem Monat folgen. Das lässt auf dichte Publikationsfolge hoffen, so dass „Gevatter“ bald abgeschlossen werden könnte. Und wenn das gelingt, dann hat Schwarwel womöglich genug Blut geleckt (und hoffentlich auch Geld verdient), um endlich das dritte „Seelenfresser“-Album „Hoffnung“ zu publizieren. Einiges daraus hat er fürs Netz ja schon gezeichnet (http://www.seelenfresser.com/). Das will ich einfach noch gedruckt sehen, bevor ich oder er das Zeitliche segnen.

Andreas Platthaus: Moderne Form des Piraterie

Guillermo Corral und Paco Roca erzählen in „Der Schatz der Black Swan“ die wahre Geschichte des Kampfs des panischen Staates um ein Schatzschiff, dass ein privates amerikanisches Unternehmen gefunden hat.

Es ist erstaunlich, wie das Comic-Bildgedächtnis von Hergés „Tim und Struppi“ geprägt ist. Das schönste Beispiel bietet dafür ein spanischer Band, der ästhetisch wie erzählerisch nicht allzu viel mit Hergé gemein hat. Zwar kann man Paco Rocas graphischen Stil als klar bezeichnen, aber sicher nicht als „klare Linie“. Und das Szenario von Guillermo Corral erzählt zwar eine Abenteuergeschichte, aber die spezifische Beimischung von Humor, wie wir sie aus „Tim und Struppi“ kennen, ist seine Sache nicht. Die Handlung hat ja auch ein denkbar ernstes Thema: räuberische Schatzsucher auf hoher See, und am Ende kommt sogar noch eine Prise Spionage mit dazu.

Was aber ist denn bitte dann Hergés Einfluss auf diesen Band namens „Der Schatz der Black Swan“ (wie lächerlich, diese Titelwahl, wo doch im Original von „Cisne Negro“ die Rede ist, was man also gut „Schwarzer Schwan“ hätte nennen können) mit dessen mehr als zweihundert Seiten? Nun, schon das Cover zitiert die Umschlaggestaltung des „Tim und Struppi“-Bandes „Das Geheimnis der Einhorn“ – naheliegend, wo doch auch in diesem Klassiker ein Schiffswrack mit einem Schatz an Bord gesucht wird. Bemerkenswert jedoch ist, dass es für die Assoziation reicht, dass wir beim „Schatz der Black Swan“ ein altes Segelschiff in einem separierten Kreis sehen – hier die Cover-Abbildung samt Leseprobe darunter. Und schon in Gedanken bei Tim sind. „Kohle an Bord“, ein weiteres Meeresabenteuer der Serie von Hergé, nutzt das Kreismotiv übrigens auch, und so hat es sich noch tiefer in unser Kollektivbewusstsein eingegraben.

Natürlich weiß Roca das, zumal er ziemlich früh im Band noch eine deutliche Kapitän-Haddock-Hommage unterbringt, als die Mitarbeiter eines dubiosen amerikanischen Bergungsunternehmens ihren Chef für die Entdeckung des Schatzes mit einem Plakat feiern, dass ihn in Kleidung und Gestik des berühmten Gefährten von Tim auftreten lässt. Der Haken allerdings bei diesem für jeden halbwegs europäisch sozialisierten Comicleser erkennbaren Bildzitat: Dass Amerikaner dieses Motiv wählen würden, ist höchst unwahrscheinlich, denn dort ist „Tim und Struppi“ kein präsenter Klassiker. Die Szene ist also im Kontext des erzählten Geschehens unwahrscheinlich. Sie ist l’art pour l’art.

Ansonsten kann man „Der Schatz der Black Swan“ wenige Vorwürfe machen. Die Verquickung der eigentlichen Handlung um die moderne Form der Piraterie mit einer Liebesgeschichte zwischen zwei Protagonisten, dem frischgebackenen junge Mitarbeiter des spanischen Kulturministeriums Álex und seiner dort schon länger angestellten Kollegin Elsa, ist ebenso absehbar wie unbeholfen – probates menschliches Beiwerk, gewiss, aber aufgesetzt wie in einem schlechten Filmskript. Dabei hat Guillermo Corral durchaus ein Gespür für Spannungsdramaturgie. Seine Konstellation beim Kampf des spanischen Staates (oder besser gesagt: der aufrechten Kultusbürokratie) gegen die frechen amerikanischen Privatschatzsucher, die nur am Geldwert des Schatzes interessiert sind, ist zwar auch denkbar schlicht, aber die verschiedenen Wendungen dabei, die vor allem juristischer und politischer Natur sind und sich somit nicht auf hoher See, sondern in den Amtsstuben und Gerichtssälen abspielen, sind sowohl überraschend wie realistisch.

Was nicht nur daran liegen wird, dass es den handlungsauslösenden Schiffsuntergang 1804 ebenso gegeben hat wie 2011 die juristische Auseinandersetzung um den Schatz, sondern auch daran, dass Corral selbst Diplomat ist und als spanischer Kulturattaché unter anderem in den Vereinigten Staaten gearbeitet hat. Wie segensreich sich solche Expertise auf ein Szenario auswirken kann, wissen wir spätestens seit den Geschichten, die der französische Diplomat Antonin Baudry unter dem Pseudonym Abel Lanzac für Christophe Blains hinreißende Politserie „Quay d’Orsay“ geschrieben hat.

Dass Paco Roca, der ja vor allem mit autobiographisch grundierten Bänden wie „Kopf in den Wolken“ und „La Casa“ bekannt geworden ist, erstmals ein fremdes Szenario benutzt hat (wobei er sich bei seinem selbstverfassten Comic „Die Heimatlosen“ über spanische Soldaten im Zweiten Weltkrieg schon der Expertise von Experten bediente), ist interessant, weil er – wie auch Blain – als „Auteur“ in seinem Fach gilt, also als ein Comiczeichner, der seine eigenen Geschichten erzählt. Hier nutzt er die Freiheit des „nur“ Zeichnens für Elemente, die aus dem sonstigen graphischen Erscheinungsbild des Bandes ausbrechen: ein historischer Rückblick etwa in Bilderbuchform auf getöntem Papier, eine persönliche Erinnerung als schwarzweißer „stream of consciousness“ ohne Panelunterteilung oder auch einfach mal eine eingestreute Schemazeichnung, um eine wichtige Lokalität für uns Leser besser verständlich zu machen. Das ist alles sehr klug, und man wäre gerne dabeigewesen, als Roca und Coral an ihrem Band gearbeitet haben. Mutmaßlich war das ein kollegialeres Miteinander als im hierarchisch organisierten Studio von Hergé, wo außer dem Willen des Meisters nichts galt. Die Resultate überzeugen aber in beiden Fällen, und wenn Rocas Cover dazu beiträgt, dass ein paar „Tim und Struppi“-Fans mal in „Der Schatz der Black Swan“ hineinblättern, hat sich die Sache auch gelohnt

Andreas Platthaus: Wenn alles auf den Kopf gestellt wird

Vor neunzehn Jahren schon obskur und jetzt als Gesamtausgabe noch immer: Thierry Smolderen und Jean-Philippe Bramanti verwickeln in „McCay“ den großen gleichnamigen Comic-Meister in ein parawissenschaftliches Abenteuer.

Vor neunzehn Jahren startete in Frankreich eine Albenserie mit dem Titel „McCay“. Wer sich auch nur ein bisschen für die Geschichte des Comics oder auch des Trickfilms interessiert, kennt den Namen: Winsor McCay wurde auf dem ersten Feld mit „Little Nemo in Slumebrland“ zum Pionier, auf dem zweiten mit „Gertie the Dinosaur“. Er war einer der berühmtesten und bestbezahlten Zeichner im Amerika des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, und sein visueller Einfallsreichtum ist auch noch hundert Jahre später unerreicht. Auch die französische Albenserie versuchte es graphisch gar nicht erst. Aber inhaltlich. Ihr Thema ist Winsor McCay, jedoch nicht das vielfach dokumentierte Leben des 1871 geborenen und 1934 gestorbenen Künstlers, sondern ein Lebensabschnitt von 1889 bis 1910, also der Aufstieg vom Nachwuchsillustrator zum Star seiner Zunft, der hier als eine Art Faust-Geschichte erzählt wird. Kein Wunder, denn der Szenarist dieser Geschichte ist der Belgier Thierry Smolderen, einer der innovativsten und gebildetsten Autoren des französischsprachigen Comics, zugleich ein exzellenter Kenner der ganzen Comicgeschichte. Also der ideale Autor einer McCay-Erzählung. Deshalb besorgte ich mir damals den ersten Band.

Ich war nicht enttäuscht, aber auch nicht begeistert, was vor allem an den Zeichnungen von Jean-Philippe Bramanti lag (hier kann man sie sehen, wenn auch nur auf der Hälfte der eingestellten Seiten), die – natürlich, muss man sagen – den Vergleich mit McCays unfassbar subtiler Linie nicht aushalten. Der einzige, der überhaupt im unmittelbaren Vergleich hat standhalten können, war Moebius (der seine eigene Version von „Little Nemo“ gezeichnet hat), aber den konnte Smolderen nicht gewinnen. Bramanti, Jahrgang 1971, ist Absolvent der Comicschule von Angoulême und beschäftigte sich schon in seiner Abschlussarbeit mit McCays „Little Nemo“. Der Comic „McCay“ lag somit in doppelt prädestinierten Händen. Aber viel Geist und Begeisterung reicht nicht an ein Genie heran. Von Bramanti hat man nach Abschluss des letztlich vierbändigen Zyklus auch nicht mehr viel als Comiczeichner gehört. Bis jetzt, wobei es nichts Neues gibt, sondern „McCay“ in deutscher Erstveröffentlichung als Sammelband (beim Carlsen Verlag). Dadurch habe ich die Geschichte erstmals zu Ende gelesen, den nach dem ersten Band hatte ich vor neunzehn Jahren die Lust auf weitere verloren. Die Handlung war mir auch etwas zu versponnen gewesen: Fantasy, die aber nicht wie bei McCay selbst als Träume motiviert ist, sondern durch die Verquickung seines Lebens mit dem eines imaginären Mannes namens Silas, der als Schausteller und Anarchist auf jeweils unterschiedliche Weise daran arbeitet, die Welt umzustürzen. Wer sich etwas besser mit McCays Werk auskennt, weiß, dass er seine zweite berühmte Serie „Dreams of a Rarebit Fiend“ mit „Silas“ signiert hat. Man könnte also eine Art Doppelgänger-Geschichte vermuten, aber das reichte Smolderen nicht. Er brachte mit dem britischen Sonderling Charles H. Hinton noch eine historische Gestalt ins Spiel, der am Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts den Übergang in die vierte Dimension gesucht hat. Und der junge Winsor McCay des Comics „McCay“ wird diesen Übergang finden – und dort auch die Inspiration für eine späteren eigenen Geschichten.

An dieser Stelle war der erste Band zu Ende, und damit für neunzehn Jahren auch meine Lektüre. Dass ich sie nun fortsetzen konnte, habe ich nicht bereut, aber ein Lieblingscomic wird „McCay“ nicht werden. Zumal Smolderen für die Gesamtausgabe, die vor zwei Jahren im französischen Original erschien, alle Zusatzseiten aus den Einzelbänden gestrichen hat, in denen er ausgiebig die kulturgeschichtlichen Hintergründe seiner Erzählung erläutert hat. Damit wurde die Lektüre der reichlich kruden Geschichte erleichtert, weil man nun die Anspielungen verstand, und das wäre heute noch genauso, aber stattdessen ist dem Nachdruck-Band eine Serie von vierundzwanzig ganzseitigen Schwarzweißzeichnungen beigegeben, die Bramanti eigens angefertigt hat: imaginäre Umschlagabbildungen, die meist zentrale Motive und Handlungsorte von „McCay“ zum Gegenstand haben, manchmal aber auch Szenen bieten, die es im Comic gar nicht gibt. In diese Fällen wird es interessant, aber leider auch nur in diesen.

Denn der Comic selbst bleibt zu überdreht in seiner Kombination von Phantastik und biographischer Akkuratesse. Zudem macht Smolderen einen drastischen Fehler, den man ihm nie zugetraut hätte: Er lässt einen Teil des Finales in William Randolph Hearsts berühmter kalifornischer Villa spielen, die er nicht nur nach San Francisco verlegt (sie steht aber 150 Kilometer weiter südlich auf einem einsamen Hügel über der Pazifikküste), sondern auch 1910 schon fertig sein lässt, obwohl ihr Bau erst 1919 begonnen wurde. Schade, dass man das Zusatzmaterial nicht mehr hat, sonst hätte man wenigstens nachlesen können, ob sich Smolderen dieses Anachronismus bewusst war. Interessant ist, dass zumindest eine Doppelseite komplett umgearbeitet wurde: Seite 12/13 im ersten Album (nun 16/17 im Sammelband), wo die „verwunschene Schaukel“ des Schaustellers Silas zum Einsatz kommt. In der Erstveröffentlichung sieht man das Publikum nicht, sondern nur ihre Wahrnehmung des plötzlich kopfstehenden Raumes, im Nachdruck jetzt sieht man die Leute wild auf ihrer Schaukel durch das Zimmer kreisen, was ein betrug am Leser ist, denn der Trick von Silas war gerade das Spiel mit der eigenen Wahrnehmung der Besucher. Smolderen und Bramanti habe da ihrer eigenen Geschichte nicht mehr getraut.

Der neue Band ist gut gedruckt, wenn auch gegenüber den ursprünglichen Alben im verkleinerten Format, aber gerade das lässt auch die Schwächen von Bramantis Graphik hervortreten, die zu häufig recht nahe an seinen Fotovorlagen ist und zu selten McCay selbst zitiert. Was auch – siehe oben – riskant ist, aber man sehrt sich bei den aus „Little Nemo“ oder „Rarebit Fiend“ bekannten Hintergründen nach dem traumwandlerisch sicheren Strich ihres Schöpfers. Der gefällige Retro-Look von Bramanti, der eher die Schwarze Serie des mittleren zwanzigsten Jahrhunderts heraufbeschwört als das Fin de siècle, ist einfach zu wenig.